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Gerade als ich beim Beantworten dieser Frage war, begegnete mir diese Grafik auf Facebook.
Gerade als ich beim Beantworten dieser Frage war, begegnete mir diese Grafik auf Facebook.Bild:FB, linksjugend-solid.de
FragFrauFreitag

Liebe Kafi. Bei der SVP bin ich nicht, Fremde hasse ich nicht und wo ich zurzeit lebe, bin ich selbst ein Fremder. 

24.07.2015, 18:2327.07.2015, 10:05

Da ich aber immer noch den roten Pass und viele Freunde habe in der Schweiz, mache ich mir trotzdem Sorgen um die Schweiz, nicht zuletzt wegen der vielen Ausländer, die ich nicht hasse. Von meinem Alter her ist mir der Begriff «Das Boot ist voll» durchaus noch ein Begriff und ich verabscheue ihn auch im damaligen Kontext. Trotzdem kommt er mir immer wieder in den Sinn, wenn ich an die heutige Situation denke. Wie kann man Herrn und Frau Schweizer beibringen, dass es bald keinen Platz mehr hat im Boot, und dass mit wir mit jedem neuen Ausländer, den wir Aufnehmen, jedem, der schon hier ist, einen Bärendienst erweisen, indem wir das Problem vergrössern und der SVP Munition liefern. Wie kann man den Schweizern beibringen, dass wir weniger Ausländer aufnehmen sollten, dafür besser für sie sorgen, sie besser in unsere Gesellschaft aufnehmen. Ganz im Sinne von «weniger aber besser». Ich bin sicher, liebe Kafi, dass du eine intelligente Lösung auf Lager hast. Eckehardt, 71 

Lieber Eckehardt 

Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber ... 
Ich bin ja nicht bei der SVP, aber ...
Ich verabscheue eigentlich den Begriff «Das Boot ist voll», aber ...
Ich hasse Ausländer nicht, aber ...

Sie erwähnen recht viel, dass Sie eigentlich nicht denken. Das ist insofern spannend, als dass das, was wir sagen, immer unser Denken abbildet. Auch in der Verneinung. Denn wenn etwas nicht ist, dann erwähnt man es auch nicht in der Negation. Wenn Sie wissen, was ich meine.

Wo auch immer Sie sind, reisen Sie schnell wieder in die gute Schweiz zurück. In Ihr Vater- und vermutlich auch Mutterland. Nicht, weil wir Sie hier vermissen würden, aber weil das Boot, dort wo Sie gerade sind, mit Sicherheit auch voll ist. 

Warum Sie mich fragen, ist mir schleierhaft. Ich bin FÜR die Aufnahme ganz vieler Flüchtlinge und schäme mich für die lächerliche Anzahl der bereits aufgenommenen und in diesem Sinne auch für die Schweiz. Mein Herz und meine gedanklichen Vorstellungen sind weniger eng und klein als Ihre und darüber bin ich sehr froh. Denn mit Ihrem schmucken roten Schweizer Pass werden Sie zu keiner Zeit Ihres Lebens und in keinem Land der Welt dermassen in der Fremde sein können, wie es die Flüchtlingsströme der letzten Monate und Jahre sind. Das Boot ist noch lange nicht voll.

Und wissen Sie was, Eckehardt: Schauen Sie sich doch einfach mal die Bootsbilder der letzten Monate etwas genauer an. Es kann gut sein, dass diese Bootsmetapher, die Sie ja eigentlich auch ganz schlimm finden, aber dennoch sehr gerne bemühen, etwas Schales, etwas sehr Bitteres bekommt. Schauen Sie auf die angeschwemmten Leichen. Auf die toten Männer, Frauen und Kinder. Es könnte Ihr Kind sein, Ihre Frau. Sie könnten einer diesen toten Männer sein, Eckehardt. Lassen Sie sich das ruhig etwas auf der Zunge zergehen, tauchen Sie für ein paar Minuten in diese grauenhafte Vorstellung ein. Es lohnt sich. 

Schenken Sie den Menschen und deren Schicksale ein klein wenig Ihrer wertvollen Aufmerksamkeit und öffnen Sie Ihr Herz einen Spaltbreit für Existenzen, die weniger Glück hatten als Sie. Dass Sie in der privilegierten Schweiz geboren wurden, ist kein Verdienst, kein Menschenrecht. Es ist der reine Zufall. Und es könnte gut sein, dass Sie in einem nächsten Leben verdammt viel weniger Glück haben. Und auf einem dieser Scheissboote sitzen und um ihr Leben zittern, in der Hoffnung, dass es irgendwo einen Staat oder Menschen geben wird, der Ihnen eine neue Heimat und eine neue Perspektive bietet. 

Denken Sie darüber nach. Ihre Kafi. 

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Kafi Freitag (40!) beantwortet auf ihrem Blog Frag Frau Freitag Alltagsfragen ihrer Leserschaft. Daneben ist sie Mitbegründerin einer neuen Plattform für Frauen: Tribute.



Im analogen Leben führt sie eine Praxis für prozessorientiertes Coaching (Freitag Coaching) und fotografiert leidenschaftlich gern. Sie ist verheiratet und Mutter eines zehnjährigen Sohnes.



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Bild: Kafi Freitag
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