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Facebook I LOVE U.  Bild:

FragFrauFreitag

Grüezi Frau Freitag. Heutzutage ist jeder nur noch am Natel und alle sind immer am Computer. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen immer einsamer werden und es noch nicht einmal merken. 



Wie kann man 500 Freunde bei Facebook haben?? Das geht doch gar nicht!!! Es ist doch alles nur eine Scheinwelt und wenn es darauf ankommt ist keiner der «Freunde» da. Sind wir alle schon Sklaven dieser Entwicklung? Wo führt uns das noch hin?? Ich stehe dieser Entwicklung sehr kritisch gegenüber. Beat, 56

Lieber Beat

In jungen Jahren habe ich mal eine Ausbildung als Marketingleiterin begonnen. Jeweils am Mittwoch und am Samstagmorgen musste ich deswegen zur Schule. Der Stoff hat mich mässig interessiert, es war viel Bilanz lesen, Buchhaltung und Kampagnenplanung, alles Dinge, für die es sehr viele talentiertere Menschen gibt als mich. Darum hab ich die Sache auch nach wenigen Monaten wieder abgebrochen und bin samstags jeweils wieder liegen geblieben.

Warum ich Ihnen das erzähle? Seien Sie doch bitte etwas geduldig gopf, ich komme schon noch auf den Punkt. In diesen Monaten habe ich zwei Sachen gelernt: 1. Marketing ist nichts Kreatives, sondern zu 99% Planung. 2. Wenn du die Aussage einer Werbung nicht verstehst, dann bedeutet das nicht, dass die Werbung schlecht ist, sondern lediglich, dass du nicht zur Zielgruppe gehörst.

Diese 2. Erkenntnis hat mir viel fürs Leben gebracht. Und schon dafür allein hat sich der Aufwand gelohnt. Denn mit diesem Wissen kann ich Ihnen heute ins Gesicht sagen: Wenn Sie den Nutzen und die Vorteile von Facebook nicht verstehen, dann sind Sie nicht die Zielgruppe von Facebook. Dann sollten Sie es einfach (anderen über-) lassen und sich nicht drüber ärgern. Das ist vollkommen ok. Nicht jeder muss Facebook lieben, wie ich es (meistens) tue.

Das habe ich auch den beiden Experten sagen müssen, mit denen ich kürzlich im Radiostudio sass, um über Facebook zu philosophieren. Die liebe Bärbel, die FB davon kennt, einmal einer Freundin über die Schulter geschaut zu haben und der gute Kulturanthropologe, der lediglich ein Konto bei LinkedIn hat, hatten sich eine ganz feste und recht pessimistische Meinung über Facebook gebildet, ohne wirklich einen Funken Ahnung davon zu haben.

Mein Leben wäre ohne das Netzwerk ärmer. Ich würde mich nicht über die immer wieder grossartigen und abenteuerlichen Outfits meines FB-Gschpöndlis Marcel freuen können, der gerne von Hand Pailletten auf seine Klamotten näht. Das ewig aufgesetze Grinsen der unsäglichen Guten mit den weltverbesserischen Posts würde mir nicht das Gefühl geben, dass gewissen Menschen wirklich die Sonne aus dem Arsch scheint. Ebenso die schöne Gazelle, die sich gerne im Bikini räkelt und das Bild dann auf FB stellt mit dem Post «Fühle Dich in Deinem Körper wohl, er ist dein Tempel» und solcher Scheiss. Ich wäre vermutlich niemals David Meili begegnet, an dessen Beerdigung ich später gewesen bin, als er ertrunken ist. Wegen Facebook weiss ich, dass eine liebe Freundin ihre Akne durch eine vegane Lebensweise besiegt hat. Facebook zeigt mir, wo mein lieber Freund Philipp, der an der holländischen Küste neben mir am Strand sitzt, mit seinen Gedanken ist und ich habe darüber Daniela kennengelernt, eine Frau, die ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte. Ich sehe die vielen tollen Ferienfotos meiner Freunde und ein paar haben sogar das Bedürfnis, ihr Business-Class-Flugticket zu zeigen, damit man auch wirklich weiss, wo der Hammer hängt. Die bildschöne Frau, die sich mit immer gleicher Miene und immer mit der linken Seite ihres Gesichts ablichten lässt, dass einem darob das eigene einzuschlafen droht und der heimliche Verehrer, der einen alle 3 Wochen verzweifelt in einen Shitstorm zu ziehen versucht, dass man ihm endlich etwas Aufmerksamkeit schenkt. Der Aufschrei, wenn ich meiner Freundin Fotos von ihr auf die Pinwand haue und das Grauen, dass einem bei den selbstmitleidigen Posts der Künstlerin überkommt. Böni, einen ganz feinen Menschen hätte ich heute nicht in meinem Freundeskreis und ganz ganz viele Fonduepartys wären niemals gestiegen ohne. Natürlich hätte ich mich auch nicht mit Stalkern auseinandersetzen müssen, aber das Positive überwiegt für mich ganz klar.

