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Wieso nicht mal selber nach dem Glück suchen?
Wieso nicht mal selber nach dem Glück suchen?
Bild: Kafi Freitag
FRAGFRAUFREITAG

Was soll man machen, wenn das Leben einfach nur noch ungerecht ist? 

21.05.2015, 14:5925.05.2015, 12:23

Wenn man immer übergangen wird und alle total Erfolg haben, nur man selber nicht???? Ich bin 41 Jahre alt und eigentlich Künstlerin, muss aber wegen dem Geld auf dem Büro arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass ich überhaupt nicht das machen kann, was ich eigentlich will und muss dabei zusehen, wie die anderen fett Kohle machen. Ich finde es einfach nur noch ungerecht und weiss nicht, wie ich es meinem Umfeld sagen soll. Alle haben super Jobs und machen tollen Urlaub und sind in super happy Beziehungen und ich mühe mich hier ab und sortiere Akten. Wie sage ich es den Leuten, dass man mich vielleicht auch mal unterstützen könnte???? Die Leute in meinem Umfeld haben alle viel Kohle und es geht allen super, aber null Solidarität. Jeder schaut nur für sich und kümmert sich null um den anderen. Klar finden alle meine Kunst (die ich nebenher mache wenn ich mal etwas Zeit habe) suuuuuper, aber auf die Idee kommen, was zu kaufen, tut keiner!!! Ich habe grad so die Schnauze voll von dieser Mentalität und frage mich, wie ich damit umgehen soll. Was nützen Freundschaften, wenn man sich nicht gegenseitig unterstützt und unter die Arme greift? Die Leute reden immer nur davon, wie toll was ist, aber dafür was bezahlen, will keiner!!! Haben Künstler keine Daseinsberechtigung??? Ist meine Arbeit weniger wert als die eines Brokers??? Soll ich denen mal die Meinung geigen oder die Kontakte abbrechen? Ich überlege, damit mal in ein Coaching zu dir zu kommen. Hast du einen Sozialtarif oder kannst du mir schriftlich auf dem Blog ein paar Tipps geben? Danke für ein paar Tipps. Simone, 41

Liebe Simone 

Sie Arme. Das klingt ja wirklich alles gar nicht einfach. Vielleicht sollte ich Ihnen ein gratis Coaching anbieten, damit Sie nachher Ihren Freunden den Marsch blasen können, oder wie Sie selber so schön schreiben: die Meinung geigen. Das geht ja gar nicht, dass sich niemand um sie kümmert, obwohl Sie sich so gar nicht selber verwirklichen können und nicht voll auf Ihre Kunst setzen können. Frechheit, wirklich!

Ich kann Ihnen sehr gut nachempfinden. Ich habe früher mal Socken gestrickt und dazu ferngeschaut. Das war eine super Zeit. Hätte mir sehr gut vorstellen können, davon zu leben. Alle haben meine schönen Socken bewundert und gestaunt, wie ich das mache, mit den vielen Farbwechseln und den schönen Verläufen. Und alle wollten welche haben! Doch immer, wenn ich den Preis von 360 Franken genannt habe, war die Begeisterung plötzlich wie im Nichts aufgelöst und verschwunden! Ich war sehr gekränkt, hat doch niemand meine Arbeit in dem Ausmass wertgeschätzt, wie sie es eigentlich verdient hätte! Schliesslich strickt man an einem Paar Socken gut 12 Stunden und mit einem Stundenlohn von 30 Franken, den ich ja auch meiner Putzfrau bezahle, kommt da halt ein Betrag zusammen. So viele Freunde, so viel Begeisterung und dennoch keine einzige Bestellung!

