Beim Smalltalk erklärte mein Verleger jüngst, er frage sich, wann der erste Journalist den Mut haben werde, zu schreiben, dass Kamala Harris die Wahlen nicht nur gewinnen, sondern sie sehr hoch gewinnen werde. Sein Wunsch sei mir Befehl. Es gibt tatsächlich eine Reihe von Gründen, die für einen Harris-Erdrutsch-Sieg sprechen. Hier sind sie:
Bevor Joe Biden seinen Rücktritt erklärte, versuchten die Demokraten sich einzureden, der Präsident habe nach wie vor eine 50:50-Chance für eine zweite Amtszeit. Dabei haben sie sich gewaltig in die Tasche gelogen. Das zuverlässige Prognose-Modell des «Economist» kam zu einem ganz anderen Resultat. Biden lag schon im Juni deutlich hinter Donald Trump. Und «wenige Wochen nach der verhängnisvollen Debatte mit Mr. Trump zeigte das Modell an, dass die Wahrscheinlichkeit eines (Biden)-Sieges noch deutlicher gesunken war», wie der «Economist» in seiner jüngsten Ausgabe schreibt.
Auftritt Kamala Harris – und alles ändert sich schlagartig. Inzwischen hat die Vize-Präsidentin auf nationaler Ebene in verschiedenen Umfragen mit zwei Prozentpunkten die Nase vorn. Vor allem jedoch hat sie in den alles entscheidenden Swing States einen leichten Vorsprung. Das Momentum liegt bei Harris. Sowohl das Modell des «Economist» als auch der Prognose-Guru Nate Silver halten daher einen Sieg der Vize-Präsidentin derzeit für wahrscheinlich.
Auch bezüglich der Kompetenz in der Wirtschaftspolitik hat sich ein erstaunlicher Meinungsumschwung ereignet. Lange lag Trump in dieser Frage weit vor Biden. Harris hat diese Lücke fast vollständig geschlossen. Mehr noch: In einer Umfrage der «Financial Times» hat sie Trump gar überholt.
Auch die Daten der realen Wirtschaft spielen Harris in die Hände. Die Inflation ist mittlerweile unter drei Prozent gesunken. Damit ist ein zentrales Argument der Republikaner weitgehend entkräftet worden. Zudem ist es damit fast sichergestellt, dass die Notenbank im kommenden September die Leitzinsen senken und der Wirtschaft damit einen weiteren Wachstums-Schub verpassen wird.
Die Börsen haben diese Entwicklung bereits vorweggenommen. Der Mini-Crash von letzter Woche ist bereits wieder aufgeholt.
Weit wichtiger als die Ereignisse an den Finanzmärkten ist für den durchschnittlichen Amerikaner, was sich in der realen Wirtschaft abspielt. Auch hier hat Harris gute Argumente: Nach wie vor liegt die Arbeitslosigkeit auf rekordtiefem Niveau. Zusammen mit Biden hat sie damit die wohl schwierigste wirtschaftspolitische Herausforderung gemeistert: ein Softlanding. Will heissen, es ist gelungen, die Wirtschaft wieder auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zu bringen, ohne dass die Notenbank mit hohen Leitzinsen eine künstliche Arbeitslosigkeit erzeugen musste.
Die Frauen, genauer die Frauen in der Vorstädten, werden die Wahlen entscheiden. Dieser These widerspricht kaum ein ernst zu nehmender Polit-Guru. Seit der Supreme Court «Roe v. Wade» – das Urteil, das die Abtreibung landesweit legalisiert hat – aufgehoben hat, kümmerte sich Harris schwerpunktmässig um diese Frage und hat sich dabei äusserst positiv in Szene gesetzt. Das war ein Grund, weshalb sich die Partei nach dem Rückzug von Biden so rasch hinter sie gestellt hat.
Das ist auch der Grund, weshalb die Mehrheit der Frauen im November ihr die Stimme geben werden. In der Abtreibungsfrage liegt Harris in den Umfragen meilenweit vor Trump.
