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Kurier auf Motorrad.

Kurierdienste boomen in der Corona-Krise. symbolBild: Shutterstock

Mini-Supermärkte mischen das Onlinegeschäft auf – doch es gibt Kritik

Die Kuriere in der Schweiz kommen nicht zur Ruhe. Immer mehr Supermärkte liefern ihre Ware innert weniger Minuten aus. Doch es gibt Zweifel an den Arbeitsbedingungen in der Branche.

Stefan Ehrbar und Benjamin Weinmann / ch media



Sie heissen «Bringr», «Avec Now» oder «Bringgo» und wer bei ihnen am Anfang eines Fussballspiels Chips und Bier bestellt, kriegt sie schon in der Halbzeitpause zugestellt: Die Online-Supermärkte. In der Coronakrise erleben sie einen regelrechten Boom. Ihr Vorteil gegenüber den arrivierten Marktführern «Coop@home» und «Migros Online» ist ihre Liefergeschwindigkeit. Während bei den Grossen die Ware in der Regel erst am Folgetag erfolgt, geschieht sie bei den Kleinen oft in weniger als einer Stunde.

Neben dem Kioskriesen Valora mit «Avec Now» oder der Migros mit «HeyMigrolino» mischen immer mehr unabhängige, kleine Anbieter im Kampf um die ultraschnellen Lieferungen mit – und zwar fast zum Selbstkostenpreis. Bei den meisten Anbietern müssen schon ab einem Bestellwert von 30 Franken keine Liefergebühren mehr bezahlt werden.

Bringgo: Lieferung bis früh am Morgen

Einer der neuen Anbieter ist der Online-Supermarkt bringgo.ch. Seit April liefert er Waren aus. Der Start war zwar schon vor dem Pandemie-Ausbruch geplant, doch die Coronakrise spielte dem Betreiber in die Karten. Dahinter steckt ein kleiner Supermarkt im Zürcher Niederdorf. Von dort würden die Bestellungen distribuiert und die Waren gelagert, sagt ein Sprecher. Durchschnittlich seien 500 Artikel im Angebot von der Tiefkühlpizza über die Tequila-Flasche bis hin zum Zigi-Päckli.

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Im Gegensatz zu anderen Anbietern betreibe Bringgo das ganze Online-Geschäft in Eigenregie, von der Software-Lösung bis hin zur Auslieferung. Angestrebtes Ziel sei eine Lieferung in maximal 60 Minuten. Normalerweise liefere der Dienst zwischen 13 Uhr und 3 Uhr morgens, sagt der Sprecher. Aufgrund der aktuellen Umstände sei aber schon um 23 Uhr Schluss. Der Kanton Zürich hat eine Sperrstunde verordnet. Das Liefergebiet beinhaltet Regionen im Kanton Zürich und wurde kürzlich vergrössert.

Die Nachfrage sei insbesondere in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres gestiegen. «Besonders ältere Personen haben mit uns über die sozialen Medien kommuniziert und einen Teil ihrer Einkäufe mit uns abgewickelt», sagt der Sprecher. Die Umsatzeinbussen durch die behördlich verordneten kürzeren Öffnungszeiten habe der Laden so kompensieren können. Eine komplette Sortimentsabdeckung strebe man nicht an: «Wir möchten eher ein Online-Kiosk sein.» Die Konkurrenz nehme zu. «Wir beobachten eine steigende Anzahl von Lieferdiensten, die auf den Markt kommen.»

«Bringr»: Bis Ende Jahr in der ganzen Schweiz

Seit Oktober liefert auch der Dienst «Bringr». Dahinter steckt die Consulting-Firma Okumus aus Dietikon. Sie setzt auf ein Franchising-Modell: Supermärkte können sich Bringr anschliessen. Sie nutzen ihr eigenes Lager, die Zentrale von Bringr übernimmt neben der Administration den Support und die Telefonzentrale.

