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Yonnihof

«Will mir Hemmige hei ...»

Hindern wir uns selbst an grossartigen Erlebnissen? Und wenn ja, warum eigentlich?



Gestern habe ich an mir selber ein spannendes Phänomen beobachtet.  

Grundsätzlich bin ich nun wirklich kein schüchterner Mensch. Ich hatte nie Probleme, mich an fremden Orten zurecht zu finden und innert Kürze Freunde zu finden. Und trotzdem merke ich, dass ich in gewissen Situationen zögere, auf andere zuzugehen.  

Hemmungen. So nennt sich das.  

Nun kann man das nachvollziehen, abhängig davon, was für einen selbst auf dem Spiel steht und wie wichtig einem das ist. Ein erster Eindruck zum Beispiel. Eine Blamage in irgendeiner Form. Oder auch Gefahr für die eigene Person, wenn beispielsweise jemand in der Öffentlichkeit bedroht wird. Zivilcourage ist etwas Grossartiges, nur setzt man dabei einerseits aufs Spiel, dass einem selber etwas zustösst und riskiert andererseits, sich zum Affen zu machen. Dies passierte mir einst, als ich mich in einen Pärchenstreit an einer Tramhaltestelle einmischte und ein «Das gaht dich en Dräck aa» kassierte. Dumm ist sowas vor allem auch, weil es einen davon abhält, in einer anderen Situation wieder dasselbe zu tun – und vielleicht wär’s dann eben nötig gewesen.  

Diese Hemmungen schränken uns aber nicht nur dabei ein, in gefährliche Situationen einzugreifen. Sie hindern uns auch daran, Gutes zu tun oder anderen zu helfen. Nur schon jemanden anzusprechen, der seinen Rucksack hinten offen hat, macht mir manchmal Mühe und ich weiss, dass ich damit nicht allein bin. Oder jemanden im Zug zu wecken, der schläft, während der Zug anhält – soll man schnell fragen, ob er aussteigen muss? Oder ist das seine Verantwortung?  

Nun stand ich gestern Abend am Zürcher Hauptbahnhof. Es waren vergleichsweise wenige Leute unterwegs. Kein Wunder, war es doch der erste Weihnachtstag und circa 19.00 Uhr abends. Ich hatte meinen Bus knapp verpasst und musste 15 Minuten auf den nächsten warten, als mich eine junge Frau ansprach und mich nach Geld für die Notschlafstelle bat.

Und da waren sie, die Hemmungen. Ich wollte ihr mehr geben als nur Cash. Ich wusste, dass es Weihnachten war und diese Frau keinen Platz zum Schlafen zu haben schien – oder vielleicht hatte sie einen, musste aber an Weihnachten um Geld für Bier oder Drogen betteln, was genauso übel ist. Ich holte mein Portemonnaie hervor und zog 20 Franken heraus. Ich kämpfte innerlich gegen mich und brachte es dann trotzdem heraus: «Hast du schon gegessen heute?» - «Nein», kam die Antwort.

Da steckte ich die 20 Franken zurück und machte ihr den Vorschlag, wir könnten zu einem Fast Food-Restaurant gehen und sie könne sich alles aussuchen, was sie wollte. Sie starrte mich misstrauisch an und einen Moment lang kam meine Unsicherheit zurück, dass ich nun vielleicht einen Zusammenschiss kassieren könnte. Sie hatte ja nicht nach Essensgeld gefragt. Sie willigte aber gleich darauf ein und wir zogen los, ich mit meinem ganzen Weihnachtsgepäck, sie mit einem simplen Plastiksack mit Kleidern, einmal über den Bahnhofsplatz.  

Im Restaurant angekommen wiederholte ich, sie könne sich alles aussuchen, was sie wolle. «Wirklich?», fragte sie mich ungläubig. Ich nickte und so bestellte sie sich drei Hamburger, Pommes-Frites, eine grosse Cola, eine Apfeltasche und einen Kaffee. Zum Mitnehmen. Insgeheim hoffte ich, dass sie einen Teil ihres Essens jemand anderem weitergeben würde, aber das weiss ich leider nicht. Ich bezahlte das Essen und gab ihr im Anschluss noch zehn Franken fürs Schlafen. Ob sie’s dafür ausgegeben hat, weiss ich nicht. Ich hoffe es.  

Danach trennten sich unsere Wege wieder. Ich weiss nicht einmal, wie die junge Frau heisst, aber zum Abschied umarmte sie mich und dankte mir immer wieder.  

Das waren die besten 30 Franken, die ich seit Langem ausgegeben habe. Und ich kann im Nachhinein nicht im Geringsten nachvollziehen, warum ich der jungen Frau das Angebot beinahe nicht gemacht hätte.     

Was hindert uns also daran, anderen zu helfen, aufmerksam zu sein, uns auf sie einzulassen, abgesehen von unmittelbarer Gefahr an Leib und Leben? Denken wir, das Elend anderer müsse selbstverschuldet sein – sei es ein offener Rucksack, das Verschlafen einer Haltestelle oder gar Obdachlosigkeit? Oder wollen wir eigentlich helfen, haben aber Angst, Grenzen zu überschreiten, uns ins Leben anderer einzumischen? Ist es unsere individualistische Welt, in der jeder sein Ding macht und möglichst in Ruhe gelassen werden will, die uns davon abhält, menschlich zu handeln? 

Und verpassen wir nicht schöne Erlebnisse und gute Gelegenheiten wie diese ...

... will mir Hemmige hei?

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer (33) schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen – direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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