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epa08378414 People gather in a cafe to enjoy the warm spring weather in Stockholm, Sweden, 22 April 2020, amid the ongoing coronavirus COVID-19 pandemic. Countries around the world are taking increased measures to stem the widespread of the SARS-CoV-2 coronavirus which causes the COVID-19 disease.  EPA/ANDERS WIKLUND  SWEDEN OUT

In Schweden blieben die Lokale während der Corona-Krise grösstenteils offen. Bild: EPA

Corona-Lage in Schweden – alles wieder gut?

Schweden hat einen Sonderweg in der Corona-Krise eingeschlagen. Erst kam es zu einem Anstieg der Infektionszahlen, inzwischen flacht die Kurve ab. Wie ist die Situation im Land? ZDF-Korrespondent Hebestreit berichtet über die Lage vor Ort.

Melanie Muschong / t-online.de



Skandinavische Länder wie Norwegen und Dänemark schlossen zu Beginn der Coronavirus-Pandemie Schulen und Geschäfte. In Schweden blieb vieles offen. Weniger Beschränkungen, kein Lockdown. Der schwedische Sonderweg führte zwischenzeitlich zu hohen Infektionszahlen und vergleichsweise vielen Todesfällen pro Einwohner. Laut Johns-Hopkins-Universität gibt es bis heute mehr als 79'000 bestätigte Infektionsfälle, fast 6'000 Menschen sind an den Folgen von Covid-19 gestorben.

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Doch während ganz Europa derzeit über die Gefahr einer zweiten Welle diskutiert, sinken die Zahlen in Schweden plötzlich – die Kurve der positiven Corona-Tests flacht ab. Am Mittwoch wurden 308 neue Fälle gemeldet. Mehr als 500 Fälle registrierte das Land zuletzt am 8. Juli.

Henner Hebestreit ist seit acht Jahren ZDF-Korrespondent für Schleswig-Holstein, Skandinavien und Schweden. Er berichtet bei t-online.de über die aktuelle Lage im Land – und erklärt, warum dort die Infektionszahlen inzwischen wieder zurückgehen.

Er sagt: «Die Lage in Schweden ist ruhig, es gibt keinerlei Unruhe, man trägt allgemein keine Masken. Es gibt keine Maskenpflicht, wie das in Deutschland der Fall ist. Es gibt keine Quarantäne für Reiserückkehrer. Die Infektionszahlen sind stabil und auf niedrigem Niveau.»

Zuvor war die Infektionskurve ab Mitte Juni immer weiter angestiegen und hatte Ende des Monats einen Höhepunkt von 2'500 Infizierten pro Tag erreicht. Hebestreit hat dafür eine mögliche Erklärung: «Vor knapp zwei Monaten an Pfingsten hat man angefangen, in den Apotheken Tests für jedermann auszulegen, die man sich kaufen konnte. Parallel dazu gab es private Gesundheitsdienstleister. Solche haben wir in Deutschland nicht.»

«Ich habe mitbekommen, wie die Leute dort Schlange standen, um sich testen zu lassen. Das kostete jeweils umgerechnet 70 Euro. Das ist nach wie vor eine private Firma und nach wie vor schicken viele Unternehmen ihre Mitarbeiter dort hin, um zu sehen, wie der Infektionsstand ist. Das hat sicher auch dazu beigetragen, dass die Zahlen nach Pfingsten so nach oben gegangen sind. Wenn man viel testet, bekommt man auch mehr Ergebnisse.»

Greift die Herdenimmunität im Land?

Inzwischen ist die Kurve wieder abgeflacht. «Ich gehe davon aus, dass die erste Welle der Testbereiten durch ist. Es ist eine gewisse Sättigung an Testbedarf eingetreten. Entsprechend weniger Leute müssen dann auch die Testmöglichkeiten wahrnehmen. Wenn sich weniger Menschen testen lassen, bekommt man vielleicht weniger Infektionszahlen», so der ZDF-Korrespondent.

Geht es um die Hauptstadt des Landes, kommt immer wieder die Herdenimmunität zur Sprache: Wenn ein grösserer Teil der Bevölkerung schon mit dem Virus infiziert war, wird die Verbreitung somit vermindert und die restliche Bevölkerung ist relativ geschützt. In Stockholm sind rund 23.000 Covid-19-Erkrankungen registriert worden.

«40 Prozent der Stockholmer könnten gegen das neue Coronavirus immun sein», sagte Johan Carlson, der Generaldirektor des schwedischen Gesundheitsamts im Juli. Allerdings besteht die Frage, inwiefern eine Immunität gegen das Coronavirus überhaupt möglich ist.

«Konzept ist interessant»

Auch Henner Hebestreit sagt: «Ich bin kein Mediziner. Allerdings gab es ja in Bayern den ersten deutschen Corona-Patienten. Er hat nach angeblich überstandener Infektion keine Antikörper mehr – das ging jedenfalls durch die Medien. Deswegen ist die Frage, ob das Konzept der Schweden aufgeht.»

Der langjährige Skandinavien-Experte sagt allerdings auch: «Das Konzept ist interessant. Ob das jetzt in irgendeiner Art und Weise die Situation in Schweden, gegenüber uns in Deutschland, in Bezug auf eine zweite Welle verbessert, vermag ich nicht zu sagen.»

