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B.B. King mit seiner grossen Liebe: Gitarre Lucille. Bild: TDc photography / shutterstock

Yonnihof

Yonnihof

Bye-bye, B.B.!

Ein Tribut an Riley B. King.



Viele verstanden mich jeweils nicht. Mit 18 oder 20 Jahren, als alle anderen Pop und Rock hörten, hörte ich den Blues. Nicht immer natürlich, aber oft. Ich genoss damals eine Gesangsausbildung, hatte nach der klassischen Basis auf Jazz umgesattelt. Auch das verstand niemand. Alle wollten Musical singen. Oder eben Pop. Oder Rock. Ich nicht. 

Vielleicht verstehen viele auch nicht, weshalb ich heute als 33-jährige Schweizerin eine Kolumne einem amerikanischen Musiker widme, der mit knapp 90 Jahren gestorben ist und den wohl schon viele Zeitgenossen meiner eigenen Generation gar nicht mehr kannten. 

Sehen Sie: Dies ist kein Fanbrief, dies ist ein Dankesschreiben. Es könnte auch an einen anderen Künstler gerichtet sein. Oder an eine Sportlerin. Oder an ein sonstiges Idol. 

Was für andere eine bestimmte Hockey-Mannschaft war oder ein Fussballverein, das war für mich der Blues und mit ihm sein König, B.B. King. 

Ich schreibe diesen Text auch, weil B.B. King meine Jugend (mit-) prägte. Bei uns zuhause lief ständig seine Musik. Seine und die von John Mayall und die von John Lee Hooker und die von Taj Mahal und die von Eric Clapton. Und ich liebte diese Musik, liebe sie noch heute. Auch heute antworte ich auf die Frage, welche Musik ich gerne höre, mit «Blues», auch wenn das wahrscheinlich ziemlich uncool ist – es ist einfach die Wahrheit. 

Ich gebe zu, ich hatte keine Poster von B.B. in meinem Zimmer hängen, aber wenn ich in meinen Gesangstunden oder im Jazzensemble oder später auch in der Rockband, in der ich sang, wählen durfte, was gespielt wird, dann wünschte ich mir immer einen langsamen Blues. Und fast immer war es einer von B.B. King. 

2012 hatte ich das Glück, King live zu sehen. Am «Live at Sunset» auf der Kunsteisbahn im Dolder. Er war damals 86 Jahre alt, konnte nur noch sitzen, war nicht mehr ganz so treffsicher mit den Tönen, weder auf Lucille, seiner Gitarre, noch mit seiner Stimme. Aber das war nicht der Punkt. 

So, wie es eben beim Blues eh nie der Punkt ist. Der Blues ist ein Lebensgefühl. Er ist Herzschmerz und Sehnsucht und zu viele Zigaretten und zu viel Alkohol und immer wieder auch ein bisschen Sex. Er ist der Vater des Rocks, genauso abgefucked, aber zu schwerfällig, um das Hotelzimmer dem Erdboden gleich zu machen. Da müssen die Töne manchmal fast etwas schief sein. 

Da sass also dieser uralte, gewaltige Mann, mit seiner gewaltigen Stimme und seiner gewaltigen Geschichte. Riley B. King, der auf einer Plantage im Bundesstaat Mississippi zur Welt kam und bettelarm aufwuchs, sich danach mit seiner Gitarre aufmachte, zu «Blues Boy King», dann zu B.B. King und schliesslich zum Weltstar wurde. 

Da sass er, und es war offensichtlich: Dieser Mann war nicht einer der Besten seines Genres, er war sein Genre. Man konnte seinem Gesicht seine Musik ablesen. Es verzerrte sich vor Leid, als er singend berichtete, dass «The Thrill Is Gone». Es flirtete mit dem Publikum bei «Rock Me Baby» – was auch Sinn machte, denn der Text lautet nicht geringer als «I want you to rock me like my back ain’t got no bone». Da muss man schon auch ein bisschen mitflirten. Auch mit 86. 

 Einer meiner Lieblingssongs von B.B. King ist «Better Not Look Down». «Better not look down, if you wanna keep on flying,
put the hammer down, keep it full speed ahead.
You better not look back or you might just wind up crying.
You can keep it moving if you don’t look down.»
 

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B.B. King: Better Not Look Down. YouTube/BebingtonGirl

Der Blues ist vielleicht nicht anspruchsvoll, nicht komplex. Man muss sich nicht konzentrieren beim Zuhören (auch beim Spielen nicht wirklich), denn die Blues-Schemata sind eigentlich immer dieselben. Es geht beim Blues nicht ums Denken, es geht ums Fühlen. Er ist Herzensmusik. Er ist Lebensmusik. Er ist einfach gute Musik. 

Immer wieder heisst es, die Welt habe an Inspiration verloren. Ich hatte das grosse Glück, Inspiration in der Musik von B.B. King zu finden.

«His passing created a hole in the universe», sagte Morgan Freeman zum Tod seines Freundes. Nun, vielleicht nicht im Universum aller, aber sicherlich in demjenigen des Blues. Und ganz bestimmt in meinem.

Ich verneige mich, B.B. Danke für alles. Leb wohl.  

Yonnihof Yonni Meyer

Yonni Meyer

Yonni Meyer schreibt als Pony M. über ihre Alltagsbeobachtungen –direkt und scharfzüngig. Tausende Fans lesen mittlerweile jeden ihrer Beiträge. Bei watson schreibt die Reiterin ohne Pony – aber nicht weniger unverblümt. 
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