Also, nicht, dass ich jetzt mein Strickhandwerk mit Ihrer Kunst vergleichen möchte, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Aber mir sind Menschen, die per se das Gefühl haben, einen Anspruch auf Unterstützung ihrer Freunde oder der Umwelt an sich zu haben, sehr zuwider. Dieses Grundgefühl, andere hätten für einen zu schauen und zu sorgen, das ist wirklich so anstrengend und nötigend, da weiss selbst ich dann nicht mehr, was sagen. Und dementsprechend würde ich Ihnen auch in 100 Jahren keinen Sozialtarif anbieten. Weil ich Ihr verschrobenes Weltbild damit nur noch mehr stützen würde. «Ich bin ja so eine Arme und habe Anspruch auf ein Top-Coaching UND einen Sonderrabatt. Schliesslich kann ich mich nicht voll ausleben und bin auch noch alleinerziehend und überhaupt!» Nein ernsthaft, Simone, lassen Sie stecken.

Von mir kriegen Sie nur so viel umsonst: Nehmen Sie den Finger aus dem Arsch und kümmern Sie sich selber um Ihr Leben. Sie sind 41 Jahre alt und ich weiss echt nicht, ob Ihnen Ihr Papili oder Ihre Mami eingeredet und vorgelebt hat, dass Sie etwas dermassen Spezielles sind, dass Sie sich um nichts zu kümmern brauchen. Aber wer auch immer es war, man hat Ihnen Scheisse erzählt. 

Ob Sie Anspruch auf persönliches Glück haben? Ich glaube ja. Ist es die Aufgabe Ihres Umfelds, Sie glücklich zu machen? Ich glaube nein. Wenn Sie ein Leben führen wollen wie Ihre Broker-Freunde, dann müssen Sie einen Broker-Job machen. Wenn Sie ein Leben als Künstlerin führen wollen, dann müssen Sie vermutlich auf einiges verzichten oder einen Weg gehen, der kommerziell super funktioniert. Aber den Anspruch, sich voll verwirklichen zu können und von den Freunden dabei unterstützt zu werden, den finde ich wirklich vollkommen jenseits.

Es ist meine Entscheidung, ob ich vom Sockenstricken oder von etwas anderem leben will. Aber ich kann nicht die ganze Welt anklagen, wenn ich von Ersterem nicht in diesem Rahmen leben kann, wie ich es mir in meinen Prinzessliträumen vorstelle. Und ich kann nicht meine Freunde nötigen, mir die Socken abzukaufen, damit es funktioniert. Sie sind Ihres eigenen Glückes Schmied und können wählen zwischen jammern und einfordern, oder handeln und aktiv werden.

Ich weiss, dass jammern viel einfacher und bequemer ist, und ich kenne eine Reihe von Menschen, die diesen Weg bevorzugen. «Ich habe 2 Kinder und mein Mann und ich wollen nicht Vollzeit arbeiten und ich finde es eine Frechheit, dass der Staat uns nicht unterstützt.» – «Ich habe mich für den Weg als Künstlerin entschieden und jetzt soll man mich gefälligst subventionieren, schliesslich kann ich damit nicht reich werden, wie jemand der studiert hat und auf der Bank arbeitet.» – «Gibt es für Ihre tollen Kurse auch einen Sozialtarif? Z.B. so kulturlegimässig? Die habe ich, das ist eine tolle Sache.» 

Wann immer ich etwas solches höre oder lese, stellen sich mir die Nackenhaare auf und die Zehennägel kringeln sich ein. Diese Selbstverständlichkeit und Anspruchshaltung, mit der gewisse Menschen durchs Leben gehen, machen mich wirklich sprachlos.

Sie können Ihren Freunden geigen, was Sie wollen. Ich hoffe inständig, dass man Sie weiterhin nicht unterstützen wird. Weil Sie sonst auch die nächsten 41 Jahre nicht aus Ihrer Opferhaltung rauskommen und auch die nächsten 41 Jahre das feste Gefühl haben, dass andere für Ihr persönliches Wohl zuständig sind.

Mit bestem Gruss. Ihre Kafi.

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Kafi Freitag (39) beantwortet auf ihrem Blog www.FragFrauFreitag.ch Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.ch.



Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (www.FreitagCoaching.ch) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.



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Liebe Kafi. Ich, 25-jährige gelernte Köchin und Alleinerziehende eines Erstklässlers, stürze mich in das Wagnis einer höheren Berufsausbildung als Sozialpädagogin. 
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