Wir haben den neuen elektrischen Twingo von Renault getestet
Kleinstwagen in Europa? Eine vom Aussterben bedrohte Art. Unter dem Druck immer strengerer Normen und winziger Gewinnspannen machen sie nur noch 4 % des Marktes aus. In den 90er Jahren machten sie mehr als ein Viertel aus.
Das heisst im Klartext: Inzwischen hat sich die Lage grundlegend geändert. Die kleinen Modelle von Citroën, Peugeot, Opel oder Volkswagen haben das Feld geräumt, während die chinesischen Hersteller nun höhere Ziele anstreben und auf grössere, rentablere Modelle setzen.
Eine clevere Art, Begehrlichkeiten zu wecken
Und genau hier setzt Renault entschlossen zu einem neuen Anlauf an – mit einer Idee, die fast gegen den Trend geht: der Wiedereinführung des Twingo.
Die Version 2026, zu 100 % elektrisch und vor allem zu einem Preis von unter 20 000 Euro (18 900 Franken) angekündigt – der Heilige Gral jedes europäischen Grossserienherstellers. Eine kleine Zeitbombe in einem Markt, in dem viel von Erschwinglichkeit die Rede ist … ohne sie wirklich zu bieten.
Und ja, hinter dieser Offensive verbirgt sich die simple Erkenntnis, dass ein Neuwagen, noch dazu ein reines Elektroauto, für viele zu teuer geworden ist. Doch auch wenn diese kleinen Flitzer durchaus wieder zu einer ernst zu nehmenden Alternative werden könnten, muss man erst einmal das Interesse dafür wecken. In diesem Punkt setzt Renault nicht nur auf rationale Argumente, denn der Twingo ist nicht nur ein einfaches Produkt, sondern fest im Kollektivgedächtnis verankert.
Im Bann der Nostalgie
Die 1993 auf den Markt gebrachte erste Twingo-Generation hatte alle Erwartungen übertroffen: fröhliches Design, clevere Konstruktion, kurzum ein sympathisches Gefährt – eine Art Gegenpol zum seriösen Fahrzeug. Schon der Slogan «Erfinden Sie das passende Leben dazu» eröffnete das Feld aller Möglichkeiten. Ergebnis: über 4 Millionen Exemplare in drei Generationen, von der ersten mit ihrem frechen Design bis zur dritten mit Heckmotor. Eine echte Saga.
Daraus schöpft der neue Twingo E-Tech Electric. Das Rezept ist klar: Sehnsucht nach der guten alten Zeit wecken, aber mit der Technik von heute, null Emissionen und niedrigen Betriebskosten.
Wie schon die jüngsten Modelle Renault 5 und Renault 4 greift auch der neue Twingo sehr clever auf Retro-Elemente zurück: die altbekannten runden «Froschaugen»-Scheinwerfer, der schmale, längliche Kühlergrill, die stark geneigte Windschutzscheibe, die drei (unechten) Lufteinlässe auf der Motorhaube, die berühmte verschiebbare Rückbank und sogar der Warnblinker-Knopf, der an ein rotes Bonbon erinnert und auf einem poppigen, verspielten Armaturenbrett thront. Assoziationsstarke Elemente, bewusst gewählt!
«Der erschwinglichste Europäer»
Preislich legt sich Renault ordentlich ins Zeug. Der Twingo ist ab 18 900 Franken erhältlich und sichert sich damit den Titel des günstigsten in Europa hergestellten Elektroautos. Direkt vor dem Citroën ë-C3.
Doch die Konkurrenz schläft nicht. Der in China hergestellte Leapmotor T03 ist ab 16 990 Franken erhältlich und bietet eine ähnliche Ausstattung. Der ebenfalls in China produzierte Dacia Spring ist mit einem Preis ab 17 700 Franken noch erschwinglicher, kommt jedoch mit geringerer Leistung und Reichweite, nämlich 65 PS bzw. rund 225 km.
Dafür setzt der Twingo nicht auf technische Extravaganzen. Dank seiner 27,5-kWh-Batterie soll er bis zu 263 km am Stück schaffen – ausreichend, ohne Eindruck zu schinden. Tatsächlich hat sich Renault mit seinem neuesten Winzling für Ausgewogenheit entschieden – oder, wie es ein Ingenieur formulierte, für die Optimierung eines «positiven Kreislaufs». Dank einer kleineren, leichteren Batterie liegt das Gewicht je nach Ausstattung bei etwa 1250 bis 1300 kg.
