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Warum Indien nicht das neue China wird

epaselect epa10800869 Indian Prime Minister Narendra Modi addresses the nation on Independence Day, from the Red Fort in New Delhi, India, 15 August 2023. Modi hoisted the national flag at the histori ...
Hat hochfliegende Pläne: Indiens Premierminister Narendra Modi.Bild: keystone
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Warum Indien nicht das neue China wird

Premierminister Narendra Modi will den G-20 Gipfel vom kommenden Wochenende in eine PR-Aktion für sein Land verwandeln. Doch Indien ist noch weit vom Status einer Grossmacht entfernt.
07.09.2023, 13:2007.09.2023, 17:31
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Das Land putzt sich heraus und sein Premierminister plustert sich auf. «Wir werden die Zeit unserer G-20-Präsidentschaft nutzen, um Indiens Erfahrungen als mögliche Vorlage für andere zu präsentieren», erklärte Premierminister Narendra Modi im Vorfeld des Gipfels vom kommenden Wochenende. Seine Absicht fasst Sushant Singh, Lehrbeauftragter an der Yale University, in «Foreign Affairs» wie folgt zusammen: «Indien will unter Modi zu einer Grossmacht werden und eine neue Ära von globalem Wohlstand und Frieden einläuten.»

Es ist nicht das erste Mal, dass die Welt am indischen Wesen genesen soll. Schon während des Kalten Krieges verstand sich das Land als Anführer der blockfreien Staaten, den Ländern, die sich weder für das kapitalistische Amerika noch für die kommunistische Sowjetunion entscheiden wollten. Damals blieb der Einfluss Indiens jedoch überschaubar, und ob es beim zweiten Anlauf besser klappen wird, ist ebenfalls fraglich.

Indien ist immer noch ein sehr armes Land

Indien ist inzwischen zwar bevölkerungsmässig das grösste Land der Welt. Anders als der Westen und China leidet das Land auch nicht unter einer Vergreisung seiner Menschen. 40 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 25 Jahre. Trotzdem ist Indien immer noch ein sehr armes Land. Im laufenden Jahr wird das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen gerade mal rund 2600 Dollar betragen. Zum Vergleich: In China ist das jährliche durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen mit rund 6000 Dollar mehr als doppelt so hoch. Deshalb will Modi ein Wirtschaftswunder wie der ewige Rivale China bewerkstelligen. Es dürfte ihm kaum gelingen.

Die jüngsten Zahlen haben zwar hohe Erwartungen geweckt. Im vergangenen Jahr hat das indische Bruttoinlandprodukt mehr als neun Prozent zugelegt, und auch im laufenden Jahr rechnet der Internationale Währungsfonds mit einem Wachstum von sechs Prozent. Der indisch-amerikanische Ökonom Ashoka Mody bezweifelt jedoch, dass dies der Beginn eines Wirtschaftswunders à la China sein wird. Er glaubt vielmehr an ein Strohfeuer. Der aktuelle Boom sei eine Reaktion auf den Covid-Einbruch und nicht nachhaltig, so Mody in einem Interview mit der «NZZ».

Einen wichtigen Grund für Indiens schwache Wirtschaft sieht Mody in Indiens Schulsystem. Während Länder wie China und Südkorea grosse Anstrengungen in Sachen Volksschule unternommen haben, sind die grossen Massen der Inder miserabel ausgebildet. Darüber kann auch eine schmale Tech-Elite nicht hinwegtäuschen. Deshalb hat Mody seinem kürzlich erschienen Buch den selbsterklärenden Titel «India Is Broken» verpasst, und er erklärt: «Wenn es keinen Fortschritt in der Ausbildung gibt, dann gibt es auch kein nachhaltiges Wirtschaftswachstum. Das übersieht die politische Elite Indiens.»

Municipal workers clean a side walk near a billboard featuring Indian Prime Minister Narendra Modi ahead of this week's summit of the Group of 20 nations, in New Delhi, India, Thursday, Sept. 7,  ...
Indien putzt sich für den G-20-Gipfel heraus.Bild: keystone

Auf der geopolitischen Bühne hat Indien in den vergangenen Monaten einige Erfolge erzielt. US-Präsident Joe Biden hat Modi mit allen Ehren im Weissen Haus empfangen. Auch der französische Präsident Emmanuel Macron hat für ihn den roten Teppich ausgerollt. Beide taten es weniger aus Respekt oder gar Zuneigung. Es geht um Realpolitik: Indien soll im Kampf der Titanen mit China und Russland auf die Seite des Westens gezogen werden.

