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«Hitzepanik» in Schweizer Telegram-Kanälen – das steckt dahinter

Die Verunsicherung wegen des Klimawandels und seinen verheerenden Folgen ist gross. In einschlägigen Telegram-Kanälen gibt es deshalb viel zu lästern.
Die Verunsicherung wegen des Klimawandels und seinen verheerenden Folgen ist gross. In einschlägigen Telegram-Kanälen gibt es deshalb viel zu lästern.bild: watson
Analyse

«Hitzepanik» in Schweizer Telegram-Kanälen – das steckt dahinter

Das Wetter beschäftigte diesen Sommer viele Menschen auch im Internet – allerdings nicht immer so, wie man sich dies vorstellt.
10.08.2023, 09:2610.08.2023, 12:48
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Die unabhängige Schweizer Medienorganisation Fairmedia hat untersucht, was im Hitzemonat Juli beim Messenger-Dienst Telegram los war.

Die recherchierenden Journalistinnen und Journalisten, die sich der Bekämpfung von Fehlinformationen im Internet verschrieben haben, wurden in einschlägigen deutschsprachigen Kanälen fündig: In den Telegram-Gruppen ging das «Hitzepanik»-Narrativ viral. Und das, obwohl inzwischen durch wissenschaftliche Daten belegt werden konnte, dass der Juli 2023 der bislang heisseste Monat war.

Passend zu dieser Verschwörungserzählung seien über die Kanäle diverse Inhalte verbreitet worden, die nicht verifiziert werden können oder klare Falschaussagen beinhalten, hält Fairmedia fest. «So war etwa von Bevormundung durch den Staat und künstlicher Hysterie die Rede.»

watson fasst die wichtigsten Punkte zusammen:

Hitze-Narrativ schliesst direkt an Corona an

Mit der Corona-Pandemie ist der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach zur Hassfigur der demokratie- und wissenschaftsfeindlichen Kräfte in Deutschland geworden.

Und diesen Sommer war nun in den Telegram-Kanälen das Phänomen zu beobachten, dass beim Thema Hitze die gleichen Mechanismen wie bei Covid abliefen.

Insbesondere die Ankündigung Lauterbachs zu Hitzeschutzplänen habe die Telegram-User zum Kochen gebracht, hält Fairmedia fest. In manchen Kanälen wurde ein direkter Zusammenhang zum Coronavirus fabriziert. Und das mit absolut hanebüchenen Falschbehauptungen, wie dieser:

  • ⛔️ Die «Hitzepanik» werde geschürt, um neue Lockdown-Massnahmen verhängen zu können. Und das geschehe, um die Bevölkerung «gefügig» zu machen.

Zurück zu den Fakten: Tatsächlich hatte Correctiv bereits im Juni in einem Faktencheck dargelegt, dass die Hitzeschutzpläne der deutschen Regierung keine Lockdowns vorsehen. Diese Information scheine die Nutzerinnen und Nutzer auf Telegram jedoch nicht erreicht zu haben, so Fairmedia.

Desinformation kennt keine Landesgrenze

Interessant: Die Telegram-Auswertung zeigt, dass die Deutschschweizer Telegram-Community durch deutsche Inhalte getriggert wird, aber auch mit eigenen Postings einen gewissen «Impact» erzielt. So wurde die Hitzelockdown-Falschbehauptung eines kleinen Schweizer Kanals mit 500 Abonnenten 75’000 Mal angesehen – sie wurde also in vielen anderen Kanälen mit grosser Reichweite geteilt.

«Es lässt sich keine Aussage darüber treffen, wie viele Nutzer:innen aus Deutschland oder der Schweiz den Beitrag sahen. Das Beispiel deutet jedoch an, dass Schweizer Akteure bei der Verbreitung von Fehlinformation auf Telegram eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.»
quelle: fairmedia.ch

«Weltwoche» springt auf Verschwörer-Zug auf

Auch Roger Köppels «Weltwoche» habe das Narrativ übernommen, dass «Hitzepanik» geschürt werde, um Lockdown-Massnahmen verhängen zu können, so Fairmedia. Und zwar im selben Zeitraum, als es auf Telegram viral ging.

Es sei allerdings nicht klar, auf welche Quelle sich die deutsche Kolumnistin Cora Stephan bei ihrem «Weltwoche»-Beitrag stützte, heisst es im aktuellen Bericht.

Ob in Roger Köppels täglichem Videoformat oder in den einschlägigen Telegram-Kanälen: Neben dem «Hitzepanik»-Narrativ wird auch prorussische Propaganda zum Vernichtungskrieg gegen die Ukraine verbreit ...
Ob in Roger Köppels täglichem Videoformat oder in den einschlägigen Telegram-Kanälen: Neben dem «Hitzepanik»-Narrativ wird auch prorussische Propaganda zum Vernichtungskrieg gegen die Ukraine verbreitet.screenshot: watson

Todesopfer werden instrumentalisiert

Und noch eine Falschbehauptung aus der Corona-Pandemie haben die Telegram-Hetzer für ihr «Hitzepanik»-Narrativ übernommen. Und zwar ein besonders tragisches:

  • ⛔️ Die von den Medien erwähnten «Hitzetoten» seien lediglich vorgeschoben, um die angebliche Übersterblichkeit infolge der Corona-Impfungen zu vertuschen.

