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Motherboard hat Durchsuchungsbefehle und Gerichtsakten veröffentlicht, die konkret zeigen, wie Mark Zuckerbergs Konzern Ermittlern in einem Fall von illegaler Abtreibung half. Den Beschuldigten wurde die fehlende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zum Verhängnis.
Motherboard hat Durchsuchungsbefehle und Gerichtsakten veröffentlicht, die konkret zeigen, wie Mark Zuckerbergs Konzern Ermittlern in einem Fall von illegaler Abtreibung half. Den Beschuldigten wurde die fehlende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zum Verhängnis.Bild: keystone

US-Teenager wegen illegaler Abtreibung angeklagt – Facebook gab private Chats heraus

Der öffentliche Druck auf die grossen Techkonzerne wächst, ihre Userinnen durch eine umfassende Ende-zu-Ende-Verschlüsselung zu schützen. In der Pflicht stehen nebst dem Facebook-Konzern auch Apple und Twitter.
10.08.2022, 09:0911.08.2022, 05:33

Facebook hat private Chat-Nachrichten zwischen einer 17-Jährigen aus Nebraska und ihrer Mutter an die Strafverfolgungsbehörden weitergegeben. Dies, um die Ermittlungen zu einer Abtreibung zu unterstützen, die nach dem Gesetz des Bundesstaates im Mittleren Westen der USA illegal war.

Das Online-Medium Motherboard hat den Fall in der Nacht auf Mittwoch publik gemacht.

Demnach hatten die Strafverfolger im Juni einen Durchsuchungsbefehl bei Meta, dem Mutterkonzern von Facebook, eingereicht. Die Ermittler verlangten die Herausgabe sämtlicher privaten Daten – einschliesslich Chatnachrichten –, die das Unternehmen über die Beklagten hatte.

Facebook und andere Technologieplattformen haben sich laut Motherboard-Bericht zuvor geweigert, zu sagen, ob sie in Zusammenhang mit Abtreibungsfällen User-Daten an Ermittler herausgeben würden. Dieser Fall zeige, dass zumindest Facebook dies tun werde und bereits getan habe.

Bei Twitter äusserte der Datenschutz-Aktivist Evan Greer die Forderung, dass Facebook und alle anderen grossen Online-Plattformen standardmässig eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung privater Nachrichten einführen sollten. Dadurch könne die Herausgabe solcher Daten verunmöglicht werden.

Was muss man zum Fall wissen?

Die Anklage stütze sich auf Beweise aus den privaten Chatnachrichten des Teenagers, die per Gerichtsbeschluss direkt von Facebook erhalten wurden, heisst es im Bericht. Diese zeigten, dass Mutter und Tochter angeblich Medikamente zur Einleitung einer Abtreibung online gekauft und den abgetriebenen Fötus begraben hätten.

Die Polizei nutzte die aus den Chats gewonnenen Daten, um Smartphones und Laptops zu beschlagnahmen.
Die Polizei nutzte die aus den Chats gewonnenen Daten, um Smartphones und Laptops zu beschlagnahmen.quelle: vice.com

Der Teenager sei in der 28. Schwangerschaftswoche gewesen, dies falle unter Nebraskas Abtreibungsverbot nach der 20. Schwangerschaftswoche, hält Motherboard fest. Wer sich für die traurigen Details des Falles interessiert, kann diese im Originalbericht nachlesen (siehe Quellen).

Nebraskas Abtreibungsgesetze sind laut dem Enthüllungsbericht bislang nicht geändert bzw. verschärft worden, nachdem der oberste US-Gerichtshof in einer Grundsatzentscheidung im Juni das Abtreibungsrecht gekippt hatte.

Laut den von Motherboard erhaltenen Gerichtsdokumenten fand die besagte Abtreibung vor dem in den USA höchst umstrittenen Entscheid zu «Roe vs. Wade» statt.

Inzwischen hat ein anderer Bundesstaat im Mittleren Westen ein fast vollständiges Abtreibungsverbot beschlossen. Indiana sei der erste Bundesstaat, in dem das Parlament nach dem Grundsatzurteil des Supreme Court zur Abtreibung ein neues Gesetz mit verschärften Regeln verabschiedete.

In den USA hatten sich bereits zahlreiche Menschen besorgt gezeigt, dass die Strafverfolgungsbehörden in Abtreibungsfällen auf Smartphone-Daten zugreifen könnten.

