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Ein neuer Sarkophag hüllt seit 2016 die Ruine des havarierten Reaktors von Tschernobyl ein. Bild: keystone

Neutronenstrahlung in Block 4 von Tschernobyl beunruhigt Experten

Publiziert: 12.05.21, 18:57 Aktualisiert: 13.05.21, 12:52

Vor 35 Jahren kam es in Block 4 des sowjetischen Atomkraftwerks Tschernobyl zu einer Explosion im Reaktorkern und einer Kernschmelze. Grosse Mengen radioaktiver Stoffe wurden bei diesem bisher schlimmsten nuklearen Unfall freigesetzt und teilweise tausende von Kilometern weit getragen. Das Gebiet um das Kraftwerk wurde radioaktiv verseucht; mehrere Siedlungen, darunter die Stadt Prypjat, wurden evakuiert und befinden sich bis heute in einer Sperrzone.

Geisterstadt Tschernobyl

Die Sonne strahlt mit der ukrainischen Stadt um die Wette, die seit dem Super-GAU nicht mehr betreten werden darf. Ein Fotograf ... CATERSNEWS / / 1120805
... bekam jedoch eine Ausnahmegenehmigung: Roland Verant nimmt uns mit auf einen Spaziergang ... CATERSNEWS / / 1120780
... durch eine Geisterstadt. Am 26. April 1986 ... CATERSNEWS / / 1120798
... gab es im Block 4 des Kraftwerks eine Kernschmelze, von der sich die Region noch lange nicht ... CATERSNEWS / / 1120779
... erholt hat. Oft sieht man den Gebäuden an, ... CATERSNEWS / / 1120794
.... dass sie von einem auf den anderen Moment verlassen ... CATERSNEWS / / 1120792
... werden mussten, bevor die ersten ... CATERSNEWS / / 1120782
... Aufräum- und Rettungsmannschaften eintrafen. CATERSNEWS / / 1120787
Hier spielt sich kein Theater mehr ab. CATERSNEWS / / 1120778
Und hier ist der Spass schon vor Jahrzehnten zum Stillstand gekommen. CATERSNEWS / / 1120789
Der Lack ist ab vom Roten Stern. CATERSNEWS / / 1120797
Fahle Präperate für Biologen, Schüler oder Studenten. CATERSNEWS / / 1120790
Ein verlassenes Schwimmbad. CATERSNEWS / / 1120775
Der Todes-Meiler im zarten Abendlicht: Durch die ... CATERSNEWS / / 1120809
... atomare Strahlung sehen sowohl die Sonnenunter-, ... CATERSNEWS / / 1120808
... als auch Sonnenaufgang deutlich pompöser aus als gewohnt. CATERSNEWS / / 1120807
Aber will man deswegen tauschen? Wohl eher nicht. CATERSNEWS / / 1120806
Die Natur holt sich zwar langsam Räume zurück, doch der Boden ist für die Pflanzen wegen der Kontamination nicht verwertbar. CATERSNEWS / / 1120803
Genauso wie diese Panzer, die nach den ersten Reparatureinsätzen wegen der Verstrahlung in Tschernobyl blieben. CATERSNEWS / / 1120804
In solchem Schrott sammelt sich besonders viel Radioaktivität. CATERSNEWS / / 1120783
Ein Gang wie aus einem Horrorfilm. CATERSNEWS / / 1120785
Das gilt ach für diesen Flur. CATERSNEWS / / 1120791
In Seenot verrostet. CATERSNEWS / / 1120793
Traurig: Der Blick in ein altes Kinderzimmer. CATERSNEWS / / 1120786
Ein Meer von Gasmasken mit einer Puppe. CATERSNEWS / / 1120784
Fotograf Roland Vernant nimmt ein Portrait ins Visier. CATERSNEWS / / 1120812
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CATERSNEWS / / 1120802

Der havarierte Reaktor musste möglichst schnell eingeschlossen werden, um die Strahlung und weitere Verbreitung von radioaktiven Substanzen einzuschränken. Zu diesem Zweck wurde in aller Eile eine provisorische Konstruktion über Block 4 errichtet – der sogenannte Sarkophag. Dieser im November 1986 fertiggestellte Bau wurde jedoch zusehends undicht, sodass ein neuer Sarkophag gebaut und über die alte, rissige Ummantelung geschoben werden musste. Dieses «New Safe Containment» befindet sich seit 2016 über dem Reaktor.

