Diese App soll Leuten helfen, von Pornos wegzukommen – indem sie sie filmt
Die App verspricht ihren Nutzern, «die Kontrolle über ihr Leben zurückzugewinnen». Motivation, Disziplin und Selbstvertrauen wiederzufinden. Und vor allem, keine Pornos mehr anzuschauen.
Auf Social Media inszeniert sich die App Quittr als Selfcare-Tool für Männer der Gen Z. Doch hinter der glatt polierten Selbstoptimierungs-Story steckt mehr: ein wachsendes Business, das sich aus dem Online-Ökosystem der maskulinistischen Szene speist. Und auch die Entstehungsgeschichte liest sich fast wie ein modernes Silicon-Valley-Märchen – nur eben im TikTok-Format.
3000 Dollar … und eine halbe Million im Monat
Quittr wird 2024 vom Briten Alex Slater und dem Amerikaner Connor McLaren lanciert – zwei Jungunternehmer, die kaum dem Teenageralter entwachsen sind. Die Idee dahinter ist simpel: eine App, die Männern dabei helfen soll, mit ihrem Pornokonsum aufzuhören. Die erste Version entstand in gerade mal zehn Tagen – mit einem Startbudget von etwa 3000 Dollar, wie das New York Magazine berichtet.
Das Prinzip? Klassische Selbstoptimierungs-App – einfach auf Porno-Abstinenz getrimmt. Mit dabei: Abstinenz-«Streaks», Lebensziele, ein Pornoblocker, eine Community zum gegenseitigen Pushen – und sogar ein «Panic Button» für die Momente, in denen die Versuchung kickt.
Wenn man darauf tippt, wird die Frontkamera des Telefons aktiviert und zeigt dem Nutzer sein eigenes Spiegelbild, begleitet von Schuldgefühle auslösenden Nachrichten wie:
Das Konzept findet schnell Anklang beim Publikum. Die App verzeichnet rund 1,5 Millionen Downloads und erzielt dank ihrer Abonnements monatliche Einnahmen von über 500'000 Dollar.
Für die beiden jungen Gründer ist der Erfolg überwältigend. Alex Slater lebt nun in Miami in einer luxuriösen Villa, die er gemeinsam mit seinem Geschäftspartner gemietet hat – einem mehrere Millionen Dollar teuren Anwesen.
Auf YouTube und in seinen sozialen Netzwerken teilt Slater sein neues Leben, das aus Luxusautos, Unternehmertreffen und Vorträgen über Erfolg besteht. Doch sein Ehrgeiz geht weit über den eines einfachen Tech-Unternehmers hinaus.
«Männer werden schwach»
In mehreren Interviews macht Alex Slater klar: Für ihn geht es um mehr als nur eine App – er sieht darin einen regelrechten Kulturkampf. Pornografie sei Teil jener «billigen Dopamin-Kicks», die junge Männer träge, antriebslos und unfähig machten, echte Beziehungen aufzubauen. Oder, wie er es selbst formuliert: Statt mit echten Frauen zu sprechen, gehe man halt online und schaue Pornos.
In seiner Idealwelt, so sagt er, würden Männer trainieren, Kreatin nehmen, hart arbeiten, eine Familie gründen – und niemals Pornos schauen. Und auch davon, wie seine zukünftige Partnerin sein soll, hat er schon eine ziemlich konkrete Vorstellung: eine Karrierefrau, die «irgendwann ganz natürlich in die Vollzeit-Mutterrolle wechselt». Sein Geschäftspartner Connor McLaren hat ebenfalls klare Präferenzen: «fleissig, brünett – und macht Pilates».
Das sind Narrative, die sich nahtlos in eine bekannte Online-Welt einfügen: die «Manosphere». Ein loses Netzwerk von Communitys, in denen sich alles um Männlichkeit, Erfolg – und oft auch um Kritik am Feminismus dreht.
Slater nennt auch offen seine Einflüsse – darunter bekannte Figuren aus genau diesem Umfeld. Zum Beispiel Andrew Tate oder diverse männliche Selbstoptimierungs-Influencer aus der Szene.
NoFap, Dopamin und Business
Quittr ist Teil eines grösseren Trends aus dem Internet: der «NoFap»-Bewegung. Entstanden Anfang der 2010er-Jahre auf Reddit, propagiert sie den Verzicht auf Pornografie – teils sogar auf Masturbation – im Namen angeblicher Vorteile für Motivation, Fokus und Selbstvertrauen.
Sogar die rechtsextreme Gruppe Proud Boys hat den «NoFap»-Trend öffentlich gelobt – etwa wegen angeblicher Effekte auf den Testosteronspiegel. Gleichzeitig berichten in sozialen Netzwerken viele junge Männer, dass sie sich besser fühlen, seit sie mit «Gooning» aufgehört haben.
@jimmy.motivates week 4 no gooning. i feel alive. i feel like a brand new person. Using resources like @quittr.app is how i was able to actually conquer this for good and see real changes #nofap #xyzbca #christiantiktok #dopaminedetox #lust ♬ Telephones Vacation Slowed - lucybedroquefan111
In diesen Communities wird Abstinenz oft als eine Art männliche Disziplin inszeniert – als Weg, «die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen». Gerade bei jungen Männern der Gen Z kommt dieses Narrativ gut an – befeuert von Self-Improvement-Podcasts und YouTube-Videos rund um Selbstoptimierung.
Quittr übernimmt diese Codes praktisch eins zu eins: Abstinenz-Zähler, persönliche Leistungsziele, Rhetorik rund um «männliche Disziplin» – und das Versprechen eines produktiveren Lebens. Die App wirbt damit, «ein gesünderes, fokussierteres und erfüllteres Leben freizuschalten». Doch hinter diesem Versprechen steckt auch ein ziemlich lukrativer Markt. Denn wenn die Pornoindustrie Milliarden umsetzt, lässt sich auch mit «Anti-Porno»-Angeboten ordentlich Geld verdienen.
Mit einem Jahresabo von rund 30 Dollar und über einer Million Nutzer generiert Quittr inzwischen mehrere Hunderttausend Dollar Umsatz pro Monat.
Kontroversen und Kritik
Kritiker schlagen Alarm – vor allem wegen des Männlichkeitsbildes, das solche Apps vermitteln. Denn auch wenn sich Quittr als Tool für mentale Gesundheit verkauft, bewegt sich der Diskurs in einer digitalen Kultur, in der Probleme von Männern oft durch eine stark ideologisch gefärbte Brille gesehen werden.
Zu Beginn schlug Quittr übrigens deutlich rauere Töne an als heute. Die App bezeichnete Pornos etwa als «gay» und deren Konsumenten als «Loser». Auch auf Social Media legten die Gründer nach und meinten, Pornodarstellerinnen «sollten keine Kinder haben dürfen». Aussagen, die inzwischen gelöscht wurden – die aber viel über die ursprüngliche DNA des Projekts verraten.
Gleichzeitig trifft die App einen echten Nerv. Viele Psychologinnen und Psychologen beobachten, dass sich gerade junge Männer zunehmend isoliert fühlen und Sexualität immer stärker über Medien erleben. Statt sich professionelle Hilfe zu holen, wenden sich manche lieber solchen Apps und ihren Communitys zu – inklusive Theorien, die wissenschaftlich oft kaum fundiert sind.