Auch innenpolitisch geht Modis Rechnung nicht auf. Chinas Bevölkerung ist ethnisch gesehen weitgehend einheitlich – 1,3 Milliarden der Einwohner sind Han-Chinesen –, und die Muslime in der Provinz Xinjiang und die Tibeter werden mit Gewalt gezwungen, sich anzupassen.

Indien hingegen tickt völlig anders. «Indien ist eines der diversesten Länder dieser Welt», stellt Sushant Singh fest. «Es ist die Heimat von Menschen mit tausenden verschiedenen Kulturen und Gemeinschaften. Es kann nicht funktionieren, wenn sich diese Populationen gegenseitig bekämpfen.»

Massenhaft interne Konflikte

Genau dies ist jedoch der Fall, nicht nur zwischen Hindus und Muslimen. Im Bundesstaat Manipur beispielsweise tobt derzeit ein blutiger Kampf zwischen zwei Volksgemeinschaften, den Meiteis und den Kuki, der bereits mehrere hundert Todesopfer gekostet hat. Die Meiteis sind Hindus, die Kuki Anhänger einer alten, animistischen Religion. Deshalb werden sie von den Meiteis verfolgt. Sie werden beschimpft, gar keine Inder zu sein, sondern illegale Immigranten aus Myanmar zu sein.

Der Konflikt zwischen Meiteis und Kukis mag auf den ersten Blick relativ unbedeutend sein. Manipur ist rund 1600 Kilometer von Neu Dehli entfernt und hat bloss drei Millionen Einwohner. Der Konflikt ist jedoch typisch für die innenpolitische Situation.

Indien rühmt sich zwar, ein Vielvölkerstaat zu sein, der die Rechte von Minoritäten schützt. Doch in der Realität ist der hinduistische Nationalismus, Hindutva genannt, auf dem Vormarsch. «Obwohl dieser Nationalismus seit Jahrzehnten herumgeistert, hat er nun weit mehr Macht errungen als je zuvor», so Singh.

Premierminister Modi schürt diesen Nationalismus nach Kräften. So spielt der neuerdings mit dem Gedanken, Indien in «Bharat» umzutaufen, einen alten hinduistischen Namen, der ein Grossreich bezeichnet, das nicht nur Indien, sondern auch Teile von Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Myanmar, Nepal, Pakistan, Sri Lanka und Tibet umfasste.

Wachsender Nationalismus, interner Zwist und eine schwache Wirtschaft verhindern die hochfliegenden Träume von Modi. «Fakt ist, Indien wird grosse Mühe haben, auf der Weltbühne mitzuspielen, solange seine Regierung sich mehrheitlich mit inneren Konflikten befassen muss», resümiert Singh.

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66 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Texasrider
07.09.2023 13:33registriert April 2021
Danke für den Beitrag. Jeder der mal in Indien war wird diese Sicht bestätigen können. Es gibt eine kleine, ultrareiche Oberschicht und sonst nur Armut soweit das Auge reicht.
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Tidulidus
07.09.2023 14:17registriert Juni 2021
Das Tragische ist das nun viele westliche Firmen Indien mit freuden die Hand schütteln und die Produktion von China nach Indien verlegen. Teils mit der begründung der Menschenrechte oder als Gegenpol zu China usw. Wer Modis Innenpolitik kennt (Unterdrückung der Muslime) , den Umgang mit Frauen da Kastensystem uvm. der sollte sich bewusst sein das Indien in den belangen nicht besser als China ist. Dies ist für mich die Doppelmoral des Westens einerseits gegen China wettern anderseits Indien, Katar, denn Saudis und Co mit freuden die Hand schütteln. Tja ich verstehe das echt nicht..
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Snowy
07.09.2023 14:13registriert April 2016
Soweit so klar: Ohne gutes und für viele zugängliches Bildungssystem, kein nachhaltiger Wirtschaftsaufschwung.

Irritiert bzw belustigt hat mich dieses Statement über die Besuche Bidens und Macrons:
"Beide taten es weniger aus Respekt oder gar Zuneigung. Es geht um Realpolitik."

Können wir endlich mal festhalten, dass bei Geopolitik NIE darum geht das richtige oder gar gutes zu tun! Moral ist völlig irrelevant, bzw wird vorgeschoben
Möglich, dass eine Grossmacht dabei auch mal was gutes tut (wie aktuell die USA im Ukrainekrieg). Der Grund liegt aber def nicht im altruistischen Handeln der USA
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