DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

Technisch ist es heute kein Problem, dass Internetprovider Daten beim Transport blockieren oder verlangsamen. Netflix, Spotify, Skype oder Threema müssten sich frei kaufen, um ihre Nutzer nicht mit langsamen Apps oder Webseiten zu vergraulen. bild: via radiobruxelleslibera

Swisscom, Sunrise und Cablecom wollen das Zwei-Klassen-Internet. Das riecht nach Ärger! Genau darum gibt es jetzt eine Schlichtungsstelle



Eine neue Schlichtungsstelle vermittelt ab heute bei Streitigkeiten zwischen Kunden und den Internetanbietern bei einer allfälligen Verletzung der Netzneutralität. Swisscom, Sunrise, Salt sowie UPC Cablecom haben Ende 2014 einen Verhaltenskodex unterschrieben, der sie verpflichtet, ihre selbst auferlegten Verhaltensrichtlinien einzuhalten.

«Internetnutzer, welche der Meinung sind, ihr Internetanbieter verletze den Verhaltenskodex zur Netzneutralität, können die neue Schlichtungsstelle anrufen, wenn die vorgängigen Gespräche mit dem Netzbetreiber zu keiner Klärung geführt haben», heisst es in der Medienmitteilung von Swisscom. Die Schlichtungsstelle werde durch die Mobilfunkanbieter finanziert, arbeite aber unabhängig.

Ein Beispiel für einen Verstoss gegen die Netzneutralität wäre der folgende fiktive Fall: Frau Muster nutzt ein Mobilabonnement von Swisscom, Sunrise oder Salt. Nun möchte sie die Musik-Streamingdienste Google Music oder Apple Music nutzen. Als sie diese aufruft, zeigt das Smartphone an, dass diese Apps gesperrt sind oder das Datenvolumen belasten und sie doch stattdessen Spotify nutzen soll, das ihr Datenguthaben nicht belastet. Die Schlichtungsstelle müsste nun prüfen, ob das Verhalten der Mobilfunkanbieter legal ist.

«Netzneutralität bedeutet, dass Videos, Musik und Webseiten von Internetfirmen wie YouTube, Facebook oder watson von den Internetprovidern gleich schnell über ihre Datennetze transportiert und nicht blockiert werden.»

Simon Schlauri, Rechtsanwalt

Unter Netzneutralität versteht man, dass alle Daten beim Transport durch das Internet gleich behandelt werden, unabhängig von Absender, Empfänger, Dienst, Anwendung oder Inhalt. Konkret heisst dies, dass Videos, Musik und Webseiten von Internetfirmen wie YouTube, Facebook oder watson von den Internetprovidern gleich schnell über ihre Datennetze transportiert und nicht blockiert werden. 

Von einigen Beispielen abgesehen war das Internet bislang weitgehend offen. Alle Anbieter von Internet-Diensten wurden von den Internetprovidern gleich behandelt. Die Provider drängen jedoch seit längerem auf das Zwei-Klassen-Internet. Videos, Musik oder Webseiten von Firmen, die für die Netznutzung bezahlen, sollen schneller zu den Nutzern transportiert werden.

Die Folge: Wer nicht bezahlt, wird ausgebremst. Dies sei notwendig, um den rasant wachsenden Datenverkehr bewältigen zu können, sagen Swisscom und Co. Damit würde das bislang geltende Prinzip der Netzneutralität aufgegeben. 

Technisch ist es heute kein Problem, dass Provider Daten im Internet beim Transport blockieren oder verlangsamen. Zum Beispiel wurde der Streaming-Dienst Netflix vom mächtigen Netzbetreiber Comcast in den USA bewusst gedrosselt. Auch Skype wurde von Mobilfunkanbietern blockiert oder verlangsamt.

«Swisscom und Sunrise bevorzugen auf ihren Netzen eigene Internet-Dienste oder die von ausgewählten Partnern.»

