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Psyche und Pandemie: Warum vor allem junge Frauen leiden

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Psyche und Pandemie: Warum vor allem junge Frauen leiden

Seit Pandemiebeginn hat sich vor allem der psychische Zustand von jungen Frauen weiter verschlechtert – und sie leiden mehr unter beruflichem Stress und Leistungsdruck als junge Männer. Was hat es mit diesem Gendergap auf sich?
27.09.2022, 08:4927.09.2022, 16:04
Sidonia Küpfer
Contentpartnerschaft mit CSS
Dieser Blog ist eine Contentpartnerschaft mit der CSS Versicherung.

Im Rahmen dieses Blogs werden verschiedene Aspekte der neuen Studie zum Gesundheitszustand der Schweizer Bevölkerung beleuchtet. Die Resultate werden in insgesamt acht Beiträgen in diesem Format behandelt.

Es handelt sich nicht um bezahlten Inhalt.

Die Folgen der Pandemie machen nicht nur Kindern und Jugendlichen besonders zu schaffen. Auch junge Erwachsene hat es mit voller Härte getroffen. Die dritte Umfrage seit März 2020 im Rahmen der CSS-Gesundheitsstudie zeigt, dass bei ihnen das psychische Wohlbefinden heute stärker beeinträchtigt ist als mitten in der Pandemie – obwohl wir grösstenteils wieder in die Normalität zurückkehren konnten. Aber die monatelange Isolation hat eben auch bei jungen Menschen zwischen 18 und 30 Jahren ihre Spuren hinterlassen. Sie verfügen über weniger Bewältigungsstrategien und sind stärker auf den sozialen Austausch angewiesen als ältere Erwachsene, die gefestigt im Leben stehen. Die Folge davon: «Bei jungen Männern beobachten wir häufiger ein Suchtverhalten beim Gamen, bei jungen Frauen mehr Essstörungen und Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass bei der jungen Bevölkerung deutlich mehr Ängste vorhanden sind. Der Versuch, sich mit Gamen und Social Media von diesen Ängsten abzulenken und Stress abzubauen, bewirkt aber leider mittel- und langfristig häufig genau das Gegenteil», sagt die Psychiaterin und Psychotherapeutin Rosilla Bachmann.

Dass ausgerechnet junge Menschen zunehmend unter psychischen Problemen leiden, hat auch mit der Arbeitswelt zu tun: Vor allem Menschen im Alter zwischen 18 und 30 gaben in der Umfrage die berufliche Belastung sowie fehlende Perspektiven als grösstes Gesundheitsrisiko an. Diese Zukunftsängste erstaunen nicht, haben wir es doch gegenwärtig mit multiplen Krisen zu tun: Nicht nur die Pandemie, auch der Klimawandel, der Ukraine-Krieg oder neu die Energie-Krise vermitteln kein rosiges Bild. Die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, der bröckelnde Mittelstand und unsichere Arbeitsverhältnisse führen der jungen Generation zudem vor Augen, dass sie es nicht zwangsläufig besser als ihre Eltern haben werden. Diese Erzählung hat ausgedient.

Mehr Frauen als Männer betroffen

Besonders auffällig ist der Gendergap, den die Umfrageresultate zutage fördern: Junge Frauen berichten häufiger von einer Verschlechterung des psychischen Zustands seit Pandemiebeginn als junge Männer. Mittlerweile geben 55 Prozent der jungen Frauen an, dass ihr psychisches Wohlbefinden durchzogen oder schlechter ist. Dieser Wert war bereits letztes Jahr mit 49 Prozent sehr hoch. Was hat es damit auf sich? Es handelt sich um kein Zufalls-Resultat: Bereits die Stress-Studie 2021 von Pro Juventute machte auf diese Unterschiede aufmerksam: Die jungen Frauen fühlen sich im Vergleich zu den jungen Männern eher erschöpft oder ausgebrannt und nehmen Stress stärker als Belastung wahr. Auch in anderen Merkmalen, welche in der Pro-Juventute-Studie als Indikatoren für die psychische Gesundheit herangezogen wurden, zeigen sich bei den jungen Frauen deutlich höhere Belastungswerte. Am grössten ist der Unterschied beim Selbstwert, der bei jungen Frauen häufiger eingeschränkt ist. Ausserdem berichten sie von einem geringeren Wohlbefinden und niedrigerer Selbstwirksamkeit und fühlen sich häufiger als Versagerinnen.

