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Mit seiner Versetzung nach Washington bricht der Bundesrat ein Versprechen: Korpskommandant Daniel Baumgartner (links). Bild: KEYSTONE

Erst Attaché, dann Rentner – der Bundesrat bricht ein Versprechen (und muss sich erklären)

Der von einem Spesenskandal geschwächte Korpskommandant Daniel Baumgartner wird Verteidigungsattaché in den USA – und geht danach direkt in Rente. 2007 hatte der Bundesrat noch explizit versprochen, auf solche Ernennungen zu verzichten. Jetzt muss sich Verteidigungsminsterin Viola Amherd (CVP) erklären. Eine Geschichte in 6 Teilen.

Publiziert: 02.05.19, 14:38 Aktualisiert: 03.05.19, 06:51

Die Vorgeschichte

«7 Biere, 82 Einheiten Spirituosen, 10 Flaschen Weisswein, 12 Flaschen Rotwein, 9 Zigarren»: Es waren eindrückliche Mengen, die 22 Berufsmilitärs und 6 Gäste an einem Abend im Sommer 2014 im Panixerstübli in Elm GL konsumierten. Die Rechnung visierte Daniel Baumgartner, der damalige Chef der Logistikbasis der Armee (LBA), der ebenfalls am Anlass teilgenommen hatte. Dies geht aus einer Administrativuntersuchung hervor, welche der Tages-Anzeiger im vergangenen November publik machte.

Ein Disziplinarverfahren gegen Baumgartner kam danach zum Schluss, dass dieser sich im Zusammenhang mit Spesenabrechnungen zwar «ungeschickt», «sorgfaltswidrig» und in einem Fall sogar «rechtswidrig» verhalten hat. Doch zu einem Strafverfahren kam es nicht. Der damalige Verteidigungsminister Guy Parmelin (SVP) sprach dem 2016 zum Korpskommandanten beförderten Baumgartner im vergangenen Jahr sein Vertrauen aus.

Der neue Posten

Anfang April 2019 gibt der Bundesrat bekannt, dass sich Baumgartner aus der Armeeführung zurückzieht. Nach der Spesenaffäre galt seine Autorität armeeintern als angeschlagen. Kurz darauf ernennt ihn die Regierung zum Verteidigungsattaché in Washington DC, wo er der Schweizer Botschaft angeschlossen sein wird. Dort erhält Baumgartner mit Verweis auf eine Sonderbestimmung der Personalverordnung weiterhin seinen bisherigen Korpskommandanten-Lohn von jährlich knapp 300'000 Franken. Normalerweise verdient ein Verteidigungsattaché 189'635 Franken im Jahr.

Darf seinen Lohn behalten: Daniel Baumgartner. Bild: KEYSTONE

Nach der sechsmonatigen Ausbildung zum Verteidigungsattaché wird der 57-jährige Baumgartner am 1. Juli 2020 seinen Posten in Washington antreten. Verbleibt er die für einen Verteidigungsattaché üblichen vier Jahre in den USA, wird Baumgartner danach direkt in Pension gehen. Als Berufsmilitär gilt für ihn grundsätzlich das Pensionsalter 60 Jahren. 2017 hob der Bundesrat diese Frühpensionierungsregel zwar auf – Baumgartner ist von dieser Änderung jedoch aufgrund seines Alters nicht betroffen.

Die alte Kritik

Der Bundesrat macht sich mit der Personalie Baumgartner nicht nur beim Lohn angreifbar, sondern auch wegen der Pensionierung direkt nach dem Einsatz in Washington. Sie steht in direktem Widerspruch zu Zusicherungen, welche der Bundesrat 2007 nach massiver Kritik am System der Verteidigungsattachés durch die Geschäftsprüfungskommission des Nationalrats (GPK-N) abgegeben hatte.

Die GPK hatte im Mai 2006 nach einer ausführlichen Inspektion festgehalten, dass VBS und Armeeführung «die Notwendigkeit des Systems der Verteidigungsattachés nicht überzeugend aufzeigen» konnten. Die GPK stellte «den konkreten Mehrwert der Tätigkeit der Attachés» in Frage. Das System in der heutigen Form werde den Herausforderungen der Schweiz auf sicherheitspolitischem Gebiet nicht gerecht, so das Fazit.

