DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Geflutete Strassen in Dhaka im Juli 2020.
Geflutete Strassen in Dhaka im Juli 2020.bild: shutterstock

50 Jahre Horror-Zyklon – Bangladeschs Kampf gegen die Klimakrise

06.11.2020, 07:2006.11.2020, 13:35

Es war Anfang November 1970, als sich der Student Farid Uddin auf den Weg machte, um Medikamente für seine kranke Mutter zu kaufen. Ein Sturm zog auf, erinnert sich der heute 73-Jährige. Bei einem Onkel suchte der junge Mann schliesslich Schutz, zu gefährlich sei der Weg zurück gewesen, als sich der Himmel verdunkelte. «Wir gingen zu fünft auf das Dach, banden uns bei Regen und böigem Wind mit einem Seil an eine Säule», erzählt Uddin. Hilflos mussten sie zusehen, wie das Wasser stieg und Mensch und Vieh in den Fluten weggespült wurden. «Wir alle waren auf den Tod vorbereitet.»

Heute gehört Uddins Heimat zur südlichen Küste Bangladeschs, damals noch Ost-Pakistan. Der «Bhola»-Zyklon gilt als einer der verheerendsten Wirbelstürme seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Am 12. November traf er auf das Festland, mehr als 300 000 Menschen starben in den Fluten, zehntausende Fischerboote und Tiere wurden weggespült. Es folgten politische Unruhen, angetrieben von Kritik an der Katastrophenhilfe der damaligen pakistanischen Zentralregierung. Die ohnehin bestehenden Spannungen verschärften sich: Im Jahr 1971 spaltete sich Ost-Pakistan ab und wurde zu Bangladesch. Ein Krieg, den West-Pakistan verlor, besiegelte die Unabhängigkeit.

Auch heute wird der südasiatische Staat immer wieder durch Extremwetter und Wirbelstürme bedroht. Premierministerin Sheikh Hasina rief daher im September zum Handeln auf. Neueste Forschung legt nahe, dass steigende Meeresspiegel hunderte Millionen Menschen zwingen werden, bis zur Mitte des Jahrhunderts tiefliegende Küstenstädte weltweit zu verlassen. «Wird die globale Gemeinschaft rechtzeitig handeln, um diese Katastrophe zu verhindern?», schrieb Hasina in einem Gastbeitrag im «Guardian».

Hunderte Schüler und Studenten protestieren für mehr Klimaschutz in Dhaka im September 2020.
Hunderte Schüler und Studenten protestieren für mehr Klimaschutz in Dhaka im September 2020.bild: shutterstock

Durch die globale Erwärmung nehme Extremwetter zu, sagt Klimaforscher Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Tropenstürme verändern sich, bewegen sich langsamer fort und hängen dann länger über gewissen Küstenabschnitten, ihre Stärke nimmt rascher zu. Forscher wie Rahmstorf rechnen damit, dass Tropenstürme mit wärmerem Klima stärker werden, denn sie ziehen ihre Energie aus dem warmen Meerwasser. Dies hat zuletzt auch ein Expertengremium der meteorologischen Weltorganisation WMO mit Daten bestätigt. Zudem würden aufgrund des steigenden Meeresspiegels Sturmfluten immer höher aufsteigen.

Doch die Staaten haben aus den Katastrophen gelernt. Das liegt auch an besseren Wettervorhersagen und Warnsystemen – beispielsweise per Mobilfunk. Dieses Jahr etwa traf der schwere Sturm «Amphan» dicht besiedelte Gebiete in Indien und Bangladesch – Länder, die viel Erfahrung mit starken Wirbelstürmen haben. Eine Evakuierung von mehr als drei Millionen Menschen habe tadellos funktioniert, erklärte die WMO darauf. Die Sachschäden blieben gross – die Opferzahlen mit mehr als 90 Toten relativ niedrig. Bei ähnlichen Stürmen kamen früher tausende oder zehntausende Menschen ums Leben.

In Kutubdia, an der Küste Bangladeschs, versucht man mit Sandsäcken die am Strand liegenden Häuser vor den steigenden Wasserpegeln zu schützen.
In Kutubdia, an der Küste Bangladeschs, versucht man mit Sandsäcken die am Strand liegenden Häuser vor den steigenden Wasserpegeln zu schützen.bild: shutterstock

Effektive Frühwarnsysteme seien eine positive Entwicklung, sagt auch die Klimaforscherin Friederike Otto von der Universität Oxford. Ob sich ein Wetterextrem zur Katastrophe entwickelt, hinge vor allem davon ab, wie verwundbar und stark betroffen Staaten sind. «Der Grund, warum der Klimawandel ein riesiges Problem ist, liegt nicht darin, dass die Menschheit aussterben wird – das wird sie nicht». Otto sieht stattdessen vor allem eine Gefahr bei denjenigen, die besonders verwundbar sind. «Der Klimawandel verstärkt die Ungleichheit mit all ihren Folgen für die Gesellschaften».

Farid Uddin überlebte die schwere Katastrophe von 1970, doch viele seiner Verwandten und Bekannten zahlten mit ihrem Leben. «Bis heute konnte ich meine Mutter nicht finden, ich habe an vielen Orten nach ihr gesucht, inmitten von Leichen, die sich am Ufer eines neu errichteten Deiches aufgetürmt hatten», erinnert sich der Rentner. Es war der schlimmste Sturm, den er seitdem erlebt hatte. «Es war so erschreckend, dass ich nie dachte, ich würde überleben. Wir überlebten nur dank der Gnade Allahs». (sda/dpa)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Ziegelfabrik in Bangladesh

1 / 22
Ziegelfabrik in Bangladesh
quelle: epa/epa / abir abdullah
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

In Zukunft dürfte uns die Hitze noch härter treffen!

Video: srf

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

2 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
2
Mutmasslicher Schütze bei US-Parade plante Tat wochenlang – Flaggen auf halbmast

Der mutmassliche Todesschütze bei einer Feiertags-Parade in den USA hat seine Tat nach neuen Erkenntnissen der Polizei wochenlang geplant. Seine Waffe, ein «leistungsstarkes Gewehr», habe er nach derzeitigem Kenntnisstand legal im Bundesstaat Illinois gekauft, sagte ein Polizeisprecher am Dienstag in Highland Park, einem Vorort von Chicago. Hier waren durch Schüsse bei einer Parade anlässlich des Nationalfeiertags am Montag sechs Menschen getötet und nach den neuen Angaben der Polizei rund 30 Menschen verletzt worden.

Zur Story