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Annalena Baerbock sieht sich mit unangenehmen Enthüllungen konfrontiert.
Annalena Baerbock sieht sich mit unangenehmen Enthüllungen konfrontiert.
Bild: keystone

Baerbock unter Druck: Der Traum von der grünen Kanzlerin verpufft

Die Umfragewerte der deutschen Grünen und ihrer Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock sind nach diversen «Fehltritten» im freien Fall. Selbst von links gibt es Forderungen, sie zu ersetzen.
05.07.2021, 16:0806.07.2021, 19:13

Am letzten Freitag verabschiedete sich Annalena Baerbock mit ihrer Familie in die Sommerferien. Die Kanzlerkandidatin der deutschen Grünen hat sich diese bestimmt anders vorgestellt. Statt in aller Ruhe Energie zu tanken für den harten Bundestagswahlkampf, sieht sie sich mit immer neuen Vorwürfen konfrontiert. Und mit Forderungen nach ihrem Rückzug.

«Es ist vorbei, Baerbock!», musste sie am Sonntag lesen, und das nicht in der FAZ, sondern in der taz. Also nicht in der rechten «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», sondern in der linken «tageszeitung». Baerbock könne «diese Wahlen nicht mehr gewinnen, dafür ist ihre Glaubwürdigkeit zu stark beschädigt», heisst es in dem von einer Frau verfassten Kommentar.

Baerbock möchte die «ewige» Kanzlerin Angela Merkel beerben.
Baerbock möchte die «ewige» Kanzlerin Angela Merkel beerben.
Bild: keystone

Dabei hatte es für die 40-Jährige so gut begonnen. Als die Grünen ihre Co-Präsidentin im April als Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl am 23. September nominierten, war die Zustimmung gross. Eine junge, unverbrauchte Frau als Nachfolgerin der «ewigen» Angela Merkel war für viele eine verlockende Vorstellung. Und die Voraussetzungen waren günstig.

Hohe Sympathiewerte

Erstmals seit der Gründung der Bundesrepublik 1949 tritt die amtierende Bundeskanzlerin oder der Bundeskanzler nicht zur Wiederwahl an. Das Rennen ist also offen. Zeitgleich mit Annalena Baerbocks geräuschloser Nominierung lieferten sich Armin Laschet und Markus Söder zudem einen wüsten Machtkampf um die Kanzlerkandidatur von CDU und CSU.

Das äusserte sich in den Umfragen. Bis Mitte Mai kamen die Grünen auf gegen 30 Prozent, auch ihre Kandidatin erfreute sich hoher Sympathiewerte. Der Traum von einer grünen Bundeskanzlerin war keine Utopie. Heute zeigt sich ein ganz anderes Bild. Die Grünen sind auf rund 20 Prozent abgesackt und liegen wieder klar hinter den Unionsparteien.

Im ARD-Deutschlandtrend wird Annalena Baerbock in der Kanzlerfrage von Armin Laschet und auch von SPD-Kandidat und Finanzminister Olaf Scholz deutlich distanziert. Was kaum nur daran liegt, dass Laschet und der ihm unterlegene bayerische Ministerpräsident Söder sich demonstrativ zusammengerauft haben und gegen aussen als Team auftreten.

Bei der Vorstellung ihres Wahlprogramms traten Armin Laschet (l.) und Markus Söder gemeinsam auf.
Bei der Vorstellung ihres Wahlprogramms traten Armin Laschet (l.) und Markus Söder gemeinsam auf.
Bild: keystone

Das Hauptproblem ist Annalena Baerbock selbst. Seit ihrer Nominierung wurden diverse «Fehltritte» publik, die ihre Glaubwürdigkeit beschädigen, wie die taz moniert. So musste sie ihren Lebenslauf «nachbessern». Ihr Politologie-Studium in Hamburg etwa hatte Baerbock nicht mit dem Bachelor, sondern nur mit einem Vordiplom abgeschlossen.

29 «Plagiatsfragmente»

Ausserdem hatte sie «vergessen», Nebeneinkünfte aus ihrem Amt als Co-Parteichefin der Grünen beim Bundestag zu deklarieren. Zu einem veritablen Problem aber wurden erst die Vorwürfe, Baerbock habe in ihrem im Juni vorgestellten Buch «Jetzt» zahlreiche Passagen aus anderen Quellen übernommen, ohne diese offenzulegen, also ein Plagiat begangen.

Mehrere deutsche Politiker sind in den letzten Jahren über Plagiatsvorwürfe gestolpert, zuletzt SPD-Familienministerin Franziska Giffey. Gegen Baerbock aktiv geworden ist der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber. Er konnte der Grünen-Politikerin bislang 29 «Plagiatsfragmente