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Yonnihof

Hallo Doppelmoral!

14.02.2015, 12:19

Da ging also eine Lehrerin – Berichten zufolge ist sie um die 30 – mit einem ihrer Schüler ins Bett. Er ist 17.

In der Schweiz liegt das Schutzalter bei 16 Jahren, davor darf man sexuelle Handlungen nur mit Menschen tätigen, die höchstens drei Jahre älter sind als man selbst. Beide Beteiligten sagen, der Sex zwischen ihnen sei einvernehmlich gewesen.

An und für sich wäre der Sex zwischen den beiden also erlaubt gewesen – wäre da nicht die beruflich bedingte Abhängigkeit des Jungen von seiner Lehrerin. Deswegen hat sie nun ihren Job verloren und wird strafverfolgt.

Der Bub seinerseits wird von seinen Kumpels als Held gefeiert und hat wohl schon bald Blasen an den Händen vor lauter High Fives.

Ich las in den letzten zwei Tagen viele Kommentare zu diesen Geschehnissen und erhielt mehrere Mails mit Aufforderungen, mich zu dem Thema zu äussern. Man empörte sich, die Lehrerin werde zu hart angefasst (haha, Wortspiel) und der junge Mann habe bestimmt den besten Sex seines noch jungen Lebens gehabt und man solle mal nicht so sein.

Meine lieben Leute,

  1. Stellt euch mal vor, die Geschlechterverteilung von Lehrerin und Schüler wäre andersrum gewesen. Stellt euch vor, ein Mann hätte mit seiner 17-jährigen Schülerin ein sexuelles Verhältnis angefangen und wäre dabei im Skilager in flagranti erwischt worden. Was wäre dann passiert? Richtig, die Medien hätten die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, genauso wie der Rest der Bevölkerung (durchaus zurecht, übrigens), der Herr hätte seinen Job verloren und man hätte ihn strafverfolgt. Es ist in meinen Augen absolut richtig, dass eine Frau in derselben Position vom Vorgesetzten und von der Staatsanwaltschaft keine andere Behandlung erfährt als sie auch ein Mann bekommen hätte.
  2. Und nun stellt euch zusätzlich noch vor, Männer würden nach einem solchen Vorfall Kommentare oder Mails wie die euren schreiben, in denen sie sagen, man solle sich mal nicht so anstellen, das sei bestimmt der beste Sex gewesen, den die Schülerin je gehabt hätte und deswegen könne man dem armen Lehrer doch seinen Job nicht einfach wegnehmen... 
  3. Las ich immer wieder zynische Kommentare bezüglich der schulpsychologischen Betreuung des Jungen. «Sex ist für einen solchen jungen Mann doch das Grösste – der braucht einen Pokal, keinen Psychologen.» Das mag sein. Aber auch hier wieder die Frage: Wie wäre die Reaktion gewesen, wenn es sich um eine 17-jährige Schülerin gehandelt hätte? Wie wären die Kommentare in dem Fall ausgefallen, wenn nach solchen Vorkommnissen keine psychologische Behandlung gefolgt wäre? Mädchen sind in diesem Alter in ihrer psychischen Entwicklung den Jungs meist ein bisschen voraus – sollte dann ein Mädchen nicht noch eher in der Lage sein, eine solche Geschichte ohne psychologische Hilfe zu verarbeiten?

Ich bin wirklich sprachlos ob dieser Doppelmoral.

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Es mag sein, dass der Sex zwischen den beiden phänomenal war und dass sie sich wirklich gern hatten. Das mag jeweils auch zwischen einem männlichen Lehrer und seiner Schülerin so passieren, wenn ein solches Verhältnis entsteht – trotzdem wusste diese Frau ganz genau, was sie tat, und dass sie, sollte sie dabei erwischt werden, ihren Job und ihren Ruf gleichermassen an den Nagel würde hängen können. 

Dass dem Jungen von seinen Freunden gratuliert wird, obwohl wegen des Verhältnisses gerade Köpfe rollen, finde ich überhaupt nicht erstaunlich und es zeigt zusätzlich, dass junge Männer in diesem Alter noch nicht reif genug sind, die Konsequenzen einer solchen Beziehung tatsächlich zu begreifen. Und das ist bei Mädchen diesen Alters genauso wenig der Fall. 

Und auch wenn das alles komplett spurlos am Schüler vorbeigegangen zu sein scheint, soll er trotzdem einen Psychologen sehen, einfach um sicher zu gehen, dass da alles in Ordnung ist (entgegen der geläufigen Meinung muss eine psychologische Behandlung nämlich nicht Jahre dauern und bereits in Mutters Uterus ansetzen, man kann auch einfach schauen, ob alles okay ist). 

Kurz: In meinen Augen wurde, soweit ich das alles erfassen kann, absolut richtig gehandelt.

Yonni Meyer
Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 

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