«Aktivisten für Abtreibungsrechte, Datenschutz-Experten und alle, die sich Sorgen um die Privatsphäre in den Vereinigten Staaten machen, haben Befürchtungen geäussert, dass die digitale Kommunikation, Standortdaten, Informationen aus Perioden-Apps oder andere private Daten gegen sie verwendet werden, um Abtreibung zu kriminalisieren.»
quelle: vice.com

Welche Techkonzerne geben Chatdaten preis?

Alle US-Unternehmen, die die bekannten Social-Media-Plattformen und Chatdienste betreiben, können per Gerichtsbeschluss dazu gezwungen werden, Chatdaten ihrer Nutzerinnen und Nutzer an den Staat herauszugeben. Dies liesse sich auf technischem Weg (relativ einfach) verhindern, wenn eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung eingeführt würde.

1. Facebook

Der Internet-Aktivist Evan Greer twitterte:

«Facebook bietet derzeit zwar eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für seinen Messenger an, aber sie ist nicht standardmässig aktiviert. Wäre dies der Fall gewesen, hätte es diesen Teenager und seine Mutter in Nebraska geschützt.»
quelle: twitter.com

2. Instagram

Die Einführung der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Instagram-Chats sei vom Meta-Konzern geplant, dann aber auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden.

3. Twitter

Twitter habe die Einführung einer Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Direktnachrichten jahrelang hinausgezögert. Das Unternehmen müsse dies nun endlich tun, fordert der queere Internet-Aktivist. «Und zwar sofort. Vor allem, weil so viele Abtreibungsfonds die Plattform nutzen, um Spenden zu sammeln und Unterstützung zu koordinieren.»

Und damit zu den beiden grössten Plattformbetreibern respektive dominierenden Mobile-Systemen ...

4. Apple und Google

Zwar bietet Apples hauseigener Messenger (früher «iMessage» genannt, nun «Nachrichten») standardmässig Ende-zu-Ende-Verschlüsselung. Jedoch sind damit nur die Chatverläufe zwischen Usern mit Apple-Geräten geschützt – und zudem können die Strafverfolger verschlüsselte Daten einsehen, die per iCloud-Backup gesichert wurden.

Die Forderung von Evan Greer:

«Apple sollte die iCloud vollständig verschlüsseln und die RCS-Unterstützung für iMessage aktivieren, damit iPhone- und Android-Nutzer einander leichter verschlüsselte Textnachrichten senden können, die standardmässig verschlüsselt sind. Diese einzige Änderung würde sofort Milliarden von Menschen schützen. Schluss mit dem Zögern.»
quelle: twitter.com

«RCS-Unterstützung» bezieht sich darauf, dass Apple den sogenannten Rich Communication Standard (RCS) in seine «Nachrichten»-App integrieren sollte, um eine sichere Kommunikation mit Android-Usern zu gewährleisten.

RCS ist nach den Weiterentwicklungen durch Google Ende-zu-Ende-verschlüsselt, wie heise.de im Juni berichtete. Apple zeige allerdings «wenige bis gar keine Ambitionen, den SMS-Teil seiner Nachrichten-App zu verbessern». Google lasse denn auch keine Gelegenheit verstreichen, Apple für fehlende RCS-Unterstützung in iMessage zu piesacken.

Googles «Messages»-App soll noch 2022 die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Gruppenchats bekommen – zumindest in der offenen Beta-Version. Mitte 2021 wurde die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für Einzelchats lanciert.

Das letzte Wort soll Evan Greer haben:

«Grundsätzlich sollte jedes Unternehmen, das private Nachrichten jeglicher Art anbietet, die von jemandem zur Kommunikation über den Zugang zur Abtreibung (...) genutzt werden könnten, standardmässig eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für alle Nachrichten einführen. Gestern.»
quelle: vice.com

Quellen

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Tabu-Bruch Abtreibung – so fühlt es sich an abzutreiben

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109 Kommentare
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Peter Vogel
10.08.2022 09:26registriert Juni 2020
Hier von Abtreibungsverbot zu schreiben ist ziemlich reisserisch.
28 Woche, d.h. 7. Monat.
In Nebraska kann bis zur 20. Woche abgetrieben werden, in der Schweiz nur bis zur 12. Woche. Die sind dort also liberaler als wir hier.
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Stuka
10.08.2022 09:53registriert Juli 2022
In der 28. Woche abzutreiben ist schon krass und halt illegal, auch in der Schweiz übrigens.
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cheesy_
10.08.2022 09:23registriert Januar 2018
Die Daten müssen geschützt werden. Aber die Story finde ich schon krass. Im 5. Monat abtreiben, wäre ja auch bei uns illegal.
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