DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Ein internes Memo zeigt, dass politische Manipulation durch Bot-Netzwerke von der Facebook-Führung ignoriert wurde.
Ein internes Memo zeigt, dass politische Manipulation durch Bot-Netzwerke von der Facebook-Führung ignoriert wurde.
Bild: keystone

«Blut an den Händen» – Ex-Mitarbeiterin publiziert, was Facebook geheim halten wollte

Ein internes Memo einer ehemaligen Facebook-Mitarbeiterin wirft der Führungsetage vor, politische Manipulationen durch Bot-Netzwerke zu ignorieren. Mit teils tödlichen Folgen.
15.09.2020, 13:3315.09.2020, 14:22

Um was geht's?

Eine mittlerweile entlassene Datenwissenschaftlerin von Facebook, Sophie Zhang, erhebt schwere Vorwürfe an die Adresse ihres ehemaligen Arbeitgebers. Facebook habe unzählige Beweise dafür ignoriert, dass Fake-Accounts auf ihrem Netzwerk massiven Einfluss auf Wahlen und politische Angelegenheiten ausübten.

Zhang wurde Anfangs September entlassen und publizierte an ihrem letzten Arbeitstag ein 6600 Wörter langes internes Memo, welches dann «Buzzfeed News» zugespielt wurde.

Zhang deutete an, dass sie gefeuert wurde, weil sie das obere Management mit ihren Bedenken konfrontierte. Ihr sei gesagt worden, sie solle aufhören, sich mit Themen zu beschäftigen, die den Rahmen ihres Zuständigkeitsbereichs sprengen. Zhang war zuständig für das Analysieren von «koordiniertem, nicht authentischem Verhalten», Facebooks Ausdruck für Bot-Netzwerke und andere koordinierte Aktivitäten mit dem Ziel, Wahlergebnisse zu beeinflussen und politische Kandidaten zu unterminieren.

Aus dem Memo geht ebenso hervor, dass Zhang ein Abfindungspaket in der Höhe von 64'000 Dollar abgelehnt hat. Dies, weil es eine Nicht-Verleumdungs-Klausel beinhaltete, die es ihr verboten hätte, öffentlich über das Unternehmen zu sprechen.

Was sind die Vorwürfe?

«Während den drei Jahren, die ich bei Facebook verbracht habe, habe ich mehrere krasse Versuche ausländischer Regierungen vorgefunden, unsere Plattform in grossem Massstab zu missbrauchen, um ihre eigenen Bürger in die Irre zu führen», schreibt Zhang in ihrem Memo und bilanziert: «Ich weiss, dass ich inzwischen Blut an meinen Händen habe.»

Nichts Neues, könnte man meinen. Diese Vorwürfe an die Adresse von Facebook sind bekannt. Aber Zhang liefert auch konkrete Beispiele.

«Buzzfeed» hat einige der heftigsten Anschuldigungen zusammengefasst:

  • Die Chef-Etage von Facebook brauchte neun Monate, um auf eine koordinierte Kampagne zu reagieren, «die Tausende nicht authentische Assets [a.k.a. Bots] nutzte, um den Präsidenten Juan Orlando Hernandez von Honduras massiv zu stärken und das honduranische Volk in die Irre zu führen.» Zwei Wochen nachdem Facebook dagegen vorgegangen sei, sind die Bots zurückgekehrt und Zhang lieferte sich mit den Operatoren dahinter ein Katz-und-Maus-Spiel. Die Bots sind heute noch aktiv.
  • In Aserbaidschan entdeckte Zhang, dass die regierende politische Partei «Tausende Bots nutzte, um die Opposition massiv zu schikanieren.» Facebook untersuchte das Problem erst ein Jahr nachdem Zhang darüber berichtet hatte. Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen.
  • Zhang und ihre Kollegen entfernten «10,5 Millionen Fake-Reaktionen und Fans von hochrangigen Politikern in Brasilien und den USA bei den Wahlen im 2018.»
  • Im Februar 2019 informierte ein NATO-Forscher Facebook darüber, dass er «russische Bot-Aktivitäten auf dem Profil eines hochrangigen US-Politikers entdeckte, von denen Facebook nichts mitgekriegt hatte.» Zhang entfernte die Aktivitäten, indem sie «das Feuer sofort löschte», schreibt sie.
  • In der Ukraine fand Zhang «gescriptete nicht authentische Aktivität», die sowohl die Pro-EU-Kandidatin Julia Timoschenko als auch den ehemaligen Premier und Verbündeten Poroschenkos, Wolodymyr Hrojsman, unterstützte. «Wolodymyr Zelenksy und seine Fraktion waren die einzige grosse Gruppe, die nicht betroffen war», sagte Zhang über den derzeitigen ukrainischen Premier.
  • In Bolivien entdeckte Zhang Bot-Aktivitäten, die die Opposition unterstützte, entschied sich aber «nicht dafür, diese zu priorisieren», weil sie mit Arbeit ausgelastet war. Monate später versank die bolivianische Politik im Chaos, was zum Rücktritt von Präsident Evo Morales und Massenprotesten führte. Dabei kamen Dutzende Menschen ums Leben.
  • Nachdem sie während der Corona-Pandemie von koordinierter Manipulation auf der Facebook-Seite des spanischen Gesundheitsministeriums erfahren hatte, half Zhang dabei, 672'000 gefälschte Konten zu finden und entfernen, die «weltweit ähnliche Ziele verfolgten», so auch in den USA.
  • In Indien war sie daran beteiligt, ein «politisch ausgeklügeltes Netzwerk von mehr als tausend Akteuren» zu entfernen, das die Lokalwahlen in Delhi im Februar zu beeinflussen versuchte. Facebook hat dieses Netzwerk nie öffentlich erwähnt – auch nicht, dass es entfernt wurde.