Dicke Post: Der GPK-Bericht von 2006 enthielt scharfe Kritik. Bild: screenshot parlament.ch

Positiv hob die GPK das Rekrutierungs- und Ausbildungssystem hervor, das von «sehr guter Qualität» sei. Einige Jahre zuvor seien häufig Berufsoffiziere am Ende ihrer Laufbahn auf Verteidigungsattachéposten versetzt worden, «als Dank für geleistete Dienste oder weil man keinen anderen Einsatz für sie fand», rief die GPK in Erinnerung. Diese «Politik der Abstellgleise erster Klasse» sei «dem Ruf der Verteidigungsattachés abträglich» gewesen und «lebe in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor weiter».

Obwohl sie die Fortschritte hervorstrich, stellte die GPK fest:

«Es bestehen noch immer Anwandlungen, die Verteidigungsattachéposten zur Lösung gewisser Personalführungsprobleme zu nutzen (...) Diese Art der Ernennung kommt in der öffentlichen Meinung ungeachtet der Qualitäten der betroffenen Personen nicht gut an. Sie vermitteln den Eindruck, dass den höheren Stabsoffizieren eine Vorzugsbehandlung angediehen wird.»

Das gebrochene Versprechen

2007 lieferte der Bundesrat einen ausführlichen Bericht als Antwort auf die Kritik der GPK ab. Der Verteidigungsattaché-Dienst erbringe einen wichtigen Nutzen, der nicht durch andere Stellen erbracht werden könne, hielt er fest. Doch er ging auch auf die Kritik ein und verwies auf «umgehend eingeleitete Massnahmen».

Der Bundesrat unterstrich, dass die Rekrutierung bei allen angehenden Verteidigungsattachés ungeachtet von Rang, vorhergehender Funktion und Erfahrung gleich ablaufen müsse. Der Bundesrat nahm Abstand von erstmaligen Ernennungen von Berufsoffizieren zu Verteidigungsattachés kurz vor der Pensionierung:

«Die Stationen Rekrutierung – Selektion – Ausbildung – Einsatz – Rückkehr müssen als gesamtheitlicher Prozess und Teil einer systematischen Karriereplanung wahrgenommen werden, in welcher ein Element das andere bedingt.»

Entsprechend sei «auf den Ersteinsatz von Personen kurz vor der Pensionierung zu verzichten, da ihre Erfahrungen nach der Rückkehr der Bundesverwaltung nicht mehr zur Verfügung stehen.» Genau das trifft bei Baumgartner aber zu.

Neues Ungemach

«Es wirft natürlich Fragen auf, wenn der Bundesrat der GPK gegenüber das eine verspricht, und dann bei einer schwierigen Personalentscheidung das Gegenteil davon tut» sagt GPK-Mitglied und SP-Nationalrat Cédric Wermuth. Die Versetzung Baumgartners nach Washington stehe im Widerspruch zu den Zusicherungen des Bundesrats von 2007.

«Dem Bundesrat auf die Finger schauen»: SP-Nationalrat Cédric Wermuth fordert Antworten. Bild: KEYSTONE

Zu den Aufgaben der GPK gehöre die Oberaufsicht über die Personalführung in der Bundesverwaltung: «Wir haben die Pflicht, dem Bundesrat auf die Finger zu schauen. Wir werden uns das sicher anschauen.» An einer der nächsten GPK-Sitzungen soll Verteidigungsministerin Viola Amherd (CVP) erklären, wie der Entscheid zustandegekommen ist.

Einer, der Amherd bereits zum Thema befragt hat, ist Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli, Mitglied der Sicherheitspolitischen Komission (SiK). Dass der Bundesrat sein Versprechen von 2007 bricht, empfindet er als «problematisch ». In diesem Fall hätten zwar auch teilweise nachvollziehbare, andere Überlegungen eine Rolle gespielt: «Aber ich hoffe sehr, dass das Beispiel keine Schule macht», sagt Glättli.