Wahr ist: Es gibt keine wissenschaftlich belegten Anhaltspunkte, an den offiziellen Statistiken zu zweifeln.

Schweizer Kanal-Betreiber verbreiteten aus Deutschland stammende Hitzepanik-Postings weiter.
Schweizer Kanal-Betreiber verbreiteten aus Deutschland stammende Hitzepanik-Postings weiter.screenshot: telegram

Auch hier war es gemäss Fairmedia-Auswertung ein deutscher Telegram-Kanal, der auch besonders viele Personen in der Deutschschweiz erreichte. Dabei handelt es sich um einen als «Doktor» auftretenden Betreiber, einen Querdenker-Rechtsanwalt und bekannten Impfgegner, der in Deutschland wegen Beleidigung und Volksverhetzung verurteilt wurde.

Klimawandel und Wetterkapriolen

Das ernüchternde Fairmedia-Fazit:

«Zum Thema Klimawandel kursiert auf Telegram und anderen sozialen Medien eine grosse Menge unterschiedlicher Fehlinformationen. Man könnte zwar annehmen, dass Personen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen, dieses Thema meiden, sobald die Temperaturen übermässig steigen. Dies ist jedoch nicht der Fall. Stattdessen werden immer neue unbelegte Aussagen verbreitet, wonach die Daten zur Temperaturmessung beispielsweise falsch seien.»

Und wie nicht anders zu erwarten, haben die Wetterkapriolen und Temperaturstürze der vergangenen Wochen zu einer neuen Flut von Telegram-Postings geführt.

Auch die unerwartet tiefen Lufttemperaturen sind ein gefundenes Fressen für Klimawandel-Leugner.
Auch die unerwartet tiefen Lufttemperaturen sind ein gefundenes Fressen für Klimawandel-Leugner.meme: telegram

Auf das Hitzepanik-Narrativ von Juni und Juli folgte die Verschwörungserzählung, dass streng geheime staatliche Wettermanipulationsversuche zu den massiven Regenfällen und Überschwemmungen geführt hätten.

«Juli / August ist bekanntlich der Teil des Jahres, in dem die meisten Menschen ihren Sommerurlaub planen.☀️ Ist es Zufall, dass genau dieser Zeitraum ins Wasser fällt oder eher ein ausgeklügelter Teil der Klimaagenda?»
Ein typisches Posting, das zeigt, wie hinter jeder Entwicklung eine Verschwörung gewittert werden kann.quelle: telegram

Die Telegram-Beobachterinnen und -Beobachter bei Fairmedia werden also auch in Zukunft viel zu tun haben.

Was wurde untersucht?

Fairmedia hat 121 öffentliche Telegram-Kanäle untersucht und eine Daten-Auswertung gemacht. Über diese Kanäle wurden im Juli insgesamt 16’717 Beiträge publiziert, die 960’361 Nutzer-Reaktionen und 78’552’619 Ansichten (Views) aufwiesen. Dies geht aus dem aktuellen «Telegram-Briefing» hervor, das seit Dienstag auf fairmedia.ch verfügbar ist.

«Die Daten-Auswertung erfolgte vor dem Hintergrund, dass Telegram als Plattform für die Lektüre und den Austausch von Fehlinformationen eine zentrale Rolle spielt.»

Dazu muss man wissen, dass Fairmedia eine Liste mit einschlägigen Telegram-Kanälen führt und die Postings regelmässig analysiert. So biete man «einen Überblick über die Entwicklung potenzieller Fehlinformationen auf Telegram».

Und jetzt du!

Welche praktischen Erfahrungen hast du mit einschlägigen Telegram-Kanälen und öffentlichen Chatgruppen gemacht? Bist du der Meinung, dass die gezielte Verbreitung von falschen Informationen (Desinformation genannt) einfach akzeptiert werden muss, oder soll mehr dagegen getan werden?

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Wie häufig nutzt du Telegram als Informationsquelle?

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212 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Remus
10.08.2023 09:48registriert Dezember 2016
Ich glaube erst an diese Verschwörungstheorien, wenn Sie von namhaften Wissenschaftler, wie Marco Rima oder Michael Wendler, bestätigt wurden.
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abishot
10.08.2023 09:56registriert November 2015
Zuerst Covid, dann Putin-Versteher, jetzt Klimakrise Leugner.. Es ist erschreckend, wie diese Menschen sich mit Themen profilieren wollen, die eindeutig zu komplex für sie sind. Hauptsache gegen Fakten, gegen die Wissenschaft, gegen "die-da-oben" und dafür dagegen zu sein.
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wasps
10.08.2023 11:31registriert Januar 2022
Die Weltwoche springt nicht auf Verschwörungstheorien auf. Sie ist eine sprudelnde Quelle von solchen Theorien.
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