Das TV-Duell zwischen Kamala Harris und Donald Trump wird allgemein als Meilenstein im amerikanischen Wahlkampf bewertet. Vielleicht findet es gar nicht statt. Donald Trump hat am Sonntag Zweifel daran geäussert, dass er sich am 10. September in den Studios des TV-Senders ABC einfinden wird. Auf seiner Plattform Truth Social postete er:
Der Ex-Präsident hat gute Gründe, sich vor der Debatte drücken zu wollen. Sie könnte tatsächlich einen grossen Einfluss auf den Ausgang der Wahlen haben, und Trump ist kein sonderlich guter Debattierer. Im Duell gegen Joe Biden hatte er Glück, dass der Präsident komplett neben den Schuhen stand und unverständliche Zahlen herunterleierte, anstatt die Lügen seines Widersachers zu entlarven.
Gegen die ehemalige Staatsanwältin Harris kann Trump nicht mit so schwacher Gegenwehr rechnen. Deshalb sammelt er jetzt Ausreden, wie er sich vor der Debatte drücken kann. «Weshalb hat Harris Fox, NBC, CBS und selbst CNN abgelehnt? Bleibt dran.»
Trump fürchtet sich nicht nur vor der Debatte, er ärgert sich auch, dass er bisher noch keine Angriffsfläche bei Harris ausgemacht hat. Anders als Hillary Clinton vermeidet es die Vize-Präsidentin, ihr Frau-Sein in den Vordergrund zu stellen. Auch ihre indisch-jamaikanischen Wurzeln thematisiert sie kaum. Stattdessen stellt sie ihre positive Botschaft für Amerika in den Vordergrund und schafft so einen klaren Gegensatz zu Trumps apokalyptischem Gejammer.
Vor allem jedoch treibt es Trump auf die Palme, dass Harris überall dort besser abschneidet, wo es ihm besonders wichtig ist: Ihre Rede am Parteitag hatte eine höhere Einschaltquote als die seine. Ihre Rallys ziehen mehr Menschen an und diese sind enthusiastischer. Harris hat mehr Spendengelder eingesammelt – gegen 600 Millionen Dollar werden es Ende August wohl sein –, und sie liegt in den Umfragen vorn.
«All dies macht Trump halb wahnsinnig», schreibt Maureen Dowd in der «New York Times». «Er ist eifersüchtig auf ihr Aussehen, ihre Menschenmengen, ihre Star-Power und ihre lebhafte und körperliche Ausstrahlung.»
Für den bald achtzigjährigen Trump ist der Wechsel von Biden zu Harris offenbar zu schnell über die Bühne gegangen. «In was sich wie ein Wimpernschlag anfühlt, ist Trump plötzlich zum alten Mann geworden, der ein abgelutschtes Programm vertritt», stellt Edward Luce in der «Financial Times» fest. «Die Tatsache, dass er noch immer Biden attackiert, zeigt, dass ihm der kometenhafte Aufstieg von Harris grosse Mühe bereitet.»
Diese Mühe äussert sich etwa in absurden Beiträgen auf seiner Plattform Truth Social. Während der Rede von Harris postete er: «Wo ist Hunter?» Danach meldete er sich telefonisch bei Fox News und gab derart verworrene Statements von sich, dass ihn die Moderatoren kurzerhand abklemmen mussten.
Im August pflegt es Trump jeweils locker anzugehen. Meist ist er in dieser Jahreszeit auf dem Golfplatz anzutreffen. Nach dem Parteitag in Milwaukee sah er zunächst keinen Grund, von dieser Tradition abzuweichen, denn der Wahlsieg schien bloss noch eine Formalität zu sein. Kamala Harris hat ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Missmutig macht sich der Ex-Präsident daran, eine Gegenoffensive zu starten.
Fünf nicht geplante Rallys in fünf Bundesstaaten sind hastig einberufen worden. Sein Wahlkampfteam hat Trump aufgerüstet und seinen ehemaligen Mann fürs Grobe, Corey Lewandowski, wieder an Bord geholt. Mehr Akzeptanz bei den jungen Wählern erhofft er sich von Taylor Budowich. Trump tat auch etwas, was er eigentlich nie tut: Er entschuldigte sich bei Brian Kemp, dem Gouverneur von Georgia, den er noch vor Kurzem übel beschimpft hatte.
Der Ex-Präsident dürfte froh sein, dass die Krönungsfeiern für Harris endlich vorbei sind. Grund zur Erleichterung hat er allerdings nur bedingt. Vor der Debatte mit Harris kann er sich drücken, nicht aber vor den Gerichtsterminen, die ebenfalls auf ihn warten. Richterin Tanya Chutkan, die zuständig ist für den Prozess wegen Trumps Rolle beim Sturm aufs Kapitol, hat für den 5. September ein Hearing einberufen. Es könnte sein, dass es dort zu Zeugenaussagen kommt, die ein wenig schmeichelhaftes Licht auf Trump werfen.
Am 18. September sollte der Richter Juan Merchan das Strafmass im Schweigegeld-Urteil bekannt geben. Trump ist bekanntlich von einem Geschworenengericht in 34 Punkten für schuldig erklärt worden. Theoretisch kann er deswegen zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden. In den Knast wird der Ex-Präsident jedoch so schnell nicht wandern. Seine Anwälte werden wohl Berufung gegen das Urteil einlegen.
Nicht aus dem Weg räumen kann Trump jedoch die Tatsache, dass es den Demokraten gelungen ist, ihre Differenzen zu überwinden. Der alte Spruch «democrats fall in love, republicans fall in line» (lose übersetzt: Demokraten verlieben sich, Republikaner schliessen die Reihen) trifft 2024 nicht zu. Vielmehr hat sich am Parteitag in Chicago gezeigt, dass es im grossen Zelt der Demokraten für einmal friedlich und vereint zugeht. Und Kamala Harris hat gezeigt, wie E.J. Dionne in der «Washington Post» kommentiert, «dass sie einen Weg gefunden hat, eine neue Mehrheit zu formen, die nicht nur Trump besiegen, sondern auch den Trumpismus überwinden wird».