Teheran behält seine Trumpfkarte – und feiert damit einen strategischen Sieg
Die Ankündigung kam 88 Minuten vor Ablauf des Ultimatums. Donald Trump kündigte in der Nacht auf Mittwoch an, dass er die Angriffe auf den Iran für vorerst zwei Wochen aussetzen werde – sofern das Regime in Teheran die Strasse von Hormus «komplett, umgehend und sicher» für den Schiffsverkehr öffnet, wie er auf dem Internetdienst Truth Social schrieb. Teheran habe im Gegenzug versprochen, die Angriffe auf Nachbarländer im Nahen Osten auszusetzen.
Die Waffenruhe im Überblick:
Die geplante Zerstörungskampagne gegen zivile Ziele im Iran, die Trump noch am Dienstag in einer aussergewöhnlich harschen Stellungnahme angekündigt hatte, ist damit schubladisiert. Stattdessen wird der amerikanische Präsident, mit Hilfe von Vermittlern in Pakistan und China, und basierend auch auf Ideen aus Teheran, einen Friedensplan aushandeln. Auch Israel werde sich an die Waffenpause halten, hiess es zudem aus dem Weissen Haus – obwohl der Iran nach der Publikation von Trumps Stellungnahme weiter Raketen auf Israel abfeuerte.
Ein strategischer Sieg für den Iran
Die Unterstützer Trumps lobten den Präsidenten umgehend für seinen angeblich geschickten Verhandlungsstil. Weil er eine derart massive Drohkulisse aufgebaut habe, «zuckte der Iran zuerst», sagte die Fernsehmoderation Laura Ingraham auf dem Sender Fox News. Trump habe damit nicht nur seine Ziele erreicht, sondern auch seine Kritiker Lügen gestraft, die ihn zuletzt als irre bezeichneten.
Unabhängige Beobachter wiesen in ersten Reaktionen darauf hin, dass die Feuerpause im Iran-Krieg an eine klare Bedingung geknüpft sei: Der Iran muss die Blockade der Strasse von Hormus «komplett» und «umgehend» beenden. Der Aussenminister Abbas Araghtschi teilte in einer ersten Stellungnahme in Englisch aber mit, dass die sichere Passage von Schiffen durch die Meerenge mit den iranischen Streitkräften koordiniert werden müsse, unter «angemessener Berücksichtigung technischer Beschränkungen».
Diese Formulierung deutet darauf hin, dass Teheran seine Trumpfkarte in diesem Krieg nicht aus der Hand gibt: Die Strasse von Hormus wird vorderhand durch den Iran kontrolliert. Das ist ein strategischer Sieg für die verbleibenden Führungskräfte des Regimes und «schlicht katastrophal», wie der demokratische Senator Chris Murphy sagte.
Hinzu kommt, dass die iranische Regierung berüchtigt dafür ist, auf Zeit zu spielen. Der 10-Punkte-Plan, auf dessen Basis angeblich nun verhandelt werden soll, enthält zum Beispiel die Bedingung, dass sämtliche amerikanischen Sanktionen gegen den Iran beendet werden sollen. Das ist eine Maximalforderung, die in weiten Teilen des amerikanischen Kongresses auf Ablehnung stossen wird.
Hat der Präsident den Bogen überspannt?
Die Kritiker Trumps schüttelten derweil den Kopf über einen Präsidenten, der im entscheidenden Moment (fast) immer einen Rückzieher macht – und zwar immer dann, wenn der Druck von Börsianern und Energiehändlern zu gross wird. Stimmen im rechten und linken Lager wiesen noch am Dienstag darauf hin, dass die Methode Trump aber langsam an die Grenzen stosse. So musste der Präsident dieses Mal mit der Vernichtung «einer ganzen Zivilisation» drohen, um einem militärisch bereits weitgehend besiegten Land Konzessionen abzuringen.
Trump geht das Risiko ein, dass er trotz der Schlagkraft der amerikanischen Streitkräfte bald nicht mehr ernst genommen wird. In der nächsten Krise könnte dies katastrophale Folgen haben. (aargauerzeitung.ch)
