DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Yonnihof

Manchmal ist die Frage die Antwort

Bild: shutterstock



Einst sagte mir eine Ärztin, nachdem ich aufgrund seltsamer Symptome unterschiedlichste Tests durchlaufen hatte, die alle negativ waren: «Manchmal wissen wir nicht, was es ist – wir können nur wissen, was es nicht ist

Ich glaube, der Mensch verbaut sich viel Glück damit, dass er das Gefühl hat, alles müsse beantwortet werden. Alles müsse geklärt sein.

In der Tat, es ist ein gutes Gefühl, wenn man etwas definitiv benennen, mal wieder ein Päckli mit abgeschlossenen Lebensabschnitten, Verletzungen, Belastungen verschnüren und in die Ecke stellen kann. Über etwas wegzukommen tut gut, es ist ein guter Moment, wenn man merkt: Das tut nicht mehr weh. Meist geht es dabei um wichtige Beziehungen, sei es in der Liebe oder sonst im Leben.

Man darf aber nicht vergessen: Beziehungen prägen einen. Für immer. Auch wenn sie einen nur ganz leicht anstupsen, verändern sie dennoch die Richtung, in die man sich bewegt. Das sollen sie auch – eine Beziehung, die einen nicht ein bisschen verändert, hat einen nicht im Kern berührt.

So begleitet einen denn jede intensive Begegnung, jede Liebe und jede wichtige Freundschaft, die irgendwann ein Ende fand, weiter durchs Leben. Wir sind – nebst unseres Charakters – die Summe der Spuren von Entscheidungen, die wir getroffen haben, und von Verbindungen, die wir eingegangen sind und die wir wieder beendet/verloren haben.

Es ist wie bei der Aussage der Ärztin am Anfang: Wenn wir durch all diese Erfahrungen nicht gelernt haben, was wir wollen, so haben wir doch bestimmt etwas darüber erfahren, was wir nicht wollen. 

Und je älter wir werden, desto eher merken wir, dass gewisse Fragen ungeklärt bleiben. Klar, die Beziehung ist vorbei, die Freundschaft hat sich aufgelöst, man hat sich aus den Augen verloren und eigentlich ist das auch okay. Aber dann erinnert man sich zurück und die bitteren Gefühle schleichen sich wieder in die Herzregion und man denkt: Was hielt mich bei diesem Menschen? Oder: Warum habe ich nichts gesagt? Oder: Warum mochte ich mich nicht (mehr), wenn ich mit diesem Menschen war? Oder: Warum haben wir's nicht noch einmal versucht? Oder: Warum ist mir das alles noch nicht egal, ich bin doch nun an einem komplett anderen Ort, bin geliebt und glücklich?

Rainer Maria Rilke schrieb in einem seiner Briefe an einen jungen Dichter (Auszug):

«Und ich möchte dich,
so gut ich kann bitten,
Geduld zu haben gegen alles Ungelöste in deinem Herzen,
und zu verstehen.
Die Fragen selbst liebzuhaben.»

Älter zu werden bedeutet nicht, alles lösen zu müssen. Im Gegenteil: Es bedeutet, sich mit dem Ungelösten zu versöhnen, nicht krampfhaft nach Antworten zu suchen, sondern «die Fragen selbst lieb zu haben». Nicht mit Gleichgültigkeit, sondern mit Akzeptanz und Wohlwollen. Akzeptieren, dass da immer offene Fragen (und vielleicht sogar Wunden) bleiben werden und dass jede innige, tiefe Beziehung zu einem anderen Menschen – auch wenn sie bereits vergangen ist und vielleicht unschön und schmerzhaft endete – uns begleitet und Teil von uns ist, auch wenn nicht alles darin komplett gelöst werden konnte.

So, wie «der Weg das Ziel» ist, ist wohl deshalb auch ab und zu  – gerade wenns ums Herz geht – die Frage selbst die Antwort.

Oder wie Rilke am Ende seines Gedichts schreibt:

«Vielleicht lebst du dann allmählich
ohne es zu merken
eines fernen Tages in die Antwort hinein.»

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
Pony M. auf Facebook
Yonni Meyer online

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

Yonnihof

Von Schlafschafen und Aluhüten: Der Tanz mit den Extremen

Wenn man nur noch Extremmeinungen hört, fehlt die Stimme der Mitte.

Einen Text in die Richtung dessen, was ich hier nun zu schreiben versuche, schlug ich schon einmal zu Faden. Damals war Corona noch ausschliesslich ein Bier. Der Grund für jene Kolumne war die Debatte über Extrempole der Modeindustrie. Ein Kleiderhersteller hatte gerade eine Plus Size-Linie herausgegeben und Models für deren Präsentation ausgewählt, die stark übergewichtig waren – und selbstverständlich zerfleischten sich die Leute in den Kommentaren darüber, was gesund und was …

Artikel lesen
Link zum Artikel