In den letzten Tagen hat Donald Trump mehrmals von den «inneren Feinden» Amerikas gesprochen. So führte er bei Fox News am vergangenen Sonntag wörtlich aus: «Wir haben einige sehr schlimme Menschen unter uns. Wir haben einige krankhafte, radikale Spinner unter uns. Und ich bin der Meinung, dass diese, wenn nötig, von der National Guard oder falls nötig auch vom Militär verfolgt werden müssen, denn wir dürfen das nicht zulassen.»
Auf die Frage, ob er an bestimmte Personen denke, nannte Trump die Namen von Adam Schiff und Nancy Pelosi. Schiff spielte eine führende Rolle in der Russland-Affäre, Pelosi war Speaker der Demokraten im Abgeordnetenhaus.
Das war alles andere als ein einmaliger Ausrutscher. Trump spricht offen und unmissverständlich davon, seine Gegner im eigenen Land durch das Militär verfolgen lassen zu wollen. Früher schon drohte er seinem ehemaligen Chef des Generalstabs, Mark Milley, die Todesstrafe wegen angeblichen Landesverrats an. Missliebige Journalisten und Comedians will er ins Gefängnis werfen lassen, TV-Stationen wie ABC oder MSNBC die Lizenz entziehen. Nie hat Trump eine dieser Drohungen widerrufen, im Gegenteil, er wiederholt sie immer und immer wieder.
Logisch, dass Trumps Parteifreunde auf diese Äusserungen angesprochen werden. Ja, es ist mittlerweile zu einem eigentlichen Ritual geworden, welches Journalisten und führende Republikaner aufführen. Hier drei Beispiele:
CNN-Moderator Jake Tapper interviewt Glenn Youngkin, den republikanischen Gouverneur von Virginia. Youngkin ist als Partner einer Private-Equity-Firma sehr reich geworden und gilt als gemässigter, Business-freundlicher Politiker. Tapper spielt ihm einen Clip mit den erwähnten Trump-Zitaten vor. Youngkin lenkt sofort auf kriminelle Immigranten und Fentanyl ab und erklärt, von diesen habe Trump gesprochen.
Tapper widerspricht und wiederholt das Zitat wortwörtlich. Das glaube er nicht, entgegnet Youngkin mehrmals und wiederum entgegen allem, was er mit eigenen Ohren und Augen hören und sehen kann.
Später spricht Tapper mit Mike Johnson, dem republikanischen Speaker. Von ihm will er wissen, was er von Trumps Penislänge-Bemerkungen über den verstorbenen Golfer Arnold Palmer hält. Johnson antwortet mit dem Verweis auf die «grösste Wirtschaft», die unter Trump geherrscht habe. Tapper hakt nach. Johnson erwähnt nun das Attentat auf Trump, das «sie» verübt hätten.
Drittes Beispiel: NBC-Moderatorin Kristen Welker interviewt in der Sendung «Meet the Press» den republikanischen Senator Lindsey Graham. Dieser war einst ein hoch angesehener Politiker und enger Freund des verstorbenen Kriegshelden John McCain. Welker spricht ihn ebenfalls auf das Innere-Feinde-Zitat von Trump an. Graham antwortet mit dem Attentatsversuch auf den Ex-Präsidenten. Welker führt General Milley an, der im soeben veröffentlichten Buch von Bob Woodward Trump einen «Faschisten mit Haut und Haar» nennt, und weist auch darauf hin, dass Graham in der Vergangenheit grosse Stücke auf den ehemaligen Oberbefehlshaber gehalten habe.
Graham macht Milley für das Versagen der US-Armee in Afghanistan verantwortlich. Welker kontert mit John Kelley, ebenfalls ehemaliger General der Marines und zeitweilig Stabschef von Trump. Auch dieser erklärt heute, dass der Ex-Präsident nie mehr ins Weisse Haus einziehen dürfe. Anstelle einer Antwort schreit Graham wiederholt und aufgebracht: «Die beiden irren sich, die beiden irren sich.»
Youngkin, Johnson und Graham sind keine Hillbillys oder Rednecks, die weder schreiben noch lesen können – etwas, das dank der schlechten öffentlichen Schulen in den USA zu häufig vorkommt. Sie sind auch keine Marjorie Taylor Greenes oder Lauren Boeberts, zwei Abgeordnete der Grand Old Party, für die keine Verschwörungstheorie zu absurd ist. Nein, sie stellen die Crème de la Crème der republikanischen Partei dar, und sie befinden sich in bester Gesellschaft.
Das geachtete und einflussreiche «Wall Street Journal» hat ebenfalls kein Problem mit den offenen Drohungen von Trump. In einem redaktionellen Kommentar wird zwar festgehalten, seine «Rhetorik sei gelegentlich grob und spalterisch», doch sie stelle keine Gefahr für Demokratie und Rechtsstaat dar. Die viel zitierten «checks and balances» des US-Systems würden Trump im Zaum halten, und im Übrigen seien Kamala Harris und die Demokraten die grössere Gefahr.
Trump hat den amerikanischen Wahlkampf zu einem Irrenhaus gemacht. Einmal spricht er von grossen Penissen und prahlt damit, dass seine Rallys mehr Zuschauer hätten als ein Elvis-Presley-Konzert. Gleichzeitig macht er unwiderruflich klar, dass er im Falle eines Wahlsieges «Rache und Vergeltung» üben und die USA in einen autoritären Staat verwandeln werde. Schliesslich werde er «am ersten Tag ein Diktator sein».
Diese Mischung aus Klamauk und offenem Faschismus zeigt auch Trumps Auftritt bei McDonald’s. Der Ex-Präsident hat sich gestern eine Schürze des Fast-Food-Riesen umgebunden, für ein paar Minuten Pommes frittiert und diese an zwei ausgewählte Drive-in-Kunden verteilt. Warum tut er dies?
Kamala Harris hat einst erwähnt, dass sie als Teenager in den Sommerferien für McDonald’s gearbeitet habe, etwas, das Heerscharen von jungen Amerikanern tun. Das war im Jahr 1983 und damals gab es noch keine digitalen Aufzeichnungen. Deshalb gibt es dafür auch keine Beweise. Trump hat die Aussage von Harris als Lüge bezeichnet. Mit seinem bizarren Auftritt wollte er «beweisen», dass er der wahre Champion des Fast Foods und damit des kleinen Mannes ist.
Wäre es nicht so gefährlich, dann könnten wir herzhaft darüber lachen. Doch das Lachen bleibt uns im Halse stecken. Die Historikerin Anne Applebaum hat in der Zeitschrift «The Atlantic» soeben Trumps Rhetorik mit derjenigen von Hitler, Stalin und Mussolini verglichen. «Trump weiss genau, was er tut», so Applebaum. «Er weiss, was für eine Ära und was für eine Art Politik er damit heraufbeschwört.»