DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
A patient receives oxygen inside a car provided by a Gurdwara, a Sikh place of worship, in New Delhi, India, Saturday, April 24, 2021. India

In Indien ist es zum Worst-Case-Szenario gekommen. Bild: keystone

Analyse

Katastrophe in Indien – warum sie auch für uns Konsequenzen hat

Indien befindet sich nicht nur am Rand einer Katastrophe, sondern mittendrin. Warum der Westen eine Mitschuld daran trägt und wieso Indiens Situation uns eine Lehre sein sollte.



Während die Schweiz und andere Länder bis anhin immer knapp an der Katastrophe vorbeigeschrammt sind oder – im Falle von New York, Italien und Brasilien – mit einem Bein im Desaster standen und stehen, erlebt Indien gerade den Super-GAU.

Das 1,3-Milliarden-Einwohner-Land ist momentan für 40 Prozent der weltweiten Corona-Neuinfektionen verantwortlich. Die tägliche Infektionsrate liegt bei ca. 350'000 Menschen pro Tag. Die Fallzahlen pro Million Einwohner liegen somit zwar «nur» auf dem derzeitigen Niveau der Schweiz, Experten gehen jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer um das Zehn- bis Dreissigfache höher liegen könnte.

Das Gesundheitssystem Indiens lässt sich jedoch nicht mit dem hiesigen vergleichen. Und so irren verzweifelte Inderinnen und Inder momentan durch Neu-Delhi auf der Suche nach einem freien Spitalbett. Verschiedenen Krankenhäusern ist bereits der Sauerstoff ausgegangen und es ist ein Schwarzmarkt für O2 entstanden. Astronomische Preise werden bezahlt, um Angehörige am Leben zu halten. Die Krematorien der Stadt sind derart überlastet, dass die Toten mittlerweile auf Parkplätzen eingeäschert werden. Wer mit der Ambulanz zu einem Spital fährt, wird fast sicher abgewiesen, da der Platz im Krankenwagen bereits mehr ist, als die meisten anderen Hilfesuchenden haben.

Auch in anderen Teilen des Landes sieht es nicht besser aus. Indien fehlt es an allen Ecken und Enden an medizinischen Gütern und Personal.

Jeder ist sich selbst am nächsten

Die indische Regierung rund um Premierminister Nerendra Modi gibt in der Krise kein gutes Bild ab. Modi behauptete Ende März, dass sich Indien im «Endkampf» gegen das Coronavirus befinde und das alles bald vorbei sein werde. Der indischen Bevölkerung wurden grosse Teile ihrer Freiheit zurückgegeben.

Und doch ist es nicht nur ein Versagen der indischen Regierung. Es ist ein Versagen der Weltgemeinschaft, die nicht einsehen will, dass eine globale Pandemie nicht mit nationalen Mitteln überwunden werden kann.

Denn Indien fehlt es nicht nur an Sauerstoff oder Personal, sondern auch an Impfstoffen und Werkzeugen zur genomischen Sequenzierung, um bestehende und neu auftretende Varianten zu identifizieren.

Währenddessen hamstern reiche Länder Vakzine en masse, trotz des Versprechens an die WHO vor einem Jahr, mit der Covax-Initiative für eine gerechte globale Impfstoffverteilung zu sorgen. Israel zum Beispiel will sich dutzende Millionen weitere Dosen an Impfstoff zulegen für den Fall, dass man in den kommenden Monaten die Impfungen auffrischen muss. Währenddessen haben ärmere Nationen dieser Welt gerade mal 0,3 Prozent der verfügbaren Vakzine bekommen.

Totale Egalität führt auch nicht zum Ziel

Doch dies ist nicht die Geschichte eines Landes, das es sich nicht leisten könnte, Impfstoffe zu besorgen. Die Impfstoffknappheit im Land ist paradox, denn Indien ist einer der grössten Impfstoffproduzenten der Welt. Das «Serum Institute of India» ist gar der grösste Vakzinhersteller auf diesem Planeten. Doch in den letzten Wochen ging die Produktion markant zurück, es fehlt an Material zur Produktion. Grund dafür sind Exportbeschränkungen aus den USA.