Simon Schlauri, Rechtsanwalt

abspielen

John Oliver erklärt Netzneutralität. youtube

Kenner des Themas befürchten, dass mit dem Ende der Netzneutralität grosse Anbieter wie Google, Facebook oder «20 Minuten» von der Bevorzugung durch die Internetprovider profitierten, kleine Rivalen wie Teleboy, Threema oder watson würden benachteiligt. 

Konkret: Während finanzstarke Firmen wie WhatsApp das Geld haben, um für die schnelle Übertragung von Milliarden Kurznachrichten zu bezahlen, hätten kleine Konkurrenten wie Threema kaum die notwendigen Mittel. 

«Die grossen Internetprovider nutzen ihre Marktmacht aus. Würde die kleine Swisscom von Google für den Transport der YouTube-Videos Geld verlangen, würden die Amerikaner bloss lachen. Bei kleineren Internetdiensten besteht jedoch die Gefahr, dass sie zur Kasse gebeten werden, damit ihre Angebote gleich schnell wie jene von Google oder Facebook übertragen werden», sagte Rechtsanwalt Simon Schlauri im Interview mit watson.

Bild

Bei kleineren Internetdiensten besteht die Gefahr, dass sie zur Kasse gebeten werden, damit ihre Angebote gleich schnell transportiert werden im Netz wie jene von Google oder Facebook.  bild: radiobruxelleslibera

Die neue Schlichtungsstelle arbeitet auf der Grundlage der freiwilligen Verhaltensregeln zur Netzneutralität von Swisscom, Sunrise, UPC Cablecom und Salt. Absolut neutral, wie der Begriff Netzneutralität es vermuten liesse, sei das Internet nie gewesen und könne es auch nicht sein, heisst es in den Erläuterungen zum Kodex. «Nicht alle Daten, welche durch das Internet fliessen, werden und sollen gleich behandelt werden», schreiben die Provider.

Unabhängige Experten sind kritisch

Unabhängige Experten der Digitalen Gesellschaft haben den Kodex bereits Ende 2014 harsch kritisiert. Die Provider wollten damit lediglich einer strengeren Regulierung durch den Bund zuvorkommen, argumentieren sie. Der Bund könnte das offene Internet per Gesetz vorschreiben. In den USA hat die zuständige Behörde FCC bereits Anfang Jahr strenge Regeln zur Wahrung der Netzneutralität verabschiedet

Schweizer Internet-Experten bemängeln, der freiwillige Verhaltenskodex der Provider habe mit Netzneutralität wenig zu tun, da gewisse Dienste (Streaming, Web-TV, Internet-Telefonie etc.) mit reduzierter Übertragungskapazität oder mit Datenlimiten zur Verfügung gestellt werden dürfen, sprich Anbieter von Internet-Diensten weiter diskriminiert würden.

Laut der Digitalen Gesellschaft bietet der Verhaltenskodex der Schweizer Internet-Provider unter anderem aus den folgenden Gründen keine Gewähr, dass die Netzneutralität gewahrt werde:

Soll der Bund die Netzneutralität per Gesetz garantieren?

Dieses Video erklärt in vier Minuten, warum wir für weniger Internet mehr bezahlen sollen

abspielen

YouTube/alexanderlehmann

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Wohnst du neben einer 5G-Antenne? Hier findest du es auf einen Blick heraus

Sunrise und Swisscom haben das 5G-Netz gestartet. Der Bund zeigt auf seinem Online-Kartendienst, wo die neuen (und die bisherigen) Antennen stehen.

In der Schweiz sind bereits über 300 5G-Antennen installiert. Sie sind jedoch noch nicht alle in Betrieb. Auf der Website des Bundesamtes für Kommunikation sind alle Telefonantennen auf einer interaktiven Karte markiert, jene, die 5G übertragen, aber auch 3G- und 4G-Antennen.

Die 5G-Antennen von Swisscom, die seit Mittwoch in Betrieb sind, senden aber vorerst noch auf 4G+-Frequenzen. An 102 Standorten in 54 Ortschaften wie Zürich, Bern, Basel, Genf und Lausanne, soll 5G in Betrieb genommen …

Artikel lesen
Link zum Artikel