Psyche und Gesellschaft

Sowohl die Resultate der CSS-Gesundheitsstudie als auch die der Untersuchung von Pro Juventute legen nahe, gesellschaftliche Bedingungen als Erklärungsmuster beizuziehen. «Junge Frauen haben unter anderem deshalb mehr Ängste, weil sie einem höheren Erwartungsdruck ausgesetzt sind», erklärt die Psychiaterin Rosilla Bachmann.

Die Pandemie hat eben nicht zu einer Aufweichung der Geschlechterrollen geführt – vielmehr ist eine Retraditionalisierung zu beobachten. Nach wie vor sind es Frauen, die den Grossteil der unbezahlten Arbeit übernehmen. Und nach wie vor müssen Frauen im Beruf mehr leisten, um überhaupt wahrgenommen zu werden. Gerade junge Frauen zwischen 25 und 30 stehen oft vor der Frage der Familiengründung und so manch eine fragt sich ob all der Belastungen: Wie kriege ich das hin? Weil traditionelle Rollenbilder noch immer nachwirken und die Schweiz zugleich in Bezug auf Kinderbetreuung grossen Nachholbedarf hat, ist es nicht verwunderlich, dass der gesellschaftliche Erwartungsdruck vor allem Frauen zu schaffen macht.

Fühlen Sie sich unter Druck, immer gesund und leistungsfähig zu sein?
Fühlen Sie sich unter Druck, immer gesund und leistungsfähig zu sein?

Diesen Schluss lässt auch die Tatsache zu, dass in der CSS-Gesundheitsstudie fast 85 Prozent der Frauen zwischen 18 und 30 angeben, sie würden unter Druck stehen, immer gesund und leistungsfähig zu sein. Bei den Männern sind es in der gleichen Alterskategorie mit 49,8 Prozent deutlich weniger. Je älter die Menschen werden, desto stärker nimmt dieser Druck ab und desto mehr gleichen sich die Geschlechter an. Das ist aber kein Grund zum Aufatmen.

Rosilla Bachmann betont, dass sich psychische Probleme oft schon in jungen Jahren manifestieren. «Wenn vermehrt junge Frauen so stark unter Leistungsdruck stehen und chronisch gestresst sind, ist die Wahrscheinlichkeit sehr gross, dass sie früher oder später mit einer Depression, einer Angststörung oder einer anderen psychischen Erkrankung konfrontiert sind.»

Darum ist es so entscheidend, früh zu intervenieren und zu reagieren (siehe Alarmzeichen weiter unten).

Die gefährliche Scheinwelt von Instagram

Neben der Arbeitswelt gibt es einen weiteren Bereich, der die psychische Gesundheit von Frauen ungleich stärker beeinträchtigt als die von Männern: die Rolle der sozialen Medien, insbesondere von bildlastigen Apps wie Instagram, deren Scheinwelten sich negativ auf das Körperbild von jungen Frauen und generell auf ihre Psyche auswirken. Rosilla Bachmann hat beobachtet, dass während Corona mehr Essstörungen unter adoleszenten Frauen aufgetreten sind – unter anderem eine Folge davon, dass sie sich aufgrund der Isolation häufiger in den sozialen Medien bewegt haben und sich das Leben vermehrt online abgespielt hat. «Dieser digitale Shift in der Lebensführung hat dazu geführt, dass manche Frauen sich obsessiv mit Bewegung und Ernährung zu beschäftigen begannen und in einen Teufelskreis der Selbstoptimierung gerieten.»

Zwischen Selbstausbeutung und Burn-out

Der zunehmende Stress in der Arbeitswelt und der normative Druck, der von Social Media ausgeht, machen jungen Frauen also besonders zu schaffen. Unsere Multioptionsgesellschaft eröffnet eben nicht nur Chancen, sondern erhöht vor allem bei Frauen die Angst, nicht zu bestehen, etwas Wichtiges zu verpassen – und das alles innerhalb eines gesellschaftlichen Wertesystems, das auf Leistungsdruck basiert, unbezahlte Care-Arbeit geringschätzt und dabei die negativen Folgen für die psychische Verfassung ausblendet.

Hatten Sie schon einmal ein Burnout?
Hatten Sie schon einmal ein Burnout?