An der Kommissionssitzung vom Montag habe Viola Amherd Auskunft zum Fall Baumgartner gegeben, etwa zur Entscheidfindung im Bundesrat und zu den im Personalrecht vorgesehenen Möglichkeiten. Viele offene Fragen hätten geklärt werden können, fasst Glättli den Auftritt Amherds mit Verweis aufs Kommissionsgeheimnis zusammen.

Die Rechtfertigung

Auf Anfrage von watson verteidigt man beim Verteidigungsdepartement VBS die Versetzung Baumgartners als regelkonform. Das Auswahlverfahren sei gemäss den «Weisungen des VBS für die Vorbereitung von Ernennungen von höheren Stabsoffizieren zuhanden des Bundesrates», sagt VBS-Sprecher Lorenz Frischknecht. Baumgartner durchlaufe ordnungsgemäss die halbjährige Ausbildung zum Verteidigungsattaché.

«Im Interesse des Arbeitgebers»: Das VBS von Bundesrätin Viola Amherd (CVP) verteidigt die Personalie. Bild: KEYSTONE

Nur ausweichend beantwortet wird die Frage, weshalb Baumgartner nach Washington beordert wurde, obwohl er danach nicht mehr in die Verwaltung zurückkehrt. «Im vorliegenden Fall zählen die Erfahrungen, die Korpskommandant Baumgartner in seiner neuen Funktion zur Geltung bringen kann», erklärt Frischknecht. Er verweist auf das speziell anspruchsvolle Anforderungsprofil für den Attachéposten in Washington: «Herr Baumgartner bringt unter anderem aufgrund seiner Aus- und Weiterbildung, seiner Leistungen und seiner Erfahrung die besten Voraussetzungen und Kompetenzen in diese Funktion mit.»

Bei der Ernennung Baumgartners hätten politische Überlegungen keine Rolle gespielt: «Die Versetzung erfolgte im Interesse des Arbeitgebers VBS und im Einvernehmen mit Korpskommandant Daniel Baumgartner.»

