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Nicht mehr der Jüngste: Henry Kissinger.
Nicht mehr der Jüngste: Henry Kissinger.Bild: AP/AP
Analyse

Warum Henry Kissinger sich gewaltig irrt, wenn es um Wladimir Putin geht

Ein Oligarch, ein Historiker und ein Aussenminister zeigen auf, weshalb es sinnlos ist, auf Putins Befindlichkeit Rücksicht zu nehmen.
21.06.2022, 04:4721.06.2022, 04:54

Man müsse Wladimir Putin einen Ausweg aus seinem Krieg ermöglichen. Es sei absolut notwendig, dass der russische Präsident sein Gesicht wahren könne. Warnungen dieser Art gibt es derzeit im Dutzend billiger. Nicht selten wird dabei auch auf den Friedensvertrag von Versailles verwiesen, der Deutschland gedemütigt und Hitlers Aufstieg ermöglicht hat.

In diesen Chor der Bedenkenträger hat auch Henry Kissinger eingestimmt. Am Wef in Davos forderte er die Ukraine auf, einen Kompromiss mit dem russischen Präsidenten abzuschliessen und dabei auch Gebietsverluste zu akzeptieren.

Die Worte des ehemaligen Aussenministers der USA haben immer noch Gewicht, obwohl nicht ganz klar ist, weshalb. Auf jeden Fall irrt er sich gründlich, was seine Einschätzung von Putins mörderischem Überfall auf die Ukraine betrifft. Weshalb das so ist, erklären drei gewichtige Stimmen.

Michail Chodorkowski, der Oligarch

Michail Chordorkowski war in der Ära von Boris Jelzin für ein paar Jahre lang der reichste Mann Russland. Ihm gehörte Yukos, der damals grösste und inzwischen zerschlagene Ölkonzern. Anders als die anderen Oligarchen weigerte er sich, sich Putin zu unterwerfen. Das sollte ihn teuer zu stehen kommen. Wegen angeblichen Steuerbetrugs wurde Chodorkowski zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Nach der Verbüssung seiner Strafe durfte er ausreisen. Heute lebt er in London.

In der «Financial Times» hat sich Chodorkowski zu Kissinger und Putin geäussert. Sein Urteil ist vernichtend:

Sass zehn Jahre lang im Gefängnis: Michail Chodorkowski.
Sass zehn Jahre lang im Gefängnis: Michail Chodorkowski.Bild: AP

«Bei allem Respekt für Henry Kissinger, aber er glaubt, man könne Putin mit Leonid Breschnew vergleichen (dem langjährigen starken Mann in der UdSSR, Anm. d. Verf.)», so Chodorkowski. «Doch Breschnew war kein Gangster. Und Breschnew hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft. Er und seine Leute wussten, dass ein Krieg das schlimmste Ereignis überhaupt ist. Putin hat nie gekämpft. Er weiss nicht, was Krieg bedeutet. Er versteht Computerspiele und Kriege auf seinem Laptop.»

«(…) Kissinger versteht nicht, dass man mit einem Gangster nicht verhandeln kann», fährt Chodorkowski fort. «Er realisiert nicht, dass für Putin ein Krieg bloss ein normales Mittel darstellt, seine Umfragewerte zu steigern. Er hat schliesslich schon vier Kriege vom Zaun gerissen.»

Timothy Snyder, der Historiker

Timothy Snyder ist ein amerikanischer Historiker, der an der Yale University lehrt. Er gilt als führender Kenner von Osteuropa und hat mehrere Bücher über diese Gegend veröffentlicht. Das bekannteste davon ist «Bloodlands». Darin zeigt Snyder auf, welche grauenhaften Verbrechen Josef Stalin und Adolf Hitler in Polen, der Ukraine und Belarus verübt haben.

Osteuropa-Kenner und Historiker: Timothy Snyder.
Osteuropa-Kenner und Historiker: Timothy Snyder.Bild: EPA/DPA

In einem Gastkommentar in der «NZZ» wundert sich Snyder, weshalb wir uns Sorgen um einen allfällige Gesichtsverlust Putins machen. «Es ist dies eine zutiefst perverse Sicht der Dinge», so Snyder. «(…) Russland blockiert das Schwarze Meer, verhindert die ukrainische Getreideausfuhr und droht damit, in diesem Jahr Dutzende von Millionen Menschen im Nahen Osten oder Afrika dem Hungertod auszuliefern. Das sind die Dinge, über die wir uns Sorgen machen sollten, nicht über Putins Selbstbild.»