Das Absurde daran ist, dass das «Serum Institute of India» bis anhin gar nicht für den indischen Markt produziert hat, sondern für die Covax-Initiative, welche die Impfstoffe an ärmere Länder weiterverteilt hat. Indiens Impfkampagne läuft derweil schleppend, rund ein Prozent der Bevölkerung hat bis jetzt beide Impfdosen bekommen. Vier der am meisten betroffenen Bundesstaaten beklagen mittlerweile, dass es überhaupt keine Dosen mehr gibt.

Die Regierung hat zwar kürzlich eingegriffen und die indischen Unternehmen dazu verdonnert, Vakzine an den Staat zu verkaufen. Die Dosen sollten in den nächsten Monaten also im Land bleiben. Trotzdem scheint es fast ein Ding der Unmöglichkeit, in nützlicher Frist genügend Dosen zu liefern oder gar zu verimpfen.

Video: watson/een

Weltweit dominieren momentan zwei verschiedene Pandemiebekämpfungsansichten: Auf der einen Seite die reichen Nationen, die in einen Impf-Nationalismus zurückfallen, auf der anderen Seite die WHO mit ihrer Covax-Initiative, die zwar die besten Absichten hat, jedoch zu stur auf Egalität beharrt.

Indien verliert in beiden Fällen.

Globalisierung ist keine Rosinenpickerei

Ein Umdenken scheint momentan stattzufinden. Sowohl die USA, als auch Grossbritannien und Deutschland haben Indien ihre Hilfe zugesagt. So arbeiteten die USA «rund um die Uhr», um verfügbare Ressourcen und Vorräte auszusenden. Die Exportbeschränkungen der Materialien zur Impfstoffproduktion soll zudem aufgehoben werden. Zudem haben die USA angekündigt, bis zu 60 Millionen Dosen des Corona-Impfstoffs des Herstellers Astrazeneca an andere Länder abzugeben.

Trotzdem bleibt ein Beigeschmack. Die indische Mutation hat es bereits über die Landesgrenzen geschafft, auch in der Schweiz ist sie angekommen. Die Industrienationen müssen einsehen: Globalisierung ist keine Rosinenpickerei. Eine vernetzte Welt bedeutet auch, dass es ein Virus, in diesem Falle ein mutiertes Virus, in kürzester Zeit rund um den Erdball schaffen wird.

Je länger es dauert, bis eine globale Herdenimmunität erreicht wird, je mehr man es zulässt, dass Ausbrüche in ärmeren Gebieten zu weiteren Mutationen führen, desto mehr laufen auch wir Gefahr, dass die Pandemie so schnell nicht weggehen wird.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Indiens Fallzahlen explodieren – währenddessen ist ein Mega-Festival im Gange(s)

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Die Schweiz in 11 (leider) ehrlichen Karten

Die Schweiz ist ein Flickenteppich verschiedener Traditionen und Kulturen. Der Kit, der uns zusammenhält, ist die ganz genaue Vorstellung, welche Klischees wo zu verorten sind.

Viel Einführung braucht es an dieser Stelle nicht. Wir Schweizer sind eine Willensnation, deren kollektive Identität so schwer zu fassen ist, wie es Aargauer*innen schwer fällt, Auto zu fahren. Verschwenden wir also nicht zu viel Zeit, ehe wir zum Eigentlichen kommen. Sonst sind die Berner*innen morgen noch dran.

Oder ganz kurz (wie die Appenzeller*innen): Es handelt sich um satirische Klischeeausschlachtung. Nehmt euch also nicht so ernst wie die Genfer*innen. Denn denkt dran: Nicht alle können …

Artikel lesen
Link zum Artikel