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International
Afghanistan

Sechs Dinge, welche die Taliban den Afghanen wegnehmen

In Kabul werden nach dem Einmarsch der Taliban Bilder von Frauen übermalt.
In Kabul werden nach dem Einmarsch der Taliban Bilder von Frauen übermalt. Bild: twitter/@Nangyalai_N

«Es geht 200 Jahre rückwärts»: Sechs Dinge, welche die Taliban den Afghanen wegnehmen

20 Jahre lang kämpften Afghaninnen und Afghanen für eine modernere Gesellschaft. Nun haben die Taliban die Macht übernommen und viele Errungenschaften der letzten Dekaden dürften auf einen Schlag verschwinden. Die Übersicht.
17.08.2021, 06:02

Kabul ist gefallen. Zwanzig Jahre nach ihrem Sturz sind die Taliban in die Machtzentren Afghanistans eingezogen. Steinigungen, Folterungen, Vergewaltigungen: Trotz anderslautenden Beteuerungen dürften sie bald ihre altbekannte Schreckensherrschaft ausüben. Das befürchten auch viele Expertinnen und Experten.

«Erste Taliban-Führer bekennen sich bereits wieder zur Scharia. Dann geht es nach 20 Jahren Modernisierung wieder 200 Jahre rückwärts. Und wir wissen aus der Vergangenheit, wie die Taliban mit Frauen und Mädchen umgegangen sind», sagt Alexandra Karle, Chefin der Schweizer Sektion von Amnesty International, zu watson. Die ersten Opfer des Umsturzes seien die Frauen und die Grundrechte der Bevölkerung.

Den Unkenrufen zum Trotz: In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich das Land nach dem Ende des Taliban-Regimes modernisiert. Diese Fortschritte sind nun Makulatur. Die wichtigsten Punkte:

Frauenrechte

Unter dem Taliban-Regime müssen Frauen wieder Burka tragen.
Unter dem Taliban-Regime müssen Frauen wieder Burka tragen. bild: shutterstock

Der Siegeszug der Taliban trifft die Frauen ins Mark.

Eine Studentin der «American University of Kabul» beschreibt in einem emotionalen Aufsatz die letzten Momente, die sie am Sonntag an ihrer Uni verbrachte. «Ich verliess mein Pult mit Tränen in den Augen und verabschiedete mich von meinen Kolleginnen. Ich wusste, dass dies mein letzter Tag an der Uni war. Nun fürchte ich um mein Leben. »

Alexandra Karle, Amnesty Schweiz.
Alexandra Karle, Amnesty Schweiz. Bild: zvg

Zwei Jahrzehnte kämpften die Frauen in Afghanistan für ihre Rechte. Teils mit Erfolg. «Frauen konnten sich unbehelligt in Cafés treffen. Konnten sich in manchen Teilen des Landes sogar kleiden, wie sie wollten», so Karle, die früher als Journalistin mehrmals durch Afghanistan reiste und bis heute Kontakte ins Land pflegt.

Nun ziehen die Taliban wieder ihr Steinzeit-Regime auf. Im Beitrag im britischen «Guardian» beschreibt die Studentin weiter, wie sich ihr früheres Leben gerade in Luft auflöst:

«Ich darf nicht mehr in der Öffentlichkeit lachen, darf nicht mehr meine Lieblingsmusik hören, darf keinen Lippenstift mehr auftragen oder mein gelbes Kleid tragen. Ich kann nicht mehr zur Arbeit gehen und darf meinen Abschluss an der Universität nicht mehr machen, für den ich jahrelang Tag und Nacht geschuftet habe.»

In einer ersten Ankündigung haben die Taliban zwar gesagt, dass Frauen weiter Zugang zu Bildung haben dürfen. Dem ist aber offenbar nicht so. In der Stadt Herat wurden Studentinnen vertrieben, die am Montag die Universität besuchen wollten. Die Uni war ein Sinnbild für den Fortschritt im afghanischen Bildungssystem. Denn über 60 Prozent der Studierenden waren weiblich.

Medien

epa08672856 Afghan women journalists work at Asr News TV station in Herat, Afghanistan, 16 September 2020. Nearly 19 years after the fall of the Taliban regime and the United States invasion, the Afgh ...
Diese Zeiten sind vorbei: Afghaninnen moderieren bei Asr News TV. Bild: keystone

In den letzten Jahren sind in Afghanistan zahlreiche TV-Stationen und Online-Medien gegründet worden. An vorderster Front mit dabei waren auch die Frauen. Wie bei ASR News moderierten viele Frauen durch Sendungen. Zahllose Journalistinnen versuchten mit grossem Einsatz, den Frauen in den Medien eine Stimme zu geben.

«Wir fürchten uns zu Tode und müssen nun unsere Spuren verwischen, damit uns die Taliban nicht aufspüren.»
Afghanische Journalistin

Damit ist nun Schluss. «Wir fürchten uns zu Tode und müssen nun unsere Spuren verwischen, damit uns die Taliban nicht aufspüren», so eine Journalistin zum «Guardian». Und die Angst scheint alles andere als unbegründet zu sein: Laut Medienberichten ist die afghanische Journalistin Getee Azami bereits verhaftet worden.

