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Yonnihof

«Du huere Brot!»

Bild: shutterstock

Über den Niedergang der abendländischen Kultur durch «die heutige Jugend». Not.



Yonnihof Yonni Meyer

Gestern Mittag war ich unterwegs von Zürich nach Schwerzenbach und wurde Zeugin einer kurzen Unterhaltung zweier circa 15-jähriger Jungs. Der eine, in Trainerhose und mit strahlend pinkem Käppi, kam die Treppe herunter in den unteren Stock der S-Bahn, entdeckte dort seinen Freund, der ganz in Weiss gekleidet war, und schrie laut: «Altäää! Ich suech dich im ganze Zug, du huere Brot!»

«Muesch halt rüefe, du verdammti Missgeburt», entgegnete sein Freund, die beiden lachten, gaben sich ein High Five und setzten sich.  

Ich fand diese Unterhaltung so grossartig, dass ich sie auf meine Facebook-Page stellte. Ich meine: «Du huere Brot», sowas Lustiges habe ich schon ewig nicht mehr gehört.  

Entgegen meiner Erwartung kam da aber nicht nur Amüsement, sondern auch allerlei anderes. Manche Menschen prophezeiten uns eine düstere Zukunft, man fragte sich, wo das noch enden würde, und diese Jungen seien doch «krank und würden ohne Hirn labern».  

Also ich weiss ja nicht, wo ihr aufgewachsen seid – in meinen Teenagerjahren passierte unter anderem Folgendes:  

Als ich circa zwölf Jahre alt war, hatte ein findiger Geschäftsmann die Idee, man könnte aus billigstem Plastik Nuggi-förmige Anhänger fertigen, die sich dann an einem Lederband um den Hals junger Menschen hängen liessen. Die Idee kam an und meine Freunde und ich verschlissen x Lederbändeli, weil daran kiloweise Plastik in Nuggiform baumelte. Es ist ein Wunder, dass wir alle keine Nackenfehlstellungen bekamen. Zeugt das von mehr Verstand als «Du huere Brot»? Nicht wirklich.  

Dann kam der Buffalo-Schuh. Das Kind eines Elefantenfusses und eines Pneus. Dazu trugen wir Netzstrümpfe und sehr kurze Röckli. Und brauchten Ausrücke wie «Alles Salametti?» und «Alles Adidas?» Letzteres zogen wir thematisch weiter, denn als ich in die Sek kam, war es eine Weile lang in – and I kid you not – Adiletten zur Schule zu tragen. Gepaart wurden diese mit Hosen derselben Marke und ja, ich meine die mit den Knöpfen an der Seite. Haben wir deshalb unser Land in den kulturellen Ruin getrieben? Wohl kaum.  

Zeitgleich hatten fast alle Kinder zuhause denselben Streit: «GEIL SEIT MER NÖD!» Und über uns alle wurde ein Redbull-Verbot verhängt, weil das illegal war, weshalb wir es natürlich umso öfter tranken. Wir Badasses! Dachten damals weniger Menschen als heute, «die Jungen» seien ausser Rand und Band? Nope.

Wahrscheinlich liegt es in der Natur des Menschen, die ihm nachfolgende Generation nicht oder nur teilweise zu verstehen. Teenager sind Teenager und Teenager machen seltsame Sachen. Manchmal staune auch ich und es gab auch schon Momente, wo ich dachte: «Die sind jetzt aber wirklich schlimmer als wir!» Dann aber erinnere ich mich an oben Erwähntes zurück und muss zugeben: Wir waren genauso schlimm – einfach anders. 

Bevor wir uns also das nächste Mal Sorgen über den kurz bevorstehenden Niedergang der abendländischen Kultur machen, weil Teenie-Jungs Teenie-Sprache reden, sollten wir uns unserer eigenen Jugend entsinnen.  

Und dänn chill’s mal, du huere Brot!

Yonni Meyer

Yonni Meyer (34) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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