«Wir haben uns auch deshalb fürs Franchising entschieden, weil wir so die Möglichkeit haben, ein Netzwerk aus vielen Filialen aufzubauen», sagt Gökhan Okumus von Okumus Consulting. So könne Bringr eine Lieferung innerhalb von 45 Minuten versprechen.

Derzeit biete Bringr 800 Artikel, jede Woche werde das Sortiment um etwa 20 Artikel erweitert. Normalerweise liefere Bringr nachts bis 2 Uhr und am Wochenende bis vier Uhr. Geliefert werde in der Umgebung Dietikon, der Stadt Zürich, in Frauenfeld, Winterthur, Baden, Aarau und rund um Schaffhausen. Das Ziel sei es, bis Jahresende mindestens die gesamte Deutschschweiz abzudecken, sagt Okumus.

Welche Rolle spielt die Plattform Annanow?

Das Geschäftsmodell der Online-Supermärkte erst ermöglicht haben Kurierfirmen, welche die schnelle Lieferung zumindest in den Städten anbieten. Eine zentrale Rolle spielt die Plattform Annanow, die zwischen Kurierern und Kunden vermittelt. «Zu unseren Kunden gehören vier reine Online-Supermärkte», sagt ein Sprecher von Annanow. Zudem liefere Annanow «für alle grossen Detailhändler» .

«In den nächsten Wochen und Monaten bleibt der Bedarf an Heimlieferungen sehr hoch», sagt der Sprecher.

«Auch nach dem Lockdown wird sich dies nicht ändern, denn die Bevölkerung hat sich zwischenzeitlich an die Vorzüge der Heimlieferungen gewöhnt.»

Die Zufriedenheit der Kunden sei sehr hoch, das Einkaufen von Zuhause aus sei ein zentraler Kundenwunsch. Wer sich auf dieses Bedürfnis nicht spätestens bis dann eingestellt habe, wenn die Pandemie in Griff ist, «wird es in Zukunft schwer haben».

Was ist mit den Arbeitsbedingungen?

Doch hinter zufriedenen Kunden stehen teils Arbeitsbedingungen, die der Gewerkschaft Syndicom Kopfschmerzen bereiten. Den Boom der Online-Supermärkten mit schneller und günstiger Lieferung sehe er kritisch, sagt Gewerkschaftssekretär Matthias Loosli. «Das funktioniert auf die Dauer nicht», sagt er.

«Der Wettbewerb wird über den Preis ausgetragen. Und das hat zur Konsequenz, dass die Firmen die Löhne drücken. Entsprechend geht das auf Kosten der Arbeitsbedingungen.»

Die Entwicklung hin zu «immer schneller, weiter und billiger» bedeute Stress für die Angestellten und führe gerade in der Kurierbranche zu «sehr prekären Arbeitsbedingungen». Die Entwicklung sei vermutlich kaum aufzuhalten. Wichtig sei deshalb, dass die Angestellten fair entlöhnt würden und gute Arbeitsbedingungen vorfänden, sagt Loosli. Das sei nicht immer der Fall.

Braucht es mehr Regulierung?

Der Markt müsse deshalb reguliert werden – durch eine aktive Regulierungsbehörde, die Eidgenössische Postkommission (Postcom), und durch den Abschluss von Gesamtarbeitsverträgen. Einen GAV für die Branche gebe es bereits. Viele Firmen, die gemäss dem Postgesetz meldepflichtig seien, seien automatisch verpflichtet, GAV-Verhandlungen zu führen.

Nur so könnten die Arbeitnehmenden geschützt werden, sagt Loosli. Denn auf die Konsumenten könnten diese bei den Kostenlos-Lieferungen nicht zählen. «Was nichts kostet, ist nichts wert. Doch die Arbeit der Menschen muss einen Wert haben. Sie müssen anständig davon leben können», sagt Loosli. «Zurzeit arbeiten die Kuriere viel, aber verdienen wenig. Und darin liegt die Gefahr dieser Gratiskultur: Der Konsument sieht die Arbeit dahinter nicht, wertschätzt diese nicht angemessen und ist nicht bereit, dafür zu bezahlen.»

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