Am Donnerstag bestritten Biden und Harris ihren ersten gemeinsamen Auftritt seit dem Rückzug des Präsidenten. Sie konnten dabei verkünden, dass es endlich gelungen sei, mit der Pharmaindustrie ein Abkommen auszuhandeln, das ab 2026 zu einer massiven Senkung der Medikamentenpreise führen wird.
Einzelne Medikamente werden bis zu 70 Prozent günstiger werden. Damit wird Medicare, die Krankenversicherung der Rentner, rund sechs Milliarden Dollar einsparen. Vor allem werden jedoch die Senioren davon profitieren.
Der Durchbruch bei den Medikamentenpreisen war nur dank des Inflation Reduction Act (IRA) möglich, ein Gesetz, das die Biden-Regierung gegen den geschlossenen Widerstand der Republikaner durch den Kongress geboxt hat. Jetzt kann Harris die Früchte ernten, denn die weit überrissenen Medikamentenpreise in den USA sind seit Jahrzehnten ein Stein des Anstosses.
Am kommenden Montag beginnt in Chicago der Parteitag der Demokraten. Er wird aller Wahrscheinlichkeit ein «Fest der Freude» werden. Joe Biden wird einen grossen Auftritt haben und dabei für seine Verdienste ausführlich gewürdigt werden. Hollywood wird seine Besten nach Chicago schicken und dafür sorgen, dass das Terrain vorbereitet wird für einen glanzvollen Auftritt des neuen demokratischen Traumpaars: Kamala Harris und Tim Walz. Ein erfolgreicher Parteitag hat traditionsgemäss die Folge, dass sich die Umfragewerte noch weiter verbessern werden.
Der Ex-Präsident hat sich mittlerweile zum wichtigsten Wahlhelfer für Harris entwickelt. Er kann die schlagartige Umkehr seines Schicksals nicht verkraften und taumelt von einem Desaster zum nächsten. Mal beschimpft er den populären Gouverneur von Georgia – wohlgemerkt ein Parteifreund – und schmälert damit seine Chance in einem wichtigen Swing State. Dann beleidigt er ausgerechnet vor schwarzen Journalisten Harris rassistisch. Mit der Wahl von J.D. Vance zum Vize hat er einen schweren Missgriff getan, und mit einem überlangen, belanglosen Interview mit Elon Musk hat er sich bis auf die Knochen blamiert.
Trump ist derart von der Rolle, dass mittlerweile selbst seine Parteifreunde nervös werden. Nikki Haley, Vivek Ramaswamy, Kevin McCarthy und Kellyanne Conway, sie alle beschwören den Ex-Präsidenten auf den verschiedensten TV-Kanälen, endlich die plumpen persönlichen Angriffe auf Harris einzustellen und über politische Inhalte zu sprechen.
Trump geht zwar widerwillig und halbherzig auf diese Aufforderungen ein. Am Donnerstag versuchte er sich in Wirtschaftspolitik. Das Resultat war jedoch wenig überzeugend. So wollte der Ex-Präsident die Inflation mit einer relativ grossen und einer kleinen Tic-Tac-Schachtel erläutern. Dummerweise geht es bei der Teuerung jedoch nicht um Grösse, sondern um den Preis.
Mein Verleger könnte also tatsächlich Recht bekommen. Aber natürlich dürfen die üblichen Disclaimer nicht fehlen: Es geht noch mehr als 80 Tage bis zur Wahl. Vieles wird wohl noch passieren. Die Wahlen sind so verrückt wie noch nie – und die einzige Umfrage, die zählt, ist das Wahlresultat. Sollte also alles ganz anders herauskommen, dann habe ich zuletzt noch eine Bitte: Beschwert euch dann nicht bei mir, sondern wendet euch an meinen Verleger.
Und bevor wieder irgend ein Besserwisser von links etc. moniert, nein, die Demokraten sind definitiv keine linke Partei. Die Republikaner sind einfach extrem nach rechts abgedriftet.