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«Der Plauderi», «die Schnalzerin» und der «Google-Hypochonder» – 5 Menschen, die man im Wartezimmer antrifft

Bild: shutterstock



Heute war bei mir verkehrte Welt. Also eigentlich nicht, denn ich musste bei einem Arztbesuch relativ lange warten – kennen wir ja. Nur war das dieses Mal meine eigene Schuld, denn ich hatte mir eine falsche Zeit notiert und war in der Folge eine halbe Stunde zu früh aufgekreuzt.  

Was anfangs ärgerlich anmuten mag, gab mir die Gelegenheit, den Mikrokosmos «Wartezimmer» mal wieder genauer unter die Lupe zu nehmen.  

Nicht nur erwartet einem in ebendiesem jeweils Literatur, von der man davor nicht wusste, dass man sie unbedingt lesen sollte – «Nasenhaarwuchs kompakt», «Darmhygiene leicht gemacht» und etwa 50 andere Broschüren, die einem mitteilen, woran man in Bälde sterben könnte – nein, man sieht sich auch mir allerlei Mitmenschen konfrontiert, die sich wartenderweise zu einem gesellen.  

Wie in manch anderer sozialen Situation, in der man sich beschränkten Raum mit fremden Leuten teilt, stellt sich dem braven Schweizer erst einmal die Grundsatzfrage: grüezi sagen oder nicht?

Ich bin Team grüezi. Immer. Am liebsten würde ich auf der Langstrasse allen Leuten einfach mal grüezi sagen und schauen, was passiert. Wahrscheinlich würde innert Kürze jemand ob dem Eingriff in seine Anonymitätszone die Polizei rufen.  

Wie dem auch sei. Haben sich im Wartezimmer denn alle mal hingesetzt (man könnte wohl auch über die Platzwahl einen Roman verfassen), kristallisieren sich oft gewisse Wartezimmer-Typen heraus.  

1. Der Plauderi

Trifft man per Zufall den Blick dieses Zeitgenossen, lächelt er einen übereifrig an. Lächelt man zurück, kommt oft eine total tiefgehende Frage wie: «Müend Sie au zum Dokter?» Da man schlecht mit «Nein, ich bin wegen des Salsakurses für Wühlmäuse und ihre Besitzerinnen hier» antworten kann, bestätigt man und bekommt in der Folge ein «Ich ebe au» (noooo shit, Sherlock) sowie die komplette Krankengeschichte seines Gegenübers geliefert. Im Detail. Gespickt mit Ausdrücken wie «Ja, Sie müssen sich so einen Darm mal von innen vorstellen, Sie» (muss ich?), «Gut, habe ich das Abführmittel früh genug genommen, sonst wär das also nicht so lustig gewesen für den Gastroenterologen, hehehe» (ja Gottlob, hehehe, ich will sterben) und «Für so öpis mues me sich ja nöd schäme» (pah, ich weiss jetz nöd so rächt).

2. Die Telefoniererin

Warten ist langweilig. Warum also dabei nicht ein bisschen mit der besten Freundin plaudern? Was oft harmlos mit der Nachfrage zum Befinden beginnt, artet am Ende gerne in eine Art schweizerdeutsches «Gute Zeiten, Schlechte Zeiten» aus, denn in der Beziehung harzt's («Weisch, ich hanem gseit, NA EIMAL, imfall, NA EIMAL, Silvio!»), der Chef ist ein Chauvi-Schwein und jetzt noch dieses medizinische Gebrechen.

Wo die Gesprächsblöcke über Tubel-Silvio und Chauvi-Chef mit 120 Dezibel durch den Raum schallten, wird die Stimme nun ganz leise, damit niemand mitbekommt, welches Körperteil denn Ursache für den Arztbesuch ist. Natürlich hören's trotzdem alle, weshalb eine Art Code verwendet wird. «Ja weisch, wieder s’Gliiche, woni det schomal gha han. Weisch det nach de Ferie. Ja, eifach chli wiiter hine und jetz bissts meh, als dasses brännt ...»  

