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Afghanistan: Kundus ist an die Taliban gefallen



Zwei Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr aus Kundus haben die radikal-islamischen Taliban die nordafghanische Provinzhauptstadt erobert. «Die Stadt ist unglücklicherweise an die Taliban gefallen», sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Sedik Sedikki, am Montag in Kabul.

«Die Stadt ist unglücklicherweise an die Taliban gefallen», sagte der Sprecher des afghanischen Innenministeriums, Sedik Sedikki, am Montagabend. «Die Regierungstruppen bereiten eine Offensive am Flughafen (Kundus) vor.»

Taliban fighters and young men take over an army truck on a street in Kunduz, north of Kabul, Afghanistan, Monday, Sept. 28, 2015. The Taliban captured the northern Afghan city of Kunduz in a massive assault Monday involving hundreds of fighters, and now control a major urban area for the first time since the 2001 U.S.-led invasion. (AP Photo/Hekmat Aimaq)

Taliban-Anhänger im Kundus.
Bild: Hekmat Aimaq/AP/KEYSTONE

Sedikki sagte weiter: «Verstärkung ist eingetroffen. Wir versuchen, die Stadt zurückzuerobern. Im Moment können wir keine Opferzahlen bestätigen.» Der Flughafen ist noch unter Kontrolle der Regierung.

Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid teilte mit: «Nach der Eroberung des Polizei-Hauptquartiers und des Gouverneursgebäudes ist nun ganz Kundus als erste Hauptstadt einer Provinz unter unserer Kontrolle.»

Ein Taliban-Kommandant in Kundus-Stadt namens Mullah Usman sagte: «Unsere Kämpfer bewegen sich nun in Richtung des Flughafen-Hügels vor, wo sich der Feind versteckt.» Die Taliban hätten den Sitz des Gouverneurs, das Gebäude des Provinzrats und eine Radiostation in Brand gesetzt.

Vizegouverneur Hamdullah Daneschi wurde nach Berichten von Augenzeugen zum Flughafen gebracht, wohin viele der rund 300'000 Bewohner der Stadt geflohen waren. Dort unterhalten die afghanischen Sicherheitskräfte Stützpunkte.

Die Aufständischen hatten am Montagmorgen die Offensive zur Eroberung von Kundus begonnen. Ein Taliban-Kommandant namens Mullah Usman sagte, mehr als 1000 Taliban nähmen an der Operation teil.

In den eroberten Stadtteilen machten Taliban-Kämpfer Jagd auf Sicherheitskräfte. Ein Regierungsmitarbeiter in Kundus, der anonym bleiben wollte, sagte: «Taliban-Kämpfer mit ihren Waffen sind überall in der Stadt.»

Die Taliban hatten Zivilisten dazu aufgerufen, bis zum Ende der Kämpfe in ihren Häusern zu bleiben. Angaben zu Opfern lagen zunächst nicht vor. Die Kämpfe dauerten am Abend an; über deren Verlauf gab es teils widersprüchliche Angaben.

Regierungssitz eingenommen

Die Angreifer nahmen die Stadt seit dem Morgen aus drei Richtungen in die Zange. Sie drangen am Nachmittag in das grösste Gefängnis ein und befreiten nach Angaben aus Sicherheitskreisen etwa 500 Gefangene, darunter auch Taliban-Kämpfer.

Auch das Spital mit einer Kapazität von 200 Betten wurde nach Angaben seines Leiters, Saad Muchtar, von den Taliban eingenommen. Die religiösen Fundamentalisten hissten nach Angaben eines Regierungsvertreters in der Hauptstrasse von Kundus die Flagge des Islamischen Emirats von Afghanistan, ebenso auf diversen Regierungsgebäuden.

Dritter Anlauf

Der Angriff vom Montag war der dritte Versuch der Taliban in diesem Jahr, die Kontrolle über Kundus zu erlangen. Bei einem Fall wäre es die erste Provinzhauptstadt, die seit dem Sturz des Taliban-Regimes Ende 2001 von den Aufständischen erobert wird.

Die NATO hatte ihren Kampfeinsatz in Afghanistan im vergangenen Jahr beendet. In der Nähe des Flughafens von Kundus unterhielt die deutsche Bundeswehr bis vor ihrem Abzug vor knapp zwei Jahren ein Feldlager.

Der NATO-Nachfolgeeinsatz «Resolute Support» dient vor allem der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte. US-Truppen fliegen allerdings weiterhin Luftangriffe gegen die Taliban. Bis Ende 2016 sollen alle ausländischen Soldaten vom Hindukusch abgezogen worden sein. (sda/dpa/afp/reu)

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