Schutzhülle für die Atomruine Tschernobyl

30 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl in der Ukraine haben Spezialisten in einem historischen Schritt eine gigantische Schutzhülle über die Atomruine geschoben. X00550 / GLEB GARANICH
Die neue Schutzhülle für den 1986 explodierten Reaktor in Tschernobyl steht. Der Stahlmantel soll für die nächsten 100 Jahre einen Austritt von Strahlung verhindern und die Ruine vor Umwelteinflüssen schützen. EPA/EPA / SERGEY DOLZHENKO
Bei Schneetreiben und bedecktem Himmel bereiteten Arbeiter und Experten die Präsentation des Stahlmantels am 29. November 2016 vor. EPA/EPA / SERGEY DOLZHENKO
Die neue, mehr als 36'000 Tonnen schwere Schutzhülle gilt als Meilenstein im Kampf gegen tödliche Strahlung. X00550 / GLEB GARANICH
Sie soll einen Betonsarkophag ergänzen, der von der Sowjetunion nach der Kernschmelze vor 30 Jahren errichtet worden war. AP/AP / Efrem Lukatsky
Sie soll auch Erdbeben bis zu einer Stärke von sechs und Tornados standhalten können - beides ist in der Region äusserst selten. X00550 / GLEB GARANICH
In der Hülle befinden sich Geräte, die einen Rückbau des alten Sarkophags sowie die Aufbereitung radioaktiver Abfälle ermöglichen sollen. X00550 / GLEB GARANICH
Ein System aus Spezialschienen und Hydraulik hatte die Hülle in den vergangenen 14 Tagen auf die Anlage geschoben. EPA/EBRD PHOTOSTREAM / EBRD PHOTOSTREAM/HANDOUT
Die mehr als 36'000 Tonnen schwere Konstruktion gilt als das grösste bewegliche Bauwerk der Welt. EPA/EBRD PHOTOSTREAM / EBRD PHOTOSTREAM/HANDOUT
Sie soll einen Betonsarkophag ergänzen, der von der Sowjetunion nach der Kernschmelze vor 30 Jahren errichtet worden war. EPA/EBRD PHOTOSTREAM / EBRD PHOTOSTREAM/HANDOUT
Am 26. April 1986 war ein Test in Tschernobyl ausser Kontrolle geraten, Reaktor 4 explodierte. EPA/EPA / ROMAN PILIPEY
Die radioaktive Wolke breitete sich von der damaligen Sowjetrepublik über Westeuropa aus. EPA/EPA / ROMAN PILIPEY

Mehrere Bereiche des zerstörten ursprünglichen Reaktorgebäudes sind nicht mehr zugänglich. Beim Brand des Reaktors ergoss sich ein stark radioaktives Gemisch aus geschmolzenen Brennstäben, deren Hüllen, den Steuerstäben und den Löschsubstanzen – vornehmlich Sand – in das Untergeschoss von Block 4. In diesem Corium genannten lavaartigen Gemisch kann die Kettenreaktion unter Umständen weitergehen, wenn örtlich eine kritische Masse erreicht wird.

Steigende Neutronenwerte

Diese Sorge treibt die Experten um, die die Vorgänge im havarierten Reaktor verfolgen. Sie messen unter anderem den Neutronenfluss mithilfe von Sensoren, die sich im Inneren des alten Sarkophags befinden. Kürzlich erklärte Anatolij Doroschenko vom Institut für Sicherheitsprobleme von Kernkraftwerken (ISPNPP) in Kiew, einige Sensoren zeigten langsam, aber stetig steigende Neutronenwerte, wie «Spiegel Online» berichtet. Der betroffene unzugängliche Raum 305/2 enthält besonders viel Corium. Die Neutronenemissionen stiegen dort seit Beginn 2016 um rund 40 Prozent an. Neutronen können schwere Atomkerne wie Uran oder Plutonium spalten, wenn sie von diesen eingefangen werden. Dabei werden neue Neutronen frei, die wiederum andere Kerne spalten können.

Animation einer neutroneninduzierten Kernspaltung. Bild: Wikimedia/Stefan-Xp

Doroschenko warnte, die steigenden Werte könnten auf eine sich selbst erhaltende Kernspaltung hinweisen. Allerdings gebe es noch genug Zeit, um das Problem in den Griff zu bekommen. Es handelt sich jedoch nicht um den ersten solchen Anstieg von Neutronenemissionen, der im Reaktorgebäude festgestellt wurde. Diese Phänomene, die an anderen Stellen auftraten, verschwanden von selber wieder.

Neil Hyatt, der sich an der Universität von Sheffield mit der Problematik von radioaktiven Abfällen befasst, vergleicht die Situation gegenüber «Science» mit «Glutnestern in einer Grillstelle». Es handle sich um eine Mahnung, dass das Problem nicht gelöst, sondern lediglich stabilisiert sei.

Welche Rolle spielt das Wasser?

Die Experten rätseln über den Einfluss des neuen Sarkophags auf die Neutronenemissionen. Bevor diese neue Ummantelung errichtet wurde, gelangte Wasser durch die Risse des alten Sarkophags ins Innere der Reaktorruine. Heftige Regenfälle bewirkten jeweils einen Anstieg der Neutronenemissionen, da Wasser schnelle Neutronen abbremst und damit die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie auf Kerne treffen und diese spalten.

