Stoppt dieser Mann Trump?
Thomas Massie ist so ziemlich das Gegenteil eines Progressiven. Der republikanische Abgeordnete aus dem Bundesstaat Kentucky ist nicht konservativ, er bewegt sich an der Grenze zum Libertären. In mehr als 90 Prozent aller Abstimmungen im Repräsentantenhaus hat er denn auch zusammen mit seinen Kollegen der Grand Old Party (GOP) im Sinne von Donald Trump gestimmt.
Trotzdem überschüttet ihn der Präsident mit Hass-Posts und üblen Beschimpfungen. Er sei ein «Dummkopf» und ein «vollständiges und totales Desaster», so Trump. Mehr noch: Trump flog gar eigens in den Bezirk von Massie, um in den Vorwahlen für dessen Gegenkandidaten Ed Gallrein, einem ehemaligen Navy Seal, die Wahltrommel zu schlagen. Was hat Massie verbrochen, um den Zorn des Präsidenten auf sich zu ziehen?
Zwei Dinge: Erstens war er zusammen mit dem demokratischen Abgeordneten Ro Khanna die treibende Kraft hinter der erzwungenen Veröffentlichung der Epstein Files. Trump wollte dies lange um jeden Preis verhindern. Zweitens hat sich Massie erdreistet, gegen Trumps Big Beautiful Bill zu stimmen. Er tat dies aus Überzeugung, denn die damit verbundene Erhöhung des ohnehin schon krassen Staatsdefizits widerspricht seinen tiefsten Überzeugungen.
Mit anderen Worten: Trump wütet gegen Massie, weil dieser einer aussterbenden Rasse angehört. Der 55-jährige Ingenieur mit einem MIT-Abschluss ist ein konservativer Republikaner, der sich erlaubt, eine eigene Meinung zu haben.
Zudem hat Massie noch eine weitere Todsünde begangen: Er will Israel wie auch der Ukraine die Militärhilfe verweigern, weil er grundsätzlich der Meinung ist, dass dieses Geld im eigenen Land benötigt wird. Das hat zur Folge, dass die Kampagne seines Gegners von der Israel-Lobby im grossen Stil unterstützt wird.
Miriam Adelson, die Witwe des ehemaligen Casino-Tycoons Sheldon Adelson, und die Financiers Paul Singer und John Paulson haben Millionen Dollar an die Kampagne von Gallrein gespendet. Auch AIPAC, die israelische Lobby-Organisation, hat tief ins Portemonnaie gegriffen. Die Folge davon ist die teuerste Vorwahl-Kampagne aller Zeiten. Insgesamt sind mehr als 32 Millionen Dollar für Werbung ausgegeben worden; 18,6 Millionen Dollar für Gallrein, 13,5 Millionen Dollar für Massie. Dieses Geld stammt mehrheitlich von Kleinspenden.
Das zeigt die Bedeutung, die diese Vorwahl hat. Sie findet morgen statt, und der Ausgang könnte eng werden. Derzeit hat Massie in den meisten Umfragen einen kleinen Vorsprung.
Was spricht für Trump? Wie erwähnt soll Massie mit einer Geldwalze plattgemacht werden. Dazu muss er auch Schläge tief unter der Gürtellinie verkraften. So wurde auch eine kurzzeitige Freundin – seine Frau ist verstorben – von den Gegnern aufgeboten, die behauptet, Massie habe sie bezahlt, damit sie nicht auspacke, dass er seine Mitarbeiter schlecht behandle. «Es wird hässlich», erklärt denn auch Dave Fischer, der für die Wahl zuständig ist, im «Wall Street Journal». «Sehr hässlich.»
Trump kann auch vorweisen, dass am Wochenende Bill Cassidy, ein republikanischer Senator im Bundesstaat Louisiana, die Vorwahlen gegen eine von Trump unterstützte Gegenkandidatin verloren hat. Cassidy hatte sich seinerzeit im zweiten Impeachment-Prozess für eine Verurteilung des Präsidenten ausgesprochen. Im Bundesstaat Indiana sind auf lokaler Ebene Vertreter der GOP besiegt worden, die einem von Trump verlangten Gerrymandering – einer willkürlichen Manipulation der Wahlbezirke – nicht zugestimmt hatten.
Schliesslich kann Trump auf eine sichere Basis in Kentucky zählen. 2024 hat er in diesem konservativen Bundesstaat die Wahlen sehr deutlich gewonnen.
Was für Massie spricht
Doch auch Massie ist beliebt. Und die Stimmung hat sich in letzter Zeit deutlich gegen Trump gewandt. Immer tiefer versinkt der Präsident in einem Umfrageloch. Das hat verschiedene Gründe:
Gerade die Trump-Wähler leiden immer stärker unter der Erschwinglichkeitskrise, und diese verschärft sich weiter. Inzwischen können die Löhne nicht mehr mit der Inflation mithalten. Dazu kommt, dass der Präsident einen möglicherweise fatalen Fehler begangen hat. «Ich kümmere mich nicht um die finanzielle Situation der Amerikaner», antwortete er auf die Frage nach den wegen des Irankrieges explodierenden Lebenskosten des Mittelstandes. Dieses Zitat dürfte ihm noch lange um die Ohren fliegen und von den Demokraten vor den Zwischenwahlen in einer Endlosschleife rezykliert werden.
Trump leidet offensichtlich unter Realitätsverlust. Er spürt, dass er nicht mehr ewig leben wird und kümmert sich fast ausschliesslich um sein Erbe. Deshalb will er einen Ballroom, einen Triumphbogen, deshalb lässt er den Teich vor dem Lincoln-Denkmal blau malen und das Weisse Haus mit Gold vollpflastern. Dumm bloss, dass selbst die Mehrheit seiner Wählerinnen und Wähler genau das nicht will.
Die Korruption des Trump-Clans hat inzwischen industrielle Ausmasse angenommen. Rund sechs Milliarden Dollar sollen der Präsident und seine Söhne mittlerweile unrechtmässig eingesackt haben. Dabei lässt sich der Präsident nicht nur von den Ölscheichs des Persischen Golfes bestechen. Eiskalt zockt er auch die eigene MAGA-Basis ab. So hat die Trump Organization rund 60 Millionen Dollar an Anzahlungen für ein Smartphone eingesteckt, das längst hätte ausgeliefert werden sollen und das, wenn überhaupt, nicht wie versprochen in Amerika, sondern in China produziert wird.
Die Israel-Frage könnte sich ebenfalls als Bumerang erweisen. Gaza und der Irankrieg haben dazu geführt, dass die Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner keine Sympathien mehr für Netanjahu & Co. empfindet.
Nebst seinen Eitelkeits-Projekten denkt Trump hauptsächlich an Rache. Deshalb unterstützt er in den Vorwahlen Kandidaten, die in den eigentlichen Wahlen gegen demokratische Gegner auf der Strecke bleiben könnten. Senator Bill Cassidy hat er bereits abgeräumt. Susan Collins in Maine, Joni Ernst in Iowa und John Cornyn in Texas könnten die nächsten Opfer sein.
Für die GOP könnte das im kommenden November böse enden. Das befürchtet auch das konservative «Wall Street Journal». Es stellt fest:
