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Chat Frau

Bild: shutterstock

Yonnihof

Yonnihof

Du sollst nicht schreiben!

In Beziehungen gilt: Hörer > Tastatur.



Wämmer hüt Abig Pizza bstelle und DVD luege? 

Okay. 

Lieber nöd, demfall? 

Moll, ich han ja grad «Okay» gseit. 

Mega enthusiastisch. S’nächschtmal frögi mim Nachber sini taub-blind Chatz, wo en Hirnschlag gha hät. Die hät en stärchere Gfühlsusdruck als du. 

Ähm. Also luegemer jetz DVD? 

Nei! 

Oh, die elektronische Kommunikation. Ich bin ja eigentlich mega Fan von neuen Errungenschaften wie Emails und SMS und sonstigen Sachen, mit denen ich Technik-Null auf wundersame Weise in Millisekunden Buchstaben von hier zu den Anakondas im Amazonas schicken kann.

Und ich nutze diese Techniken auch sehr regelmässig. Als bekennende Telefonier-Hasserin sind sie für mich ein wahrer Segen. Ich kann dann antworten, wenn ich Zeit, Lust und die richtigen Worte habe. Mit gewissen Freunden habe ich sogar eine Art Dauerchat auf Facebook – das Feischterli unten rechts ist immer offen. Wäre FB eine WG, wäre das Chat-Feischterli die Küche. Man macht den Tag durch seinen eigenen Scheiss, trifft sich aber regelmässig für eine (übertragene) Zigi in der Küche für Quatsch und Tratsch. Und 9gag-Bildli. Und Online-Artikel über die Epilepsie von Cameron Diaz’ Hund

Die Kommunikation auf diesem Weg funktioniert meist einwandfrei. Das obige Beispiel aber beweist: Geschriebenes kann auch sehr gefährlich sein. Vor allem in Liebesbeziehungen. Dürfte ich als Psychologin und Privatperson dem modernen Paar einen Tipp zur einfacheren Problembewältigung im Alltag geben, wäre es: Besprecht Wichtiges mündlich. 

Geschriebenes lässt so viel Interpretationsspielraum, dass Chaos vorprogrammiert ist. Da mal ein «gelesen um 11.34» zuviel, dort mal ein Smileyherzlischiessmichtot zuwenig und schon brechen Herzen. Oft grundlos. 

«Aha»: Eine Bestätigung von Verständnis, Erstaunen oder gar ein Ertappt-Haben. Oft aber interpretiert als «Du bist mir scheissegal und heute Abend verlasse ich dich für Melanie von der Buchhaltung / Manuel vom Vertrieb». 

«Easy»: Bestätigung, dass man kein Problem mit der eben erhaltenen Information hat. Oft jedoch gemeint als «Überhaupt nicht easy, du Arschkeks! Die nächsten Tage werden die Hölle! Ich schwör!» 

«Es isch nüt» (Achtung, Falle): «Ich möchte nicht darüber reden», «Gnade dir Gott, wenn du jetzt nicht nochmals nachfragst, du gefühlloses Stück» oder, in sehr seltenen Fällen, «Es ist tatsächlich alles okay». 

Das oben genannte «Okay» jedoch ist der König der Interpretationskunst. 
«Okay»: Zustimmung, Einwilligung. Aber auch «Bäh, kotzt mich an, aber ich gebe auf», «Wenn’s sein muss», «Schpinnsch eigentlich?» und «Ich ziehe zu meiner Mutter». 

Ich persönlich bin überzeugt, dass «Okays» schon zu mehr als einer Trennung geführt haben. Die Krux damit ist, dass wir diese Ausdrücke in genau dem Ton lesen, der gerade unseren Gefühlstrend bestätigt. War er in den letzten Wochen nicht sehr aufmerksam? Dann heisst das geschriebene Okay definitiv «Mir doch scheissegal, was wir heut’ Abend machen». Sie macht in letzter Zeit oft Überstunden? Dann bedeutet das Okay bestimmt «Manuel vom Vertrieb hört viel besser zu als du».

Fazit: Schreiben ist super, aber sobald's kritisch wird, lieber einmal mehr zum Hörer greifen, damit man an der Stimme und der Laune des Gegenübers auch tatsächlich ablesen kann, ob er/sie einen in gefühlten vier Millisekunden verlässt oder ob er/sie einfach zu viel gegessen hat über Mittag und sich nun etwas unwohl fühlt.

Okay?

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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