Seit der Machtübernahme der Taliban können die Medien in Afghanistan nur noch sehr eingeschränkt berichten. Die beliebten Fernsehkanäle ToloNews oder Ariana etwa senden nicht mehr live. Am Sonntag bereits zeigten sie praktisch nur Wiederholungen. Reine Musik-Kanäle sind momentan in Kabul Bewohnern der Stadt zufolge nicht mehr zu empfangen. Auch Programme mit Frauen werden nur eingeschränkt gezeigt.

Kulturleben

Kino, Theater, Konzerte: Insbesondere in Kabul hat sich in den letzten Jahren eine lebhafte Kulturszene entwickelt. Damit dürfte bald Schluss sein. Denn unter den Taliban ist sogar Musik verboten.

Rechtsstaat / Demokratie

Mit einem Riesenaufwand wurde in den letzten Jahren versucht, einen Rechtsstaat in Afghanistan aufzubauen; das Prinzip also, dass staatliche Macht und Gerichtsbarkeit nur auf Grundlage der Verfassung ausgeübt werden kann.

epa09415350 (FILE) - Afghanistan President Ashraf Ghani speaks during celebrations to mark the Persian New Year Nowruz at the presidential palace in Kabul, Afghanistan, 21 March 2021 (reissued 15 Augu ...
Vor den Taliban geflüchtet: Präsident Ghani hat sich ins Exil abgesetzt. Bild: keystone

Staatsbeamte wurden geschult, einen funktionierenden Apparat aufzubauen. Trotz grassierender Korruption ging es Schritt für Schritt vorwärts. «Einen funktionierenden Rechtsstaat aufzubauen dauert jedoch länger als 20 Jahre. Nun stehen wir vor einem Scherbenhaufen», so die Amnesty-Chefin weiter. Rechtsstaatlichkeit sei keine Idee der USA oder Europa, sondern werde in UN-Resolutionen festgehalten.

Ebenso in Trümmern liegen die demokratischen Strukturen. Die letzten Parlamentswahlen fanden 2018 statt. Bei der Präsidentschaftswahl 2019 registrierten sich fast zehn Millionen Bürgerinnen und Bürger und kürten mit 50,64 Prozent Ashraf Ghani erneut zum Präsidenten. Dieser flüchtete am Sonntag ins Exil nach Tadschikistan oder Usbekistan.

Internet / Social Media

Selbst in Afghanistan besitzen viele Leute ein Mobiltelefon und können sich dementsprechend über soziale Medien informieren und per Telefon und Messenger auch mit dem Ausland kommunizieren. Dies ist einer der grossen Unterschiede im Vergleich zur Taliban-Herrschaft Ende der 1990er-Jahre. Die Frage ist nur, wie lange dies noch möglich ist. «Wenn die Taliban die Herrschaft über die Infrastruktur erlangen, könnten sie das Handynetz zumindest vorübergehend abschalten. Wie dies schon viele Regimes zuvor getan haben – zuletzt in Burma», führt Karle aus.

Wie weiter?

Für die progressiven Afghaninnen und Afghanen ist die Machtübernahme der Taliban eine Katastrophe. «So viele mutige Menschen haben für ein weltoffenes Afghanistan gekämpft. 20 Jahre Hoffnung auf ein besseres Leben geschöpft. Das ist nun vorbei, das trifft mich extrem», sagt Amnesty-Chefin Karle.

Was kann die Schweiz jetzt tun? Nun sei es wichtig, akut bedrohte Menschen sofort aus Afghanistan zu evakuieren. Die Schweiz müsse umgehend humanitäre Visa für afghanische Leute ausstellen, deren Familien in der Schweiz lebten. Zudem müsse man die Nachbarländer mit humanitärer Hilfe unterstützen, damit diese die sich abzeichnenden Flüchtlingsströme bewältigen können.

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan

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Die Taliban übernehmen die Macht in Afghanistan
quelle: keystone / zabi karimi
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So dramatisch geht es derzeit in Afghanistan zu und her

Video: watson

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165 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Barth Simpson
17.08.2021 07:22registriert August 2020
Gestern haben die Talibans alle Musiksender in Afghanistan abgestellt. Als nächstes werden sie ihre schönen Insrumente vernichten und die faszinierende Musikkultur im Pamirgebirge (und mehr) lynchen. Es ist echt zum heulen, wenn man sieht, was diese Verbrecher der Menschheit diesem wunderschönen Land und seiner Kultur anrichten. Sie kennen keine Gnade, einfach stinkender Abschaum, den ich zu tiefst verachte!
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Tepesch
17.08.2021 07:13registriert Oktober 2015
Und dennoch war kaum ein Afghane bereit dafür zu kämpfen...
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felixJongleur
17.08.2021 06:59registriert Dezember 2014
Rechtsstaat / Demokratie und dann das Foto vom korrupten Präsidenten darunter, genau mein Humor.
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