Facebook hat das Potenzial, welches ich darin erkenne. Als ich einen Spendenaufruf darauf gestartet habe, sind innerhalb kürzester Zeit 164 Menschen dem Aufruf gefolgt. Wie lange hätte ich dafür ausserhalb dieser Plattform dafür weibeln müssen? Und hätte ich im analogen Leben 14 Menschen dazu gebracht, sich für mich durch den Strongmanrun zu schinden? Über Facebook habe ich im Handumdrehen 3 neue Arbeitgeber für meine brasilianische Putzfrau organisiert. Jobs, die es ihr ermöglichen, im Herbst zum ersten Mal nach 12 Jahren wieder in die Heimat zu reisen.

Wenn Sie lernen, Facebook nicht mit dem richtigen Leben zu verwechseln und sich im Klaren darüber sind, dass ein Facebook Freund nicht unbedingt der Freund sein muss, der Ihnen beim Umzug hilft, dann kann es eine grossartige Spielwiese für Sie sein. Es liegt an Ihnen, ob Sie sich ausschliesslich mit Menschen vernetzen, die Sie bereit im richtigen Leben kennen oder ob Sie ganz bewusst in den Alltag anderer Menschen schauen wollen. Es liegt an Ihnen, wie viel Sie von Ihrem Leben zeigen wollen und was Sie bereit sind zu teilen. Die Jugendlichen von heute wachsen in einem höchst digitalen Zeitalter auf und begreifen von Anbeginn, dass das Leben im Internet nicht mit dem Leben ausserhalb zu verwechseln ist. Wer es mühsam erlernen muss, sind Sie, lieber Beat. Sie sind eine andere Generation und Sie müssen den Umgang mit diesen Medien erst kennenlernen, so wie ich es übrigens auch erst musste. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich heute sagen kann, dass ich begriffen habe, wie es funktioniert.

Und darum ärgern mich Pappnasen wie die Obenstehenden aus dem Radiointerview, die sich anmassen, nach einer Viertelstunde Rundgang durchs Netz zu wissen, wie die Welt funktioniert. Wenn Sie sich dafür entscheiden und sich darauf einlassen, kann Wertvolles daraus entstehen. Wenn Sie den Weg nicht gehen möchten, ist das ebenso voll ok und Ihre Entscheidung. Dann wäre es aber sicher sinnvoll, sich auch nicht schimpfend darüber zu ärgern und zu äussern. Sonst werden Sie zu Ihrem eigenen Grossvater, der sich hitzig darüber ausgelassen hat, dass ein Solex nun wirklich keine Daseinsberechtigung hat und man früher noch strampelnd auf dem Velo in die Schule gefahren ist.

Ganz herzlich. Ihre Kafi.

P.S. Ja, man kann 500 Freunde auf Facebook haben. Also eigentlich sogar 5000, darüber riegelt es allerdings ab. Leider. 

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.

Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie lebt mit Ihrem 11 jährigen Sohn in Zürich.

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Bild: Kafi Freitag

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