Der Bundeszoo: Diese Tiere stehen im Dienst des Staates

Ja, auch Tiere leisten Militärdienst. Wie die 65 Reitpferde, die der Schweizer Armee gehören. bild: kompetenzzentrum veterinärdienst und armeetiere Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere
Bald sollen es aber nur noch 38 sein. Der Bundesrat will sparen. Von einem generellen Abbau der Armeetiere kann aber keine Rede sein. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Der damalige Bundesrat Samuel Schmid (2002): «Es gibt Bereiche und Situationen, in denen der technologische Fortschritt den nützlichen Einsatz des Pferdes für den Menschen in keiner Weise ersetzt.» KEYSTONE / MICHELE LIMINA
Damit spricht er die rund 300 Trainpferde und Maultiere an, die das Militär einsetzt. Diese kommen in schwierigem Gelände zum Einsatz. KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Und können bis zu 100 Kilogramm über längere Zeit transportieren. Die Schweizer Armee fasst es in einer Broschüre so zusammen: «Wo nichts mehr geht, geht das Pferd.» KEYSTONE / ANTHONY ANEX
Doch auch der beste Freund des Menschen darf in der Armee nicht fehlen. 105 Hunde besitzt die Schweizer Armee. bild: kompetenzzentrum veterinärdienst und armeetiere Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere
Sie werden eingesetzt als Rettungshunde und als ... KEYSTONE / URS FLUEELER
... Schutzhund. Dabei werden die Hunde aber nicht als «Kampfwaffe», sondern als «Alarmglocke» betrachtet. bild: kompetenzzentrum veterinärdienst und armeetiere
Derzeit gibt es sechs verschiedene Einheiten mit Armeetieren. Ab 2018 gehören sie aber alle zu einer Einheit. Der Grund: Die Armee will vermehrt gemeinsame Einsätze machen und auch Synergien besser nutzen, wie Armeesprecher Daniel Reist mitteilt. bild: kompetenzzentrum veterinärdienst und armeetiere Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere
So sieht es übrigens von oben aus, wenn sich alle sechs Einheiten treffen. Dies war im Herbst 2016 zum ersten Mal seit 2003 wieder einmal der Fall. Eine Art Hauptprobe vor der Fusion. bild: kompetenzzentrum veterinärdienst und armeetiere Kompetenzzentrum Veterinärdienst und Armeetiere
Bis 1996 leistete noch ein weiteres Tier Dienst in der Schweizer Armee. Dazu schauen wir doch einmal in den Wagen. bild: schweizerisches bundesarchiv Bundesarchiv
Die Brieftaube. Oder um es im Militär-Jargon zu sagen: «selbstreproduzierender Kleinflugkörper auf biologischer Basis mit festprogrammierter automatischer Rückkehr aus beliebigen Richtungen.» bild: schweizerisches bundesarchiv Bundesarchiv
Die 30'000 Vogel starke Kompanie aus Brieftauben kostete die Schweizer Armee jährlich 600'000 Franken. bild: schweizerisches bundesarchiv Bundesarchiv
Militärisch sah man bis zuletzt die Vorteile der Luftkuriere: Sie hatten eine «Hungerkapazität» von drei Tagen und eine «Durstkapazität» von einem Tag, wie die Zeitung «Welt» bei der Ausmusterung der Taube berichtete. bild: schweizerisches bundesarchiv Bundesarchiv
Weitere Zahlen zur Brieftaube. Sie brauchte täglich 30 Gramm Körnerfutter als "Sprit", konnte bis zu 800 Kilometer am Stück zurücklegen und flog mit Geschwindigkeiten bis zu 120 Stundenkilometer. bild: schweizerisches bundesarchiv Bundesarchiv
Ein Armeetier ging vergessen? Genau – Brigadier Broccoli darf in dieser Auflistung natürlich nicht fehlen. bild: facebook Facebook
Die Katze besuchte 2005 erstmals die Kaserne in Lyss. Hungrig verschlang sie damals ein Stück Broccoli. Dies schmeckte ihr so gut, dass sie in der Kaserne zum Dauergast wurde. bild: facebook Facebook
Und auch medial für Schlagzeilen sorgte (Blick, 4. Juli 2013). Facebook
Mittlerweile hat Brigadier Broccoli auch sein eigenes Dienstbüchlein. bild: facebook Facebook
Offiziell ins Inventar des Militärs gehört er aber trotzdem nicht. Armeesprecher Daniel Reist: «Brigadier Broccoli ist gewissermassen ein lieb gewonnener zugelaufener blinder Passagier, ohne offizielle militärische Identität. Er gehört sich selbst.» bild: facebook Facebook
Nebst den Armeetieren gibt es noch weitere Tiere, die dem Bund gehören. KEYSTONE / SANDRO CAMPARDO
Zum Beispiel im Grenzwachtkorps. Denn auch dieses ist auf Tiere angewiesen. Derzeit werden 97 Hunde eingesetzt. Unter anderem zum Erschnüffeln von Drogen und Sprengstoff. KEYSTONE / PETER KLAUNZER
Am meisten Tiere innerhalb des Bundes besitzt Agroscope – das Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung. Die meisten Tiere werden zu Forschungszwecken eingesetzt. Präziser: Zu Fütterungsversuchen und zur Verbesserung der Fleischqualität. Dazu zählen: KEYSTONE / STEFFEN SCHMIDT
550 Schweine. KEYSTONE / STEFFEN SCHMIDT
280 Rinder. KEYSTONE / MAXIME SCHMID
120 Bienenvölker. KEYSTONE / MARTIN RUETSCHI
80 Pferde. Sie gehören dem Schweizer Nationalgestüt, das an Agroscope angegliedert ist. Die Pferde werden zur Züchtung und zur Haltungsforschung eingesetzt. bild: schweizer nationalgestüt Jahresbericht Agroscope, Schweizer Nationalgestüt
20 Schafe. KEYSTONE / ARNO BALZARINI
Und ein Esel. Sein Name: Babalou. bild: schweizer nationalgestüt Schweizer Nationalgestüt

Viola Amherd besucht am WEF eine Truppe der Armee

Video: SRF / SDA SRF

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