International
Deutschland

Militärexperte Christian Mölling zur Bedrohung Europas durch Russland

Christian Mölling
Der Politikwissenschaftler und Militärexperte Christian Mölling spricht Klartext, was den Schutz Westeuropas vor einem russischen Angriff betrifft.Bild: t-online

Militärexperte zur Bedrohung durch Russland: «Uns läuft die Zeit davon»

Immer mehr Stimmen warnen vor einem russischen Angriff auf die NATO. Der Generalinspekteur der Bundeswehr fordert deshalb mehr Raketenabwehr. Doch das reicht nicht, wie Christian Mölling erklärt.
23.03.2024, 19:22
Simon Cleven / t-online
Mehr «International»
Ein Artikel von
t-online

Die Bundeswehr ist nach jahrelangen Einsparungen in einem schlechten Zustand. Es fehlt an allen Ecken und Enden. Das führte der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine den deutschen Entscheidungsträgern nochmals schmerzhaft vor Augen.

Seit 2022 will man gegensteuern: Im Zuge der von Kanzler Scholz sogenannten «Zeitenwende» verabschiedete der Bundestag ein 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen, der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) will die Bundeswehr wieder «kriegstüchtig» machen.

Mittlerweile ist klar: Einfach wird die Wiederherstellung der deutschen Verteidigungsfähigkeit nicht.

Denn jetzt muss es schnell gehen, wie Bundeswehrgeneralinspekteur Carsten Breuer verdeutlicht: «Wir sehen Russland in einem Zeitfenster von fünf bis acht Jahren befähigt, einen Krieg gegen NATO-Staaten führen zu können», sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe am Freitag.

«In diesem Zeitraum müssen wir eine Raketenabwehr aufbauen. Das ist ohne Alternative», sagte Breuer. Deutschland müsse in die Lage versetzt werden, einen russischen Angriff abzuwehren, das Militär auf den «ungünstigsten Fall vorbereitet sein».

Was sagt der Experte?

Breuers Warnung ist eindringlich – und wirft doch Fragen auf. Angesichts des allgemeinen Zustands der Bundeswehr verwundert es zunächst, dass Deutschlands oberster Soldat seinen Fokus vor allem auf die Raketenabwehr legt. Fehlt es den deutschen Streitkräften tatsächlich nur an dieser Fähigkeit? Sicherheitsexperte Christian Mölling meldet im Gespräch mit T-Online Zweifel an den Aussagen Breuers an.

«Es braucht Verstärkung in allen Bereichen»

Mölling gibt dem Generalinspekteur mit Blick auf dessen Warnung vor einer Bedrohung zunächst recht. «Breuers Szenario ist realistisch bis optimistisch», meint der Experte. Denn längst würden Stimmen etwa aus Litauen davor warnen, dass es schon deutlich früher zu einem russischen Angriff kommen könnte. Zuletzt berichtete der «Business Insider» zudem, dass deutsche Nachrichtendienste davor warnten, dass Putin bereits «ab 2026» den Befehl zum Angriff auf NATO-Gebiet geben könnte.

Zur Person
Christian Mölling leitet das Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP). Sein Schwerpunkt liegt auf der Sicherheits- und Verteidigungspolitik Deutschlands und europäischer Länder, militärischen Fähigkeiten und der Rüstungsindustrie.

Warum Breuer sich angesichts dessen lediglich auf die Raketenabwehr konzentriert, kann sich Mölling nicht erklären. Kriege würden längst in mehreren Domänen geführt – «nicht mehr nur an Land, sondern auch zu Wasser, in der Luft und auch im Cyberspace», sagt der Experte. «Es braucht also Verstärkung in allen Bereichen.»

Ein Taurus-Marschflugkörper vom Typ KEPD-350, ausgestellt von der Taurus Systems GmbH in Schrobenhausen, Bayern.
Ein Taurus-Marschflugkörper: Dieser und andere Marschflugkörper könnten der Bundeswehr weiterhelfen, sagt Experte Christian Mölling.Bild: imago-images.de

Tatsächlich aber habe Deutschland bei der Raketenabwehr prozentual gesehen den grössten Nachholbedarf: «Die NATO geht wohl von einem Defizit von etwa 800 Prozent aus», sagt Mölling. In Europa habe man nach dem Ende des Kalten Krieges in diesem Bereich stark abgerüstet. «Man sah die Notwendigkeit nicht mehr.»

«Das rächt sich jetzt», meint Mölling. Bereits angestossene Initiativen würden in ihrem Umfang längst nicht ausreichen. Schon im Oktober 2022 haben Deutschland und weitere europäische Staaten die «European Sky Shield Initiative» unterzeichnet. Mittlerweile 19 NATO-Staaten wollen sich so gemeinsam gegen Angriffe mit Raketen, Marschflugkörpern oder Drohnen wappnen. Deutschland hat in diesem Rahmen bereits die Beschaffung weiterer Patriot-Flugabwehrsysteme und des israelischen Raketenschutzschirms Arrow 3 beschlossen. Dieser soll laut Verteidigungsministerium erst ab 2030 vollständigen Schutz gewährleisten.

«Für die russische Bedrohung ist das System nicht geeignet»

Dass sich die Bundesregierung für das israelische System entschieden hat, kritisiert Mölling: «Arrow 3 ist ein ‹Nice-to-have›, zur Abwehr einer russischen Bedrohung ist das System aber nicht geeignet.» Denn der Schutzschirm sei für Raketen ausgelegt, über die Russland derzeit gar nicht verfüge. Arrow 3 spielt seine Stärken bei Raketen aus, die in bis zu 100 Kilometern Höhe anfliegen. Die ballistischen Raketen Russlands fliegen jedoch gar nicht so hoch. Die Anschaffung des Systems ist deshalb umstritten.

