Als Donald Trump sich vor zehn Jahren dazu aufmachte, die Republikanische Partei im Sturm einzunehmen, war er ein lautstarker Gegner. Marco Rubio wehrte sich gegen die Präsidentschaftskandidatur des Unternehmers aus New York. So witzelte er öffentlich über die Grösse von Trumps Händen.
Der Widerstand war zwecklos. Trump gewann, zuerst die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten, dann das Rennen ums Weisse Haus. Und Rubio fand sich mit der Kurskorrektur ab, die das neue Aushängeschild der Republikaner seiner Partei aufzwang. Er vertrat seine Heimat Florida weiterhin im Senat und feilte dort an seinem politischen Profil.
Als einziges Mitglied des Kabinetts Trump wurde Rubio zu Jahresbeginn ohne eine einzige Gegenstimme bestätigt. Und dennoch ist es frappant, dass Rubio, der bald seinen 54. Geburtstag feiern wird, nun einer der mächtigsten Männer in Trumps Umlaufbahn ist. Er amtiert nicht nur als Aussenminister und als temporärer Vorsitzender der amerikanischen Behörde für Entwicklungsarbeit (USAID). Seit Mitte März trägt er auch, zumindest vorübergehend, den Titel des Chef-Archivars der Bundesregierung.
Nun ist Rubio auch noch «National Security Adviser» des Präsidenten und damit der wichtigste sicherheitspolitische Berater von Trump im Weissen Haus. Er ersetzt Mike Waltz, der nach einem peinlichen Schnitzer in Trumps Ungnade fiel und vom Präsidenten auf den politisch unwichtigen Posten des amerikanischen UNO-Botschafters wegbugsiert wurde.
Auch diese Ernennung soll nur temporär sein, sagte Trump. Zumindest vorübergehend hat Rubio nun aber so viel Macht in Washington, dass zwangsläufig Vergleiche mit Henry Kissinger gezogen werden müssen. Der begabte Strippenzieher, 2023 im Alter von 100 Jahren verstorben, war der bisher einzige Mann, der gleichzeitig als Aussenminister und als Berater für nationale Sicherheit amtierte. Und zwar zuerst unter Präsident Richard Nixon (September 1973 bis August 1974) und dann unter seinem Nachfolger Gerald Ford (August 1974 bis November 1975).
Ford war es, der dieses ungewöhnliche Arrangement abrupt beendete. Später sagte der Übergangspräsident einem befreundeten Journalisten: «Ich mochte dieses Arrangement nie.» Denn eigentlich sei es die Aufgabe des Sicherheitsberaters, der im Weissen Haus angesiedelt ist, Vorschläge des Aussenministeriums und des Pentagons einer unabhängigen Überprüfung zu unterziehen. Damit sei sichergestellt, dass der Präsident von der Bürokratie nicht in Geiselhaft genommen werde, sagte Ford, der 2006 verstarb.
Trump mögen solche Bedenken egal sein, falls sie ihm zu Ohren gekommen sind. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern pflegt der 47. US-Präsident bürokratische Prozesse sowieso zu ignorieren. Er setzt vielmehr auf eine Reihe von Beratern, mit denen er sich ständig umgibt. So vergeht dieser Tage fast keine Liveschaltung aus dem Weissen Haus, an der man nicht das auffallend laute Lachen von Handelsminister Howard Lutnick hören kann.
Rubio gehört auch zu diesem engeren Kreis, und das nicht erst seit seiner Beförderung am Donnerstag. Er tauscht sich regelmässig mit Trump aus und verteidigt umstrittene Positionen der Regierung in feurigen TV-Interviews.
Rubio kommt nun zugute, dass er seine gesamte politische Karriere, die 1998 in Miami (Florida) begann, mit einem Bein im Establishment stand, und mit dem anderen im Lager der parteiinternen Revolutionären. So galt er in Florida lange als Ziehsohn von Gouverneur Jeb Bush, einem Vertreter des republikanischen Adels. 2010, als sich Rubio erstmals um einen Sitz im US-Senat bewarb, gab er aber den Tea-Party-Rebellen.
Der Präsident scheint Gefallen an Rubio gefunden zu haben. So erhielt der Aussenminister am Mittwoch während einer Kabinettssitzung Lob von Trump. Und auch Stellvertreter J. D. Vance sieht im Mini-Kissinger einen Verbündeten. Am Donnerstag witzelte der Vizepräsident über Rubio: «Ich denke, er könnte noch mehr auf sich nehmen. Wenn es doch nur eine Stelle für einen gläubigen Katholiken gäbe ...» (aargauerzeitung.ch)