Der Motor wiegt 65 kg und leistet 80 PS. Mit einem Drehmoment von 175 Nm beschleunigt das Fahrzeug in 3,85 Sekunden von 0 auf 50 km/h und in 12,1 Sekunden auf 100 km/h.
Das ist zwar nichts für Sportler*innen, reicht aber für den Einsatz in der Stadt und im Umland völlig aus. Das Gleiche gilt für das Aufladen: Der kompakte Akku lässt sich mit einer maximalen Leistung von 50 kW in etwa 30 Minuten von 10 auf 80 % aufladen. Auch hier nichts Aussergewöhnliches, sondern simple Alltagstauglichkeit.
In technischer Hinsicht wurden beim Twingo pragmatische Entscheidungen getroffen, um ihn einfach und clever zu halten. Obwohl er die gleiche Plattform wie der Renault 4 und 5 nutzt, verfügt seine Hinterachse über die Torsionsstab-Achse des Captur, die weniger komplex und daher kostengünstiger ist als das Mehrlenker-System des R4 und R5.
Neues Entwicklungsverfahren
Mit dem Twingo E-Tech Electric hielt zudem innerhalb des Renault-Konzerns ein neues Entwicklungsprogramm Einzug: Hier verschmelzen europäisches Know-how und ... chinesisches Know-how. Der Twingo wurde in nur 20 Monaten entwickelt und ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen dem renommierten Technocentre in der Nähe von Paris und den Teams im Ampere China Development Center (ACDC) in Shanghai.
Die LFP-Batterien stammen von CATL, der Motor von Shanghai e-Drive. Die Montage erfolgt in Slowenien.
In Kürze wird ein Teil der Bauteilherstellung nach Europa verlagert, um die künftigen «Made in Europe»-Vorschriften zu erfüllen, wonach 70 % des Wertes eines Elektrofahrzeugs – einschliesslich der Batterie – auf dem Kontinent hergestellt werden müssen. Die Batterieproduktion, die derzeit in China stattfindet, soll somit ab dem nächsten Jahr nach Ungarn verlagert werden.
Mit seinem Twingo ist Renault zudem gut aufgestellt, falls und sobald die Europäische Union Vorschriften zur Förderung von Kleinwagen einführt, ähnlich wie die «K-Cars»-Vorschriften in Japan.
Verführerisch
Schon beim Einsteigen besticht der Twingo durch seine schlichte Atmosphäre im Innenraum. Minimalistisch? Sagen wir lieber pfiffig und praktisch. Das Zentraldisplay ist gut integriert, das Kombiinstrument besticht durch eine originelle Grafik und die Ausstattung ist mit nicht weniger als 24 Fahrerassistenzsystemen sehr umfassend.
Die schmalen, kurvenreichen Strassen Ibizas, auf denen diese Testfahrt stattfand, zeigten sehr schnell, was der Twingo draufhat. Leicht, spritzig und verspielt – er bietet ein Fahrgefühl, das fast an Kartfahren erinnert. Die Beschleunigung überzeugt, und im Stadtverkehr schlängelt sich das Auto mit grosser Wendigkeit und einem gut abgestimmten «One-Pedal»-Modus durch den Verkehr.
Selbst bei zügiger Fahrweise bleibt der Verbrauch moderat (zwischen 13 und 15 kWh/100 km). Ein kleiner Mangel an Fahrstabilität auf nasser Fahrbahn bleibt noch zu beheben, was Renault jedoch versprochen hat zu korrigieren, damit das Gesamtbild makellos ist.
Dieser neue Twingo steht also vor einer echten Herausforderung: dem Ziel, wieder etwas Leichtigkeit, Einfachheit (und sogar Freude) in eine gebeutelte Branche zu bringen, die teuer und manchmal zu ernst geworden ist.
Und vielleicht liegt darin ja seine wahre Stärke. Denn hinter all den Zahlen, Normen und Unternehmensstrategien erinnert er an eine ganz einfache Tatsache: Ein Auto kann auch einfach ein sympathisches Objekt sein. Das hatten wir, nebenbei bemerkt, doch fast vergessen.