«Es lohnt sich nicht wirklich, eine Bedrohung mitzudenken, die derzeit gar nicht da ist.»
Christian Mölling

Auch der Verteidigungsexperte Fabian Hoffmann von der Universität Oslo kritisiert die Anschaffung: «Das Geld wäre wohl besser in mehr Patriot-Batterien oder weitere Iris-T-Systeme angelegt», sagte er im Januar im T-Online-Interview. Das ganze Gespräch lesen Sie hier.

Laut Mölling brauchen die Bundeswehr, Deutschland und Europa darüber hinaus aber weitere Fähigkeiten. «Denn um einen Raketenbeschuss zu verhindern, hat man drei Möglichkeiten: Man schiesst die bereits fliegende Rakete ab, man zerstört den Raketenwerfer oder aber man verhindert, dass die Raketen überhaupt gebaut werden», erklärt der Experte.

Für Zweiteres komme die sogenannte weitreichende Raketenartillerie infrage, meint Mölling. Dazu könnte einerseits der Taurus-Marschflugkörper zählen, der aus der Luft abgefeuert wird. Andererseits aber wären auch landgestützte Marschflugkörper eine Option. «Über solche Systeme verfügt die Bundeswehr bisher nicht, die Nationale Sicherheitsstrategie sieht sie aber vor», sagt Mölling. Mehr zur Sicherheitsstrategie der Bundesregierung liest du hier.

«Uns läuft die Zeit davon und es fehlt an Geldern.»

Besonders landgestützte Marschflugkörper könnten Russland vor «erhebliche Probleme» stellen, «da die Abschussanlagen schwer aufzuklären sind», sagt Mölling. Anders als Flugzeuge sind landgestützte Abschussanlagen etwa mit Radartechnik schwerer aufzuspüren.

Doch zwei Probleme bleiben: «Uns läuft die Zeit davon und es fehlt an Geldern», sagt Mölling. Möchte man Systeme wie landgestützte Marschflugkörper beschaffen, müssten diese erst noch entwickelt und dann produziert werden. «Wenn wir wirklich nur fünf bis acht Jahre oder sogar weniger Zeit haben, dann wird es eng», so der Experte.

«Vielleicht noch wichtiger ist es aber, dass Russland die Raketen gar nicht erst produzieren kann», erklärt Mölling. In jeder russischen Rakete steckten noch immer westliche Bauteile, vor allem Mikrochips. Russland sollte wegen der westlichen Sanktionen eigentlich nicht mehr über diese Technik verfügen.

Bisher gelingt es Russland aber, die Strafmassnahmen in weiten Teilen zu umgehen. «Wenn man effektiv verhindert, dass diese Mikrochips nach Russland gelangen, reduziert man die industriellen Fähigkeiten Russlands und damit die Bedrohung für Europa erheblich», sagt Mölling.

Quellen

(t-online/dsc)

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Wie der russische Militärgeheimdienst GRU hackt und tötet
1 / 25
Wie der russische Militärgeheimdienst GRU hackt und tötet
Zum Repertoire des russischen Militärgeheimdienstes GRU gehören gezielte Tötungen, verdeckte Militäreinsätze, Hackerangriffe und die Manipulation von Wahlen. In dieser Bildstrecke lernst du seine Einheiten und Operationen kennen.
quelle: shutterstock
Auf Facebook teilenAuf X teilen
Neues Video zeigt, wie sehr ukrainische Seedrohnen die Russen überfordern
Video: watson
Das könnte dich auch noch interessieren:
51 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
postwardesert
23.03.2024 20:09registriert Juni 2018
Ich denke, die kosteneffizienteste Lösung wäre wohl, der russischen Bedrohung den Kopf abzuschneiden. Die westlichen Länder sollten also besser schnell über eine Kommandoaktion nachdenken.
9914
Melden
Zum Kommentar
avatar
fireboltfrog
23.03.2024 19:49registriert Januar 2018
Pure Arroganz und Naivität des Westens hat zum Krieg in der Ukraine geführt und man lernt immer noch nichts. Auch die Schweiz braucht dringend eine moderne Raketen- und Drohnen-Abwehr. Mehrere Schlüsselpunkte der Grundinfrastruktur von Europa liegen in unserem Land und Russland könnte sie angreifen, ohne den NATO-Bündnisfall auszulösen. Zudem braucht auch die Polizei mehr Mittel, um Sabotage zu bekämpfen.
8833
Melden
Zum Kommentar
avatar
Posersalami
23.03.2024 23:15registriert September 2016
„ In Europa habe man nach dem Ende des Kalten Krieges in diesem Bereich stark abgerüstet. «Man sah die Notwendigkeit nicht mehr.»“

Da sieht man eben, wer in Europa an Frieden interessiert war und ist. Es war und ist nicht Russland..
508
Melden
Zum Kommentar
51
Unglück am Hauptbahnhof Berlin – Frau gestorben, Kind schwer verletzt

Eine Frau ist am Mittwochabend am Berliner Hauptbahnhof von einem ICE erfasst worden und ums Leben gekommen. Ein Kleinkind erlitt sehr schwere Verletzungen, wie Landespolizei und Bundespolizei mitteilten. Der Hintergrund war am Abend noch unklar. Ein grosses Aufgebot an Polizei und Rettungskräften war vor Ort. Teile des Berliner Hauptbahnhofs wurden gesperrt. Es kam zu Verspätungen und teils auch Ausfällen.

Zur Story