1990 drang nach einem besonders heftigen Regenfall ein sogenannter Stalker – eine Person, die sich willentlich der Strahlenbelastung aussetzt – in das Reaktorgebäude ein und versprühte eine Gadolinium-Nitrat-Lösung über eine Corium-Ansammlung, von der man befürchtete, sie könnte überkritisch werden. Gadolinium-Nitrat, das als wasserlösliches Salz in Moderatoren von Atomreaktoren zur Steuerung und Notabschaltung verwendet wird, absorbiert Neutronen.

Der zerstörte Block 4 nach der Explosion. Bild: AP Chernobyl Museum

Der jetzt beobachtete Anstieg des Neutronenflusses in Raum 305/2 findet indes statt, nachdem der neue, dichte Sarkophag bereits installiert ist, der das Einsickern von Wasser verhindert. In der Tat sanken die entsprechenden Werte an den meisten überwachten Stellen oder blieben stabil. Die Experten nehmen an, dass die fortschreitende Trocknung des Coriums die Neutronen irgendwie dazu bringt, mehr Kerne zu spalten. Der Mechanismus sei unklar, stellte Hyatt fest, doch die Daten seien plausibel.

Eine zweite Katastrophe droht nicht

Zwar befürchten die Experten keine Wiederholung der Katastrophe von 1986. Dennoch warnt Hyatt vor einer exponentiell beschleunigten nuklearen Reaktion, die in eine unkontrollierte Freisetzung von Kernenergie münden könnte. Ein Worst-Case-Szenario wäre etwa, dass die durch die Kernspaltung entstehende Wärme das restliche Wasser im Reaktor verdampfen liesse, was zu einer unkontrollierten Kernspaltung führen würde. Eine dadurch ausgelöste explosive Reaktion würde zwar durch den neuen Sarkophag eingeschlossen, könnte aber die innere, alte Ummantelung teilweise zum Einsturz bringen, was den Sarkophag mit radioaktivem Staub füllen würde.

Tschernobyl, Fukushima und Co.: Die 15 teuersten Störfälle in AKWs

Tschernobyl (1986), Sowjetunion (Ukraine): 259 Milliarden Dollar. TASS / TASS
Fukushima (2011), Japan: 166 Milliarden Dollar. EPA / TEPCO / HANDOUT
Tsuruga (1995), Japan: 15,5 Milliarden Dollar. AP Kyodo News
Three Mile Island, Harrisburg, Pennsylvania (1979), USA: 11 Milliarden Dollar. AP / BARRY THUMMA
Belojarsk (1977), Sowjetunion (Russland): 3,5 Milliarden Dollar. (bild: wikimedia)
Sellafield (1969), Grossbritannien: 2,5 Milliarden Dollar. KEYSTONE / STR
Athens, Alabama (1975), USA: 2,1 Milliarden Dollar.
Jaslovske Bohunice (1977), Tschechoslowakei (Slowakei): 2 Milliarden Dollar. (bild: wikimedia/markba)
Sellafield (1968), Grossbritannien: 1,9 Milliarden Dollar. EPA PA GREENPEACE / STR
Sellafield (1971), Grossbritannien: 1,3 Milliarden Dollar. EPA PA FILES / STR
Plymouth, Massachusetts (1986), USA: 1,2 Milliarden Dollar.
Chapelcross (1967), Grossbritannien: 1,1 Milliarden Dollar.
Tschernobyl (1982), Sowjetunion (Ukraine): 1,1 Milliarden Dollar. (bild: sovietologist)
Pickering (1983), Kanada: 1 Milliarde Dollar.
Sellafield (1973), Grossbritannien: 1 Milliarde Dollar. AP / DAVE THOMPSON

Um dies zu verhindern, müsste neutronenabsorbierendes Material in die kritischen Stellen des Coriums eingebracht werden. Es ist dort nicht möglich, Gadolinium-Nitrat-Lösung über das Corium zu sprayen, da es sich unter einer Betondecke befindet. Daher müssten beispielsweise Zylinder mit Bor, das Neutronen einfängt, in Bohrlöcher im Corium eingeführt werden. Menschen können sich jedoch aufgrund der extremen Strahlenbelastung nicht in den Raum 305/2 begeben, diese Aufgabe müssten deshalb Roboter übernehmen, die der Strahlung lange genug standhalten könnten.

Auch 35 Jahre nach der Katastrophe sieht es nach wie vor so aus, als ob uns die Reaktorruine von Tschernobyl und ihre Probleme noch lange begleiten werden. (dhr)

Der Tourismus in Tschernobyl floriert

Video: srf/Roberto Krone

Tschernobyl 20 Jahre danach – Shane Thoms gespenstige Foto-Kunst

shanethoms.com / shanethoms.com
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So sieht die Sperrzone von Fukushima heute aus

Video: SRF / Roberto Krone

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