Wohin das führen kann, ist aus der CSS-Studie über alle Altersgruppen hinweg klar herauszulesen: 10 Prozent aller Befragten geben an, bereits einmal mit der Burnout-Diagnose konfrontiert gewesen zu sein. Weitere 12 Prozent sind der Ansicht, ein Burnout erlitten zu haben, ohne dass es diagnostiziert worden war. Die höchsten Werte weisen diesbezüglich die 36- bis 65-Jährigen auf: Mehr als ein Viertel sagt, ein Burn-out erlebt zu haben – 13 Prozent davon mit einer Diagnose.

Da «Burnout» oft nur die euphemistische Bezeichnung für eine Depression ist, gilt es, rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dass immer mehr Menschen und insbesondere Frauen schon in jungen Jahren mit dem Leistungsdruck zu kämpfen haben und sich deren psychischer Zustand verschlechtert, lässt leider nichts Gutes für die künftige Entwicklung der psychischen Gesundheit erahnen. Vor allem dann nicht, wenn traditionelle Rollenbilder weiter fortwirken, soziale Medien den Selbstwert junger Menschen negativ beeinflussen können und sich der Wettbewerbsdruck, ob beruflich oder privat, ungebremst weiterentwickelt.

Das sind die Alarmzeichen:

Ab wann sind Ängste krankhaft? Wann leidet man lediglich unter einem Stimmungstief und wie merkt man den Unterschied zu einer Depression? Der Übergang zwischen psychischer Gesundheit und psychischer Erkrankung ist fliessend. Gerade für junge Menschen gilt: Je früher interveniert wird, umso besser. Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Rosilla Bachmann nennt typische Alarmzeichen bei jungen Erwachsenen:

  • Wenn zunehmend Sorgen und Ängste dein Leben dominieren.
  • Wenn du auch in der Nacht oder frühmorgens grübelst und dich negative Gedanken plagen.
  • Wenn du als Folge davon vermehrt müde und erschöpft bist.
  • Wenn du Situationen, die dir Angst machen, bewusst aus dem Weg gehst.
  • Wenn du ein zwanghaftes Verhalten entwickelst.
  • Wenn du dich nicht mehr konzentrieren kannst.
  • Wenn du dich selber abwertest und grosse Selbstzweifel entwickelst.
  • Wenn du deine sozialen Kontakte vernachlässigst und dich immer mehr zurückziehst.
  • Wenn du keine Kontrolle mehr hast über deinen Medienkonsum (Gamen, Social Media usw.) und dadurch wichtige Tätigkeiten vernachlässigst.

In jedem Fall gilt: Warte nicht zu lange, bis du dir Hilfe holst. Bei Angststörungen beispielsweise sind die Angstgefühle sehr ausgeprägt und beeinträchtigen die Lebensqualität und den Alltag der Betroffenen stark. Auf der Webseite von «Wie geht’s dir», einer Kampagne der Gesundheitsförderung Schweiz, erhältst du einen guten Überblick über die verschiedenen Hilfsangebote. Hier kann spezifisch nach Psychiaterinnen und Psychotherapeuten gesucht werden.

Lass dir helfen!
Du glaubst, du kannst eine persönliche Krise nicht selbst bewältigen? Das musst du auch nicht. Lass dir helfen.
In der Schweiz gibt es zahlreiche Stellen, die rund um die Uhr für Menschen in suizidalen und depressiven Krisen da sind – vertraulich und kostenlos.

Die Dargebotene Hand: Tel 143, www.143.ch
Beratung + Hilfe 147 für Jugendliche: Tel 147, www.147.ch
Reden kann retten: www.reden-kann-retten.ch
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43 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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ast1
27.09.2022 09:43registriert März 2014
Sind die Frauen wirklich häufiger betroffen oder trauen sich Männer einfach seltener, das zuzugeben?
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Childofthenight
27.09.2022 15:11registriert April 2018
Müssen unbedingt bei jedem Thema Gendergaps "konstruiert" werden?
Die psychische Gesundheit der Bevölkerung geht schon länger bachab. Die Pandemie hat dieses Phänomen noch zusätzlich verstärkt. Die Lockdowns und das social distancing hat eben Einfluss auf die Psyche der Menschen gehabt. Daneben gibt es noch eine Unzahl anderer Faktoren.
Wir müssen endlich darüber reden, wie wir eine Gesellschaft aufbauen können, bei der die Erhöhung der Lebensqualität im Einklang mit Natur und Umwelt die grundlegende Stossrichtung darstellt. Für alle Geschlechter :)
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