Weil darin auch persönliche Infos über Zhang erhalten sind, hat Buzzfeed davon abgesehen, das Memo in voller Länge zu publizieren. Aus dem Memo geht auch hervor, dass Zhang nicht unbedingt wollte, dass dieses an die Öffentlichkeit gerät:

«Ich sehe mich selbst in eine unmögliche Lage versetzt – hin- und hergerissen zwischen meiner Loyalität gegenüber dem Unternehmen und meiner Loyalität gegenüber der Welt als Ganzes. Das Letzte, was ich tun möchte, ist, von unseren Bemühungen für die bevorstehenden US-Wahlen abzulenken. Aber ich weiss, dass dieser Post dies intern wahrscheinlich tun wird.»

Hier liegen laut Zhang die Probleme

Die Datenwissenschaftlerin selbst glaubt nicht, dass Facebook diese Manipulationen mit schlechter Absicht zulässt. Das Problem sei schlicht ein Mangel an Ressourcen. Dazu komme Facebooks Tendenz, sich auf globale Bot-Aktivitäten zu fokussieren, die ein Risiko für das Image von Facebook darstellen. «Kleinere» Angelegenheiten wie nationale Beeinflussungen fänden dabei wenig Raum – weil es sich verhältnismässig um kleine Netzwerke handle.

«Es ist ein offenes Geheimnis, dass Facebooks kurzfristige Entscheidungen weitestgehend durch PR und Furcht vor negativer Aufmerksamkeit motiviert sind», schreibt Zhang. Erst wenn genug medialer Druck aufgebaut würde, unternehme Facebook etwas gegen Manipulationen.

Ein weiteres Problem, das Zhang beschreibt, sind die internen Kommunikationswege. Wenn sie eine verdächtige Aktivität entdecke und diese dann über den offiziellen Weg melde, werde sie ignoriert. Erst wenn man via internem Message Board auf ein Problem aufmerksam mache und Druck aufbaue, werde man wahrgenommen. Sie sagte dazu:

«Ich realisierte, dass meine Standpunkte erst respektiert wurden, als ich mich wie ein arrogantes Arschloch verhielt.»

Wie reagiert Facebook?

Gegenüber Buzzfeed sagte Facebook-Sprecherin Liz Bourgeois: «Wir haben spezialisierte Teams aufgebaut, die mit führenden Experten zusammenarbeiten, um böswillige Akteure zu stoppen. Daraus resultierte das Entfernen von über 100 Netzwerken, die nicht authentisches Verhalten koordinieren.»

Weiter heisst es: «Wir untersuchen jedes Problem mit Sorgfalt – auch jene, die von Frau Zhang erwähnt wurden – bevor wir Massnahmen ergreifen oder als Unternehmen öffentlich Behauptungen aufstellen.» (jaw)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

«Hate Speech» bei Facebook – was toleriert wird, und was nicht

1 / 27
«Hate Speech» bei Facebook – was toleriert wird, und was nicht
quelle: epa/epa / koca sulejmanovic
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Facebook überlegt Werbung auf WhatsApp zu schalten

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Nach Facebook-Hetze gegen Merkel: 40-jähriger Corona-Schwurbler verurteilt

Der gelernte Gärtner war Mitglied einer geschlossenen, etwa 5000 Mitglieder umfassenden Facebook-Gruppe, in der auch zu Gewalt gegen «Asylanten und Migranten» aufgerufen wurde.

Ein Berliner Facebook-Nutzer ist nach Hetze gegen die deutsche Kanzlerin Angela Merkel zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt worden.

Der 40-Jährige habe sich der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten, der Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten sowie der Volksverhetzung schuldig gemacht, begründete das Amtsgericht Berlin-Tiergarten am Donnerstag. Der Angeklagte hatte zuvor gestanden und erklärt, er habe sich «übelst über die Corona-Massnahmen …

Artikel lesen
Link zum Artikel