Die Hisbollah steht mit dem Rücken zur Wand
Hisbollah-Chef Naim Kassim dürfte nach der Tötung des iranischen obersten Führers Ajatollah Ali Chamenei vor einer schwierigen Entscheidung gestanden haben: Soll die von Teheran finanzierte schiitische Terrormiliz an der Seite des Irans in den Krieg eingreifen – und damit womöglich ihr Ende besiegeln? Oder soll sie sich aus dem Krieg heraushalten – und damit das Ende der Finanzhilfe aus dem Iran riskieren?
Kassim entschied sich für den Krieg – seit der Nacht zum Montag greift die Hisbollah Ortschaften und Städte im israelischen Grenzgebiet mit Raketen und Drohnen an. Israel schlug umgehend zurück und flog Luftangriffe auf die Hochburgen der schiitischen Organisation im Südlibanon und im Süden der Hauptstadt Beirut. Zusätzlich rückten auch israelische Bodentruppen in den Libanon vor. Die israelische Armee rief die Bevölkerung fast aller Vororte in Beirut zur Flucht auf.
Zerstörung Israels als erklärtes Ziel
Die Entscheidung der Hisbollah für den Eintritt in den Krieg, die der israelische Journalist Amit Segal als «von Israel unterstützten Selbstmord» umschrieb, steht im Einklang mit den Grundprinzipien der Terrormiliz, die in den 1980er-Jahren mithilfe von iranischen Revolutionsgarden aufgebaut wurde. Sie schwor dem Führer der iranischen Revolution, Ruhollah Chomeini, Treue und gelobte, gegen die israelische Besetzung des Libanon und der palästinensischen Gebiete zu kämpfen. Wie für ihre iranischen Geldgeber war – und ist bis heute – die Zerstörung Israels ihr erklärtes Ziel.
Während Jahrzehnten war die Hisbollah die schlagkräftigste Terrormiliz im Nahen Osten, das Kronjuwel im Stellvertreter-Netzwerk des Irans, der sogenannten Achse des Widerstands, durch die Teheran seine Macht in der Region indirekt entfaltete. Zugleich dominierte die Organisation als Vertretung und Schutzmacht der Schiiten im Libanon dessen Innenpolitik nach Belieben. Sie bildete einen Staat im Staat, und ihre Miliz war der schwachen libanesischen Armee klar überlegen.
Massive Schwächung nach dem 7. Oktober
Doch dies änderte sich als mittelbare Folge des 7. Oktober 2023, als die – ebenfalls von den Mullahs in Teheran unterstützte – Hamas ihr Massaker in Israel anrichtete. Die Hisbollah begann am Tag danach, aus Solidarität mit der Hamas den Norden Israels zu beschiessen, ohne jedoch ihr enormes Arsenal an Raketen vollumfänglich einzusetzen. Diese Nadelstiche, die immerhin die Evakuierung von zehntausenden israelischen Einwohnern im Grenzgebiet erzwangen, dauerten bis zum September 2024.
Dann schlug Israel massiv zurück, zuerst mit einer beispiellosen Geheimdienstaktion, bei der mehrere tausend Pager und andere Geräte im Besitz von Hisbollah-Mitgliedern explodierten. Darauf folgten verheerende Luftangriffe, denen nahezu die gesamte Hisbollah-Führung zum Opfer fiel, darunter auch ihr langjähriger Chef Hassan Nasrallah. Im November 2024 musste die geschwächte Hisbollah in einen Waffenstillstand einwilligen, der vorsah, dass sie sich aus dem südlichen Grenzgebiet bis hinter den Litani-Fluss zurückziehen sollte. Zudem sollte sie entwaffnet werden.
Schwache libanesische Regierung
Die Entwaffnung machte jedoch kaum Fortschritte – Israel behauptete, die Hisbollah rüste schneller wieder auf, als sie entwaffnet werde. Israelische Truppen hielten denn auch weiterhin Stellungen im libanesischen Grenzgebiet besetzt und verletzten den Waffenstillstand zudem regelmässig durch militärische Interventionen. Im September 2025 verabschiedete die libanesische Regierung schliesslich einen mehrstufigen Plan zur Zerschlagung des Hisbollah-Arsenals und meldete im Januar 2026, die erste Phase sei abgeschlossen. Israel bezweifelte dies umgehend.