Pro Millionen Menschen 40 Prozent mehr Todesfälle als die USA

Anfang Juni sagte Schwedens Chef-Epidemiologe Anders Tegnell dem dortigen Sender Sveriges Radio: «Würden wir auf die gleiche Krankheit treffen, mit dem heutigen Kenntnisstand, denke ich, wir würden irgendwo in der Mitte landen zwischen dem, was Schweden getan hat, und, was der Rest der Welt gemacht hat.»

State Epidemiologist Anders Tegnell of the Public Health Agency of Sweden pauses, during a coronavirus news conference, in Stockholm, Sweden, Thursday, July 23, 2020. (Stina Stjernkvist/TT News Agency via AP)

Anders Tegnell: Der 64-Jährige ist der Chef-Epidemiologe in Schweden. Bild: keystone

«Diese Aussage hat Tegnell Anfang Juni getroffen. Er bezieht sich im Wesentlichen darauf, dass er die schwer betroffenen Risikogruppen hätte besser schützen wollen. Bei den Bereichen Altenpflege, Altenbetreuung und enge Wohnbebauung hätte er rückblickend mehr Schutz angeordnet», berichtet Hebestreit.

Tatsächlich sind in Schweden bereits 5'702 Menschen an dem Coronavirus gestorben. Die Zahl klingt zwar gering, ist jedoch im Vergleich zu anderen Ländern hoch. Schweden hat rund zehn Millionen Einwohner. Pro einer Million Menschen hat das Land 40 Prozent mehr Todesfälle als die USA, zwölfmal mehr als Norwegen, wie die «New York Times» berichtet.

Da haben die Schweden hohen Preis bezahlt

«Es hat sehr viele Opfer im Bereich der Altenbetreuung gegeben und auch im Bereich prekärer Wohnverhältnisse im Umfeld von Einwanderervierteln, in denen anfangs auch sprachliche Hürden ein Problem darstellten. Da haben die Schweden einen sehr hohen Preis bezahlt und das ist auch das, was man Schweden immer wieder vorwirft.»

In den Bereichen der Risikogruppen hat es in Schweden mehr Todesopfer gegeben als in Deutschland. «Das hat aber auch damit zu tun, dass es schwedische Sonderfaktoren in Bezug auf die Altenpflege gibt. Es hat damit zu tun, dass viele prekär beschäftigte Mitarbeiter die Pflege übernehmen. Das heisst, das Personal wechselt ständig, hat unterschiedliche Arbeitgeber. Durch diese Rahmenbedingungen hat man bei einer Verbreitung des Virus viele Multiplikatoren», so der ZDF-Korrespondent.

Zweite Welle oder «nur» steigende Zahlen?

Inzwischen glaubt Henner Hebestreit, dass auch im Bereich der Risikogruppen die Opferzahlen zurückgegangen sind: «Ich gehe davon aus, dass die Schweden das jetzt in den Griff bekommen haben, denn die Infektionszahlen stagnieren ja.»

So wie die Deutschen vermehrt an die Nord- und Ostsee reisen, treibt es auch die Schweden in die eigene Natur außerhalb der Großstädte. Bewohner aus Stockholm reisen beispielsweise nach Åre, um zu wandern. Doch darin sieht Hebestreit eher ein geringes Risiko für neue Anstiegszahlen: «Was die Verteilung im Inland angeht, wäre ich vorsichtig, weil besonders diese speziellen Gruppen betroffen waren, die eher nicht zu den touristisch aktiven Inlandsreisenden zählen. Ob es eine grosse zweite Welle sein wird oder eine Steigerung von Fällen, müssen wir abwarten.»

In Stockholm ist der Tourismus immens zurückgegangen

In Deutschland sind die neu gemeldeten Corona-Fälle zuletzt wieder gestiegen. Das Robert Koch-Institut (RKI) befürchtet eine Trendumkehr in Deutschland. RKI-Präsident Lothar Wieler sagte zuletzt, dass die neuesten Entwicklungen «grosse Sorgen» bereiten würden.

Dies könnte auch Schweden treffen. «Wenn man sich die Entwicklung in Deutschland anschaut und sieht, dass die Fälle durch Reiserückkehrer aus dem Ausland steigen, dann mag das in Schweden sicher auch ein Faktor sein. Mit Blick auf die deutschen Erfahrungen kann es sein, dass auch die Schweden feststellen, dass sie aus dem Ausland etwas mitbringen.»

epa08560423 Two tourists take a selfie outside the Royal palace (R) in central Stockholm, Sweden, 22 July 2020. The usually tourist-packed streets in the old town are almost deserted due to the COVID-19 coronavirus pandemic.  EPA/Ali Lorestani/TT  SWEDEN OUT

Der Tourismus in Stockholm ist stark eingebrochen. Bild: keystone

Zumindest reisen aktuell weniger Touristen nach Stockholm. Karin Mäntymäki von Visit «Stockholm» berichtet t-online.de: «Stockholm hat unter einem Rückgang an Touristen gelitten. Normalerweise kommen zu diesem Zeitpunkt des Jahres mehr internationale Besucher, als dies gerade der Fall ist. Im Juni waren die Hotels nur zu 15 Prozent belegt, normalerweise sind sie zu 75 Prozent belegt.»

Auch Schweden leidet trotz sinkenden Infektionszahlen also weiterhin unter den Folgen der Pandemie.

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