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US-Verteidigungsminister Mark Esper trifft sich mit Spezialeinheiten der Afghanischen Armee, um ihr Training zu beobachten.
US-Verteidigungsminister Mark Esper trifft sich mit Spezialeinheiten der Afghanischen Armee, um ihr Training zu beobachten.
Bild: EPA

CIA-Todesschwadronen in Afghanistan: Die lange Liste der Kriegsverbrechen

In Afghanistan werden paramilitärische Truppen von der CIA ausgebildet und finanziert. Exekutionen, willkürliche Bombardements und andere Gräueltaten: Die Liste der Anschuldigungen ist lang.
01.11.2019, 19:0302.11.2019, 11:24

Sie heissen NDS 01, NDS 02, Khost Protection Force oder Kandahar Strike Force. Sie überfallen Krankenhäuser und töten dort das medizinische Personal. Sie eröffnen das Feuer auf wegrennende Zivilisten. Sie lassen Menschen verschwinden, töten Senioren und ordern US-Luftangriffe an, die ganze Familien eliminieren. Sie sind das Erbe der CIA in Afghanistan.

Moment mal schnell, um was geht es genau?

Um Kriegsverbrechen. Die amerikanische NGO «Human Rights Watch» veröffentlichte kürzlich einen Bericht über missbräuchliche, sogenannte «Night Raids», was soviel wie Nachtangriffe heisst. Dabei sollen zahlreiche Verbrechen gegen das humanitäre Völkerrecht und das Kriegsrecht begangen worden sein.

Offiziell dienen diese Angriffe der Bekämpfung von al-Kaida. Seit Ende 2017 stieg die Anzahl dieser nächtlichen Angriffe stark.

Night Raids werden von paramilitärischen, afghanischen Streitkräften durchgeführt. Dabei erhalten sie Unterstützung der CIA. Der US-Geheimdienst bildet die Truppen aus und finanziert sie auch.

Was sind das für paramilitärische Kräfte und wieso gibt es sie?

Afghanische paramilitärische Streitkräfte gehören auf dem Papier der Afghanischen Nationalen Sicherheitsdirektion (NDS) an, dem Geheimdienst des Landes. Die Streitkräfte fallen jedoch weder unter die übliche Befehlskette innerhalb der NDS noch unter normale afghanische oder US-amerikanische Befehlsketten.

Sie wurden grösstenteils von der CIA angeworben, geschult, ausgerüstet und beaufsichtigt. Angefangen hat dies nach den Anschlägen vom 11. September 2001, als die CIA anfing, afghanische Milizen zu rekrutieren. Sie sollen als eine Art Bollwerk gegen al-Kaida und den «Islamischen Staat» dienen.

Bei Tötungs- oder Entführungsoperationen sind oft US-Spezialkräfte an ihrer Seite. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Army Rangers, die zur CIA abdetachiert wurden.

Die paramilitärischen Truppen führen Operationen mit logistischer Unterstützung der USA durch und sind bei der Zielerfassung auf US-Geheimdienste und -Überwachung angewiesen. Seit 2017 können sie sogar Luftangriffe von US-Kampfflugzeugen anordnen.

Was wird diesen Truppen konkret vorgeworfen?

Human Rights Watch listet in ihrem Bericht verschiedene Verbrechen auf:

  • Im März 2018 überfielen die Paramilitärs die Wohnung eines Mitarbeiters einer afghanischen Nichtregierungsorganisation. Sie erschossen den Bruder und entführten ein anderes Familienmitglied.
  • Im Oktober 2018 überfiel eine Einheit ein Haus in der Provinz Nangarhar und erschoss fünf Zivilisten einer Familie, darunter eine ältere Frau und ein Kind.
  • Im Dezember 2018 erschoss die Khost Protection Force sechs Zivilisten bei einer Nachtsuchoperation in der Provinz Paktia. Sie schossen Naim Faruqi, einem 60-jährigen Stammesältesten und Mitglied des Friedensrates der Provinz, in die Augen und seinem Neffen, einem Studenten in den Zwanzigern, in den Mund.
  • In der Nacht zum 8. Juli 2019 überfiel die als NDS 01 identifizierte Spezialeinheit eine NGO-Klinik in der Provinz Wardak. In der Klinik wurden auch verwundete Taliban behandelt. Die NDS 01 schoss eine Rakete in eines der Zimmer und nahm vier Männer mit, darunter auch den Direktor der Klinik, Dr. Wahidullah. Drei Männer wurden tot aufgefunden, von Dr. Wahidullah fehlt bis heute jede Spur.

Das sind keine Einzelfälle. Human Rights Watch zählt alleine zwischen Ende 2017 und Mitte 2019 14 Fälle auf, bei denen Kriegsverbrechen verübt wurden.

Was fordert Human Rights Watch?

Ein Ende der Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung. In ihrem Bericht schreibt die NGO:

«Im Zuge der Untersuchung beschrieben afghanische Beamte, Aktivisten der Zivilgesellschaft und der Menschenrechte, afghanische und ausländische Beschäftigte im Gesundheitswesen, Journalisten und Älteste in der Gemeinde, dass missbräuchliche Razzien und wahllose Luftangriffe für viele Gemeinden zur alltäglichen Realität geworden sind – häufig mit verheerende Folgen.»

Die Verbrechen, die oftmals wegen Falschinformationen, die von gefolterten Taliban-Familienmitgliedern stammen, verübt werden, werden oftmals nicht untersucht.

Weder das afghanische Militär noch die Regierung haben bedeutende Ressourcen zur Verfügung gestellt, um mögliche Verstösse zu untersuchen. Es fehlt ihnen sowohl die Fähigkeit als auch der politische Wille, Vorfälle zu untersuchen, an denen diese von der CIA unterstützten paramilitärischen Kräfte beteiligt sind.

Human Rights Watch fordert alle involvierten Parteien auf, das humanitäre Völkerrecht und das Kriegsrecht einzuhalten. Ob das etwas bringen wird, ist fraglich.

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