Snyder hält fest, dass Putin unsere Hilfe gar nicht nötig hat. Weil er über die vollständige Kontrolle der russischen Medien verfügt, kann er sich so verhalten, wie es die Diktatoren in George Orwells dystopischen Roman «1984» tun. Er kann sich die Wirklichkeit zurecht schustern. «Sollte eine reale Niederlage eintreten, wird Putin diese im Fernsehen als Sieg verkaufen, und die Russen werden ihm glauben, oder so tun, als glaubten sie ihm», so Snyder.

Im Gegensatz zu uns haben die Ukrainer Putin längst durchschaut. «Wie uns die Ukrainer immer wieder klarzumachen versuchen, wird der Krieg durch Klischees über einen ‹in die Enge getriebenen› Putin, dem man einen ‹gesichtswahrenden Ausweg› offen halten sollte, verlängert, weil sie von der schlichten Notwendigkeit einer russischen Niederlage ablenken», stellt Snyder klar.

Anstatt uns den Kopf über die Befindlichkeit des russischen Präsidenten zu zerbrechen, sollten wir uns daher mit dem Wesentlichen befassen. «Die Beschwichtigung Russlands lenkt uns von den Menschen ab, die wirklich in die Enge getrieben sind, die Ukrainer», so Snyder. «Sie sind von der physischen Ausrottung bedroht, und deshalb kämpfen sie.»

Dmytro Kuleba, der Aussenminister

Dmytro Kuleba ist der Aussenminister der Ukraine. Im Magazin «Foreign Affairs legt er dar, weshalb seine Regierung derzeit noch keinen Kompromiss mit Putin eingehen kann.

Wie Snyder spricht auch Kuleba von Genozid. «Er (Putin) will die ukrainische Nation auslöschen und ihre Bewohner vernichten, in dem er uns umbringt und unsere Identität zerstört. Mit anderen Worten, er will den Genozid», stellt Kuleba klar.

War auch am Wef zu Gast: Dmytro Kuleba, Aussenminister der Ukraine.
War auch am Wef zu Gast: Dmytro Kuleba, Aussenminister der Ukraine.Bild: keystone

Die Ukrainer kämpfen daher mit dem Mut der Verzweiflung, und sie tun dies mit Erfolg. «Wir haben wichtige Siege in den Schlachten um Chernihiv, Kharkiv, Kiew und Sumy erzielt», so Kuleba. «Wir haben für diese Siege einen hohen Preis bezahlt, aber wir haben verstanden, dass der Preis, nachzugeben, noch weit grösser wäre.»

Einen Frieden mit der Aufgabe von Gebieten zu erkaufen, ist für Kuleba deshalb keine Option. Putin würde eine solchen faulen Kompromiss dankend annehmen – und weitermachen. «Sollte er den Süden der Ukraine erobern, würde er wahrscheinlich danach in Moldavien einmarschieren», so Kuleba. «Er könnte sogar einen Krieg im Balkan anzetteln, wo die serbische Elite auf russische Unterstützung hofft.»

Kuleba ist überzeugt, dass die ukrainischen Soldaten ihren Gegner besiegen können. An der Südfront würden sie bereits zum Gegenangriff übergehen und die russischen Truppen zurückdrängen. «Anstatt sich um Putins Befindlichkeit zu kümmern, sollten die Vereinigten Staaten und Europa sich darauf konzentrieren, wie sie mit praktischen Schritten der Ukraine helfen können, den Sieg zu erlangen.»

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288 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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stormcloud
21.06.2022 08:09registriert Juni 2021
Putin ist und war niemals ein Staatsmann. Er ist ein Verbrecher, ein Mafiaboss.
Und so muss er auch betrachtet und behandelt werden.
Verhandlungen mit ihm sind Schall und Rauch und ein "Gesicht", das es zu bewahren gibt, hatte er noch nie.
Es geht nur um persönliche Macht und Bereicherung von sich und seiner Bande aus hörigen Oligarchen. Selbst seine Soldaten plündern ungehemmt, woran man auch die Missstände in Russland sieht.... Waschmaschinen, Kühlschränke, Schuhe. Nein, so ein Land möchte niemand als "Schutzmacht".

Putin, fahr zu Hölle!
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Jo Kaj
21.06.2022 07:04registriert Juli 2019
Treffende Worte.
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LisaSimpson
21.06.2022 07:25registriert Juli 2015
Je länger der Krieg dauert und die Wirtschaft strauchelt, werden mehr und mehr Stimmen aufkommen um einen Kompromiss zu finden. Das ist leider so, viele wollen dass die Wirtschaft wieder läuft und dann wird die Ukraine 🇺🇦 oder Teile davon geopfert, das wird sicherlich so kommen. Der Mensch denkt immer zuerst an sich selber 🙁
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