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Yonnihof

Schottische Geschichten: «Braveheart» war ein Haufen Bullshit 

17.09.2014, 13:5817.09.2014, 14:43

Wie man dem Titel dieser Kolumne eventuell nicht ganz entnehmen kann, liebe ich den Film «Braveheart» ja heiss und innig. Wirklich. Nur schon der Landschaften wegen. Da kann man mir mit Palmenstränden gestohlen bleiben, wenn ich stattdessen einen nebeldurchzogenen Glen (Tal) geboten bekomme, der sich durch moosbewachsene Bens (Berge) zieht und da und dort von einem Loch (See) gekrönt wird. 

Schottische Landschaften haben etwas, das in mir eine Melancholie weckt, die ich nicht beschreiben kann. Als würde ich Zeiten vermissen, zu denen ich nicht gelebt habe. Da findet sich unter jedem Stein ein uraltes Stück Geschichte – von Schlachten und Clans und von ganz grossen Liebesgeschichten. Wunderbar! 

Und das alles bietet auch «Braveheart» und drum schaue ich mir den Streifen immer wieder gerne an. 

Wenn es jedoch um die geschichtlichen Fakten geht, hat Herr Gibson (seines Zeichens Hauptdarsteller und Regisseur des Films) ziiiiiemlich tief in die Hollywood-Trickkiste gegriffen. 

Hier sechs Tatsachen, die beweisen, dass der Film historischer Bullshit ist:

1. William Wallace wurde in die schottische Aristokratie hineingeboren. Der kleine Junge mit den verlumpten Kleidern und dem schmutzigen Gesicht, den man am Anfang des Films auf dem abgelegenen Hof in den schottischen Highlands rumrennen sieht, kommt also eher der Rolle von Klein-Williams «Popo-Abwischer» gleich als der von Wallace selbst.

2. Das Ritual «Ius Primae Noctis», bei welchem der Landsherr die Braut eines seiner Untertanen in der Hochzeitsnacht in sein eigenes Bett nehmen darf: Ob dieser Brauch überhaupt einmal existierte, ist bis heute sehr umstritten. Tatsächlich vorkommen tut er jedoch in einer Vielzahl von Hollywood-Streifen. Aus gutem Grund: Ein Herr, der seinem Knecht die Hochzeitsnacht raubt, ist der perfekte Bösewicht. Oder im Fall von Braveheart der König, welcher seinen Landsherren im fernen Schottland ein solches Recht zuspricht. Und wir haben «Edward the Longshanks» tatsächlich dafür verabscheut. Also: Well done, Mr. Gibson! 

3. Isabella von Wales. Hach, es ist so eine schöne Geschichte: Mel Gibson und Vic aus «La Boum». Er der Held, der sich für die Liebe am überlegenen Feind rächt, sie die fronssösische süpersexy Pricesse, die mit ihrem schwulen Zwangsehemann ein schreckliches Dasein bei Hofe fristet. Zum Austausch hat sie nur ihre Hofdame, mit der sie sich geheim auf Französisch unterhält. Bitzli blöd nur, dass damals fast jeder bei Hofe der französischen Sprache mächtig war und somit wohl jeder Hofnarr innert kürzester Zeit gewusst hätte, dass Madame la Pricesse dem Wilden aus dem Norden gerne in die Ünter'ose gekuckt hätte (was übrigens möglich gewesen wäre, denn, weiterer Fakt: Wallace war Lowlander und trug demnach keinen Kilt). Aber seid entwarnt, Isabella war in Sicherheit, denn zur Zeit von Wallaces Eskapaden und seiner Hinrichtung war sie noch ein kleines Kind und lebte glücklich und zufrieden am französischen Hof. Sie kann Wallace nie getroffen haben und somit ist alles, was sich im Film zwischen den beiden abspielt, erstunken und erlogen. PFUI, Mr. Gibson!

4. Die Schlacht von «Stirling Bridge» (die erste Schlacht im Film, in der die Schotten lange Speere zurecht zimmern, in welche sie dann die Kavallerie der Engländer rasseln lassen): Im Film spielt sich diese Schlacht auf einer weiten Wiese ab. Wie der Name jedoch vermuten lässt, fand sie bei einer Brücke statt – und genau das war der Vorteil der zahlenmässig massiv unterlegenen Schotten: Sie stellten sich ennet der Brücke auf und konnten so die herannahenden Engländer in kleinen Häppchen niedermachen. Ohne die Brücke wäre ein solcher Sieg wohl nie zustande gekommen.

5. «Brave Heart». Eine der markantesten Manipulationen im Film betrifft die Person, die den Namen «Brave Heart» trug. Das war nämlich nicht William Wallace, sondern Robert the Bruce. Der arme Robert wird auf der Leinwand aber nicht nur seines Spitznamens, sondern auch seiner Integrität beraubt: Er hat Wallace nie verraten, sondern unterstützte ihn vor allem am Ende seines Kampfes für die schottische Freiheit. Er führte denn auch zu Ende, was Wallace begonnen hatte, und wurde 1306 zum ersten König vom Schottland gekrönt.

6. Wallaces Hinrichtung. Brutal, nicht? Aufknüpfen, aufschlitzen, enthaupten. Nun, die Hinrichtung im Film war noch eine Untertreibung dessen, was der Engländer anfangs des 14. Jahrhunderts unter einer «angemessenen» Strafe für Hochverräter verstand. «Hanged, drawn and quartered» nannte sich das grauenhafte Schauspiel, das sich Kreti und Pleti damals an einem normalen Mittwochnachmittag anschauen gehen konnten. Zu diesem Zwecke wurde der Verurteilte erst aufgehängt, bis er beinahe tot war. Dann holte man ihn vom Galgen, legte ihn auf einen Holzblock, schnitt seinen Bauch auf und holte seine Gedärme heraus (z.T. wurden diese vor den Augen des Sterbenden verbrannt). Dann wurde der Ärmste kastriert, gevierteilt und schliesslich sein Kopf abgehackt. 
In diesem Fall also können wir dankbar sein, dass Mel Gibson sich für die harmlosere, amerikanischere, «FREEEEEDOOOOOOM»-schreiende Variante entschieden hat.

Während die Hollywood-Darstellung Wallaces da und dort übertrieben erscheinen mag – er hat das schottische Nationalverständnis und den Patriotismus bis heute geprägt. Kurz bevor 1320 die Unabhängigkeit Schottlands durch den englischen König erklärt wurde, schrieben die Schotten in der Deklaration von Arbroath im Sinne von William Wallace:

«... denn so lange, als nur Hundert von uns noch überleben, werden wir uns in keiner Weise englischer Herrschaft beugen. Denn wir kämpfen weder für Ruhm noch für Wohlstand noch für Ehre; sondern wir kämpfen allein für die Freiheit, die kein rechtschaffener Mann aufgibt – ausser mit seinem Leben

Und das ganz ohne Hollywood.

Quellen: thehande.com, scottishhistory.com, britannica.com, wikipedia.com

Yonni Meyer
Sie gilt als Schweizer Facebook-Phänomen: Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen - direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony - aber nicht weniger unverblümt. 

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