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Analyse

Donald Trump versinkt im Selbstmitleid

Das Weisse Haus wird zum Geisterhaus, das Haus Trump zerfällt.



Die Stimmung im Weissen Haus muss gespensterhaft sein. Die wenigen Mitarbeiter, die sich noch im West Wing aufhalten, berichten von einem Präsidenten, der im Selbstmitleid versinkt.

Trump soll immer noch mit dem Gedanken spielen, sich selbst zu begnadigen und immer wieder auf die «grösste Hexenjagd aller Zeiten» zu sprechen kommen, deren Opfer er angeblich sein soll. Von dieser Hexenjagd spricht er, seit er im Amt ist. Neu hingegen ist, dass er sich gegen seine engsten Freunde wendet.

White House press secretary Kayleigh McEnany speaks during a Life is Winning event in the South Court Auditorium on the White House complex in Washington, Wednesday, Dec. 16, 2020. (AP Photo/Susan Walsh)
Kayleigh McEnany

Zu wenig gekämpft: Pressesprecherin Kayleigh McEnany. Bild: keystone

Ob Stabschef Mark Meadows oder Pressesprecherin Kayleigh McEnany, ob Schwiegersohn Jared Kushner oder Wirtschaftsberater Larry Kudlow, sie alle sollen ihn nur halbherzig verteidigt haben und Schuld an seiner misslichen Lage tragen. Selbst sein Anwalt Rudy Giuliani ist offenbar unten durch. Trump soll angeordnet haben, seine Rechnungen nicht zu begleichen. Giuliani verlangt die stolze Summe von 20’000 Dollar für seine Dienste – pro Tag, wohlverstanden. Nun werden seine Telefonate nicht mehr ins Oval Office durchgestellt.

«Der Präsident ist ziemlich von der Rolle», zitiert die «Washington Post» einen der wenigen verbleibenden Mitarbeiter im Weissen Haus. «Niemand ist mehr sicher.»

Auch verschiedene Verbündete in den Medien haben Trump offenbar enttäuscht. Kimberley Strassel beispielsweise, die militante Kolumnistin im «Wall Street Journal». Oder die noch militantere Fox-News-Moderatorin Laura Ingraham. Beide haben Trump bisher durch dick und dünn verteidigt.

Vize-Präsident Mike Pence ist in Trumps Augen zum Verräter geworden. Seit Mittwoch gilt dies auch für Mitch McConnell. Der Noch-Mehrheitsführer der Republikaner im Senat hat durchblicken lassen, dass er das Impeachment gegen Trump für eine ziemlich gute Idee hält, und dass er sich durchaus vorstellen kann, Trump auch schuldig zu sprechen. Immerhin hat McConnell zugesagt, dafür zu sorgen, dass der Impeachment-Prozess im Senat erst nach der Amtseinführung von Joe Biden stattfinden wird.

In this image from video, Senate Majority Leader Mitch McConnell of Ky., speaks as the Senate reconvenes after protesters stormed into the U.S. Capitol on Wednesday, Jan. 6, 2021. (Senate Television via AP)

«Auch du, Brutus.» Mitch McConnell ist in den Augen von Trump ebenfalls ein Verräter geworden. Bild: keystone

Ein Impeachment-Prozess nach Ende der Amtszeit ist erstens möglich und hat es zweitens in der amerikanischen Geschichte schon mehrmals gegeben. Allerdings nicht gegen einen Präsidenten. Ein gewisser William Belknap, Held im Bürgerkrieg und später Verteidigungsminister unter Präsident Ulysses Grant, wurde wegen offensichtlicher Korruption vom Abgeordnetenhaus impeached, obwohl er zuvor zurückgetreten war.

Der Senat verzichtete danach allerdings darauf, Belknap auch schuldig zu sprechen. Ob Trump ebenfalls mit einem zweiten Freispruch rechnen kann, steht derzeit noch in den Sternen. Sollten über das Wochenende oder an der Inauguration vom nächsten Mittwoch erneut Krawalle ausbrechen – und darauf deutet vieles hin –, dann dürfte sich Trump diesbezüglich nicht allzu grosse Hoffnungen machen.

Nicht nur im Weissen Haus ist die Stimmung gespenstisch. Die Hauptstadt selbst hat sich vom Schock des vergangenen Mittwochs noch nicht erholt. Soldaten der Nationalgarde sind allgegenwärtig und patrouillieren in den Strassen, wenn sie nicht auf dem Boden in den Gängen des Kapitols schlafen. Bis zur Inauguration werden rund 30’000 Soldaten erwartet.

Szenen wie diese hat es noch nie in der amerikanischen Geschichte gegeben. Geoffrey C. Ward, einer der bekanntesten US-Historiker, erklärt denn auch gegenüber der «New York Times»: «Ich wünschte, ich könnte eine analoge Situation aufzählen, aber ganz ehrlich, so etwas hat sich noch nie ereignet. Hätte man mir gesagt, dass der Präsident der Vereinigten Staaten einen verwirrten Mob dazu auffordert, das Kapitol zu stürmen und nach Blut zu schreien, dann hätte ich geantwortet: Sie haben nicht alle Tassen im Schrank.»

epa08936289 National Guard soldiers rest in the Capitol Visitors Center after being deployed to secure the grounds around the US Capitol building in Washington, DC, USA, 13 January 2021. US President Donald J. Trump has become the first sitting President to be impeached twice after he incited a mob of his supporters to riot on the US Capitol in an attempt to thwart Congress from certifying Biden's election victory. At least twenty thousand troops of the National Guard will be deployed in Washington by the end of the week to help secure the Capitol area ahead of more potentially violent unrest in the days leading up to the Inauguration of US President-elect Joe Biden.  EPA/SAMUEL CORUM

Schlafende Soldaten der Nationalgarde im Kapitol. Bild: keystone

Trump kann sich zwar noch auf seine Basis verlassen, die Mehrheit der Amerikaner hat er jedoch verloren. Gemäss verschiedenen Umfragen wünschen sich 55 Prozent der Bevölkerung, dass er im Impeachment-Prozess verurteilt wird. Nur noch jeder dritte Amerikaner findet, er mache einen guten Job.

Wie tief Trumps Ansehen gesunken ist, zeigt folgendes Beispiel: Der Präsident wollte Bill Belichick, dem Coach des Footballteams New England Patriots, die Freiheitsmedaille verleihen, die höchste Auszeichnung der USA. Belichick lehnte dankend ab.

Banken haben derweil Trump die Zusammenarbeit aufgekündigt, ebenso die Stadt New York. Zwei Eisfelder und ein Karussell im Central Park werden von der Trump Group betrieben. Am meisten schmerzt Trump, dass der amerikanische Golfverband ein prestigeträchtiges Turnier auf Trumps Vorzeigegolfplatz Bedminster im Bundesstaat New Jersey abgesagt hat.

Douglas Brinkley, ein Historiker, sagt dazu in der «Washington Post»: «Das Haus Trump zerbröckelt. Das geschieht, wenn man die Macht verliert. Als Präsident war Trump ein Tyrann, und die Menschen hatten Angst vor ihm. Jetzt bleiben ihm noch ein paar Tage im Amt. Die Menschen realisieren, dass er bald ein Ex-Präsident sein wird, auf den zahlreiche Prozesse warten – und dessen Marke am Verblassen ist.»

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So berichtet die Zeitungen über den Sturm auf das Kapitol

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