Noch weiss die Telefoniererin nicht, dass, sobald sie das Gespräch beendet hat, der Plauderi schon in Achterstellung ist, um mit ihr zu eruieren, ob’s bei ihnen beiden vielleicht an derselben Stelle juckt ...

3. Das Paar

Etwas vom Schönsten, was man in Wartezimmern beobachten kann, sind ältere Ehepaare, die gemeinsam kommen. Was für eine wunderbare, romantische Geste, wenn man den Partner oder die Partnerin begleitet, wenn’s ihm/ihr schlecht geht. Da werden dann meist gemeinsam Magazine studiert.  

«Häsch gseh da, s’Lisi vo Ängland isch au scho 90i. Ja, das mit dere Diana, das isch eifach verruckt.»
«Mhm.»
«Ou lueg, de WAM. Das isch eifach en Guete. Sonen Guete, de WAM.»
«Mhm.»
«‹30 Arten, wie Sie Ihre Frühstückseier zubereiten können.› Mir händ amig na es 3-Minute-Ei gha und das hät au glanget.»
«Mhm.»
«Häsch Schmerze?»
«Mhm.»
«Würkli??»
«Was?»
«Öb Schmerze hegsch, hani gfrögt.»
«Ah, nenei.»

4. Die Schnalzerin

Niemand von uns wartet gerne. Ist ja logisch. Und grade, wenn einem körperlich unwohl ist, macht das das Ausharren vor dem Aufruf des eigenen Namens doppelt mühsam. Trotzdem bleibt einem halt einfach nichts anderes übrig, als abzuwarten, Tee zu trinken oder mit dem Plauderi über seinen Fusspilz zu reden.  

Die Schnalzerin jedoch kann damit schlechter umgehen als der Durchschnitt. Anfangs ist sie noch eine Immer-wieder-auf-die-Uhr-Schauerin, wird dann sukzessive erst zur Laut-Atmerin, dann zur Leise-vor-sich-hin-Flüstererin und schliesslich zur Schnalzerin. Und zwar jedes Mal, wenn jemand aufgerufen wird, der nicht sie ist. Also immer. Auf das Schnalzen folgt dann auch gerne noch ein lautes Ausatmen und man bekommt das Gefühl, als wäre der Guten gerade die grösste Ungerechtigkeit im Universum missfahren. Gerne nimmt sie sich auch immer mal wieder ein Magazin vom Tischchen, nur um es dann nach einigem nervösen Blättern und einem weiteren Blick auf die Uhr wieder zurückzuknallen. Dies selbstverständlich begleitet wovon? Genau, einem Schnalzen.

5. Der Google-Hypochonder

Zum Schluss ist da noch der Google-Hypochonder. Er wird am Empfang namentlich begrüsst und sitzt anschliessend still in der Ecke, seinen Blick starr aufs Handy gerichtet, und wird mit der Zeit immer bleicher.

Netdoktor, Gutefrage und sein Dienstagshoroskop haben ihm allesamt dasselbe mitgeteilt: Das ist nichts Harmloses. Der Kopf tut weh, ihm ist leicht schlecht, er hat ein Ziehen im Unterbauch und seine Stimmung ist am Boden. Seine Symptome hat er auf egalwelchesymptomeduhastduwirststerben.com eingegeben und da stand deutsch und deutlich: Eisprung. Nur hat er leider einen Penis. Dann können's nur noch die Pocken sein. Die sind zwar ausgerottet, aber man weiss ja nie. Die Katze des Nachbars schaut schon seit Tagen irgendwie angeschlagen aus – die hat ihn bestimmt mit irgendwas Heimtückischem angesteckt. Mal «Pocken bei Katzen» googlen. Nach drei Minuten weiss er: Auch die Katze ist dem Tod geweiht. Rest in Peace, Henriette. Die Gebrechen, von denen der Plauderi den anderen Anwesenden erzählt, hat er innert Sekundenfrist selber auch, hat nun also Pocken, Katzenhusten und ist schwanger.  

Und so sassen sie alle beieinander, es plauderte und telefonierte und schnalzte, und eigentlich war ich fast ein bisschen enttäuscht, als ich am Ende doch noch aufgerufen wurde.

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Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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