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Dieb Yonnihof

Bild: shutterstock

YONNIHOF

Schottische Geschichten – heute: Deacon Brodie

Yonnihof

Wissen Sie, wer Deacon William Brodie war? 

Ja, ich auch nicht. Bis ich vor über zehn Jahren das erste Mal nach Edinburgh reiste. Und meine erste Bekanntschaft mit Herrn Brodie beschränkte sich damals auch auf einen schlimmen Kater, den ich mir im nach ihm benannten Pub an der mittelalterlichen Royal Mile inmitten der schottischen Hauptstadt einfing. 

Neugierig wurde ich erst beim zweiten Mal, als ich an dem Pub vorbeiging. Viele Menschen machten Bilder davon und mir war nicht klar, weshalb – abgesehen vom nicht unansehnlichen Bartender, der sich jedoch im Inneren des Gebäudes aufhielt. 

Das Interesse der Leute war aber nicht ohne Grund – die Geschichte ebendieses William Brodie möchte ich Ihnen heute erzählen. 

Geboren wurde er am 18. September 1741 – als hätte ye good ole Mother Brodie gespürt, dass dieser Tag genau 273 Jahre später zum schottischen Unabhängigkeitstag würde werden können? Anyways.

Jedenfalls wuchs der kleine William zu einem beliebten und respektierten Bürger der Stadt Edinburgh heran. Als gelernter Tischler stieg er zum Architekten auf und fand sogar seinen Weg in den Stadtrat.

High-End Aufträge, aber auch Gambling und Huren

Gerade wegen seines Renommees als begabter Handwerker und angesehener Bürger erhielt er Aufträge aus den obersten Reihen der städtischen High Society. Was die Ladies und die Gentlemen jedoch nicht ahnten, war, dass Brodie nicht nur gekonnt tischlerte, plante und baute – genauso eifrig wie seinem Beruf wandte er sich auch der Spielerei und den Huren zu. Nebenher hatte er eine Frau, fünf Kinder und zwei Geliebte und irgendwie wollte das mit dem Zaster trotz Schickimicki-Bonus nicht so recht hinhauen. 

Und was tut der kluge Architekt da? Richtig, er fertigt sich zu den Häusern, die er für MacKreti und MacPleti zusammenzimmert, Zweitschlüssel an. Während des Tages liess er den grossen Stadtratsmacker raushängen – nachts schlich er sich zurück in seine eigenen Entwürfe und räumte diese easypeasy aus. Kasse aufgebessert, keine Spuren hinterlassen, Ruf unangetastet. High 5. 

Aber wie es halt so ist im Leben, bleibt solches Gaunertum selten für immer unentdeckt. Bei einem Überfall wurden seine Mittäter verhaftet, welche Brodie verpfiffen. Dieser flüchtete erst nach Holland und wollte in die neue Welt entfleuchen, als er in Amsterdam aufgegriffen und zurück in Edinburgh vor Gericht gestellt wurde. Drama, Baby, Drama!

Wie die Ironie so spielt...

Und wie es die Ironie so will: William Brodie wurde – nachdem er schuldig gesprochen worden war – an ebendem Galgen aufgeknüpft, den er im Jahr zuvor im Auftrag der Stadt für andere Halunken selber gebaut hatte. 

Noch Jahre nach seiner Hinrichtung kursierten Gerüchte, er habe seinen Kopf mit irgendwelchen Tricks auch hier ein letztes Mal aus der Schlinge gezogen. Wortwörtlich. 

Aber noch einmal zurück zu meiner Ausgangsfrage: Wissen Sie, wer William Brodie war? 

Nun, lassen Sie mich die Frage noch einmal anders stellen: Wissen Sie, wer Dr. Henry Jekyll und Edward Hyde waren? 

Genau. Deacon Brodies Geschichte war Inspiration und Grundlage für Robert Louis Stevensons Novelle «The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde». 

Und seien wir ehrlich: Soviel Real-Life-Krimi hat es mehr als verdient, zu einem Klassiker der Literaturgeschichte zu werden. 

Yonni Meyer

Sie gilt als Schweizer Facebook-Phänomen: Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt.
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2Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • joe 09.10.2014 14:42
    Highlight Highlight War bist gestern in Schottland und in den letzten Tagen in Edinburgh. Die Deacon Brodie Taverne ist wirklich sehr schön. Nebst dem erwähnten Kater, isst man im 1.OG auch sehr gut...!
    0 0 Melden
  • Jol Bear 12.09.2014 18:58
    Highlight Highlight Good Story. Das schottische Verdienst gebührt in diesem Fall R.L. Stevenson, der auf der Grundlage eines doppelten Politikerlebens, wie es auf aller Welt dann und wann anzutreffen ist, ein hervorragendes literarische Werk geschaffen hat.
    3 0 Melden

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