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Der Papst der Armen trifft sich auch mit den Mächtigen und Reichen.
Der Papst der Armen trifft sich auch mit den Mächtigen und Reichen.
Bild: keystone
Sektenblog

Die rechten Fundis sehen in Papst Franziskus einen Ketzer

Eine Fussnote in einem Lehrschreiben führt zu einem Aufstand der Konservativen.
14.10.2017, 07:5817.09.2019, 15:11

Papst Franziskus ist vor gut vier Jahren angetreten, um als Pontifex der Armen die katholische Kirche zu reformieren. Endlich ein Papst zum Anfassen, jubelten die Katholiken. Einer, der keinen Pomp braucht, um die grösste Kirche der Welt zu führen. Einer, der trotz der Nähe zum Himmel die Bodenhaftung nicht verloren hat.

Doch seine bisherige Bilanz fällt dürftig aus. Reformen? Fehlanzeige. Befreiung von den rechtskonservativen Fundis in der Kurie? Nichts da. Zurückstutzung des Geheimordens Opus Dei? Weit gefehlt.

Der Vatikan und die katholische Kirche haben sich auch unter Papst Franziskus kaum bewegt. Die Distanz zu den Gläubigen ist nur unwesentlich kleiner geworden, auch Franziskus kann ihre Sorgen und Nöte kaum lindern.

Empfängnisverhütung mit Pille oder Kondomen ist immer noch Sünde, die Frauen bleiben in der Rolle der Dienenden, geschiedene Katholiken bleiben Menschen zweiter Klasse, von den Homosexuellen ganz zu schweigen. Das ist insofern absurd und scheinheilig, als ein beträchtlicher Teil des Klerus bis hinauf zur Kirchenspitze selbst homosexuelle Neigungen hat.

Franziskus möchte auch die erzkonservative, traditionalistische Priestergemeinschaft der Piusbrüder zurück in den Schoss der Mutterkirche holen. Mehrere ranghohe Exponenten und Bischöfe dieser „Brüder“ sind mit antisemitischen Äusserungen aufgefallen, Bischof Richard Williamson leugnete gar den Holocaust.

200 Fundis haben sich organisiert und schreien Zeter und Mordio, als stünde die Zukunft der katholischen Kirche auf dem Spiel.

Bezeichnend für das Pontifikat ist ein aktueller Aufstand der einflussreichen konservativen Kräfte in der katholischen Kirche, wie Religionsexperte Michael Meier im «Tages-Anzeiger» berichtete. Auslöser ist eine unverdächtige Fussnote im langen Lehrschreiben «Amoris Laetitia», («Freude der Liebe») von Franziskus, das sich auf die Familiensynoden bezieht. In dieser deutet er an, dass in bestimmten Fällen auch Gläubige die Kommunion und andere Sakramente empfangen dürfen, die geschieden und wiederverheiratet sind.

Gegen diese Bemerkung laufen einflussreiche konservative Theologen und Würdenträger nun Sturm. 200 von ihnen haben sich organisiert und schreien Zeter und Mordio, als stünde die Zukunft der katholischen Kirche auf dem Spiel.

Angriff auf ein Gebot von Jesus

Die Fussnote sei ein Angriff auf das von Jesus erhobene Gebot der Unauflöslichkeit der Ehe, monieren sie. Ausserdem sehen die Papst-Kritiker die Familien- und Sexualmoral in Gefahr. Sie sehen in Franziskus bereits einen Ketzer, der die Kirche in eine beispiellose Krise gestürzt habe. Ehebrechern die Kommunion zu geben sei eine ebenso schwere Sünde wie der Ehebruch selber.

Der Aufstand des rechten Flügels der katholischen Kirche ist nicht nur absonderlich, sondern auch sachlich verfehlt, wie liberale Katholiken monieren. Sie weisen verbittert darauf hin, dass Franziskus in seinem Lehrschreiben eben nicht von seinen traditionellen Vorstellungen von Familienpolitik und Sexualmoral abrücke. Tatsächlich hält er darin immer noch an seinem rigiden Verbot der Empfängnisverhütung fest.

Der volksnahe Papst: ein Selfie in der Menge.
Der volksnahe Papst: ein Selfie in der Menge.
Bild: keystone

Die betagten Fundis sehen nicht, dass sich die Welt in den letzten 2000 Jahren grundlegend verändert hat. Dass die Ehe heute mehr ist als eine Zweckgemeinschaft zur Existenzsicherung. Und vor allem: Dass die Frauen keine „Leibeigenen“ ihrer Männer mehr sind und heute zum Glück ihre Rechte einfordern sowie selbstbestimmt leben wollen. Und sich scheiden lassen, wenn der Ehemann ein Ekel ist.

Sie reklamieren damit lediglich die Freiheit für sich, die sich die Männer seit Jahrhunderten herausnehmen. Ausserdem berufen sie sich lieber auf die Menschenrechte als auf die veralteten Dogmen einer verknöcherten Kurie. Diese muss sich deshalb nicht wundern, wenn ihr die Gläubigen in der westlichen Welt in Scharen davonlaufen.

Der Streit um die Fussnote zeigt, dass die katholische Kirche auch im 21. Jahrhundert versteinert bleibt. Nicht nur die Kräfte am rechten Rand kämpfen wie Löwen gegen jeden Gedanken, der sich mit Reformideen befasst, auch Franziskus selbst bleibt im klerikalen Elfenbeinturm gefangen und verteidigt die „reine katholische Lehre“.

Die Wahl von Franziskus als geschickter Schachzug?

Von der Aufbruchstimmung, die er vor vier Jahren verbreitete, ist nur noch wenig übrig geblieben. Die mehrheitlich konservativen Kardinäle, die Franziskus gewählt hatten, wussten offenbar genau, dass dieser zwar in sozialen Belangen erfrischend munter ist, in Sachen Kirchenlehre aber ebenfalls ein Fundi.

In diesem Licht betrachtet war die Wahl von Franziskus möglicherweise ein geschickter Schachzug des Wahlgremiums. Es wählte einen Papst, der bei Katholiken und Nicht-Katholiken beliebt ist, den Traditionalisten aber nicht gefährlich werden kann.

Ihre Rechnung ist aufgegangen. Ob sie damit den Niedergang der katholischen Kirche stoppen können, ist aber fraglich.

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Hugo Stamm
Glaube, Gott oder Gesundbeter – nichts ist ihm heilig: Religions-Blogger und Sekten-Kenner Hugo Stamm befasst sich seit den Siebzigerjahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanerie. Er hält Vorträge, schreibt Bücher und berät Betroffene.
Mit seinem Blog bedient Hugo Stamm seit Jahren eine treue Leserschaft mit seinen kritischen Gedanken zu Religion und Seelenfängerei.

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