Nachdem die Hisbollah begonnen hatte, Raketen auf Israel abzufeuern, erliess die libanesische Regierung am Montag ein «sofortiges Verbot» aller militärischen Aktivitäten der Terrormiliz und forderte sie auf, ihre Waffen abzugeben. Regierungschef Nawaf Salam betonte, die Entscheidung über Krieg und Frieden liege ausschliesslich beim Staat. Nach den israelischen Vergeltungsangriffen berief die Regierung eine Krisensitzung ein, an der auch der Armeechef teilnahm. Bereits sollen Sicherheitskräfte mutmassliche Hisbollah-Kämpfer festgenommen und ihre Waffen beschlagnahmt haben. Ob der libanesische Staat aber stark genug ist, um der Hisbollah Paroli zu bieten, ist nach wie vor sehr fraglich.
Rhetorische Distanz zu Teheran
Kassim warf der Regierung prompt vor, die Hisbollah verraten zu haben und warnte die Gegner der Miliz im Libanon davor, ihr in den Rücken zu fallen. An die Adresse Israels sagte er: «Unsere Entscheidung ist Konfrontation und Widerstand bis an die äussersten Grenzen.» Israel sei eine «existenzielle Bedrohung» für die Hisbollah, den Libanon und die gesamte Region. «Was Israel getan hat, war keine Reaktion auf einen Raketenbeschuss, sondern vielmehr ein vorsätzlich geplanter Akt der Aggression», sagte er zudem.
Gleichwohl wirkt die Hisbollah derzeit nur wie ein Schatten ihrer selbst. Und sie versuche zunehmend, ihre Rolle neu zu definieren, schreibt Sabine Brandes in der Jüdischen Allgemeinen. So distanziere sie sich «zumindest rhetorisch von ihrem wichtigsten Geldgeber». Hisbollah-Chef Kassim habe denn auch die Raketenangriffe auf Israel als Reaktion auf angebliche israelische Verletzungen der Waffenruhe dargestellt. Und er betonte, die Angriffe stünden «in keinem Zusammenhang mit irgendeiner anderen Schlacht» – eine erstaunliche Formulierung in Anbetracht der israelisch-amerikanischen Angriffe auf das mit der Hisbollah verbündete Mullah-Regime.
Israels Ziele
Die Ziele, die Israel im Libanon verfolgt, dürften über Vergeltungsschläge für den Raketenbeschuss hinausgehen. Eyal Zamir, der Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, erklärte laut Haaretz, Israel werde den Krieg nicht beenden, solange die Bedrohung durch die Hisbollah nicht beseitigt sei. Ihre militärischen Fähigkeiten müssten langfristig geschwächt oder gar zerstört werden.
Der Israel-Experte Peter Lintl von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin sagte gegenüber dem Magazin Focus: «Das ist generell die neue militärstrategische Ausrichtung Israels, die sich im Zuge des 7. Oktober entwickelt hat.» Es sei mittlerweile nicht mehr nur das Ziel, Gegner einzudämmen, sondern sie so zu bekämpfen, dass sie überhaupt keine Gefahr mehr darstellten. Allerdings sei es kaum realistisch, so der Politologe, die Hisbollah vollständig zu beseitigen – dazu sei die Organisation zu stark in der libanesischen Gesellschaft verankert. Es sei wahrscheinlicher, dass Israel versuche, eine Pufferzone im Südlibanon zu errichten und die Stellungen der Hisbollah dort einzunehmen.
Auch der israelische Historiker und Sicherheitsexperte Shmuel Bar glaubt, dass Israel nicht tief in den Libanon eindringen will, sondern beabsichtigt, die Hisbollah so weit zu schwächen, dass die libanesische Armee und Regierung die Kontrolle übernehmen können. Israel wolle den Libanesen ein für alle Mal klarmachen, dass sie mit der Hisbollah auf das falsche Pferd setzen, sagte er gegenüber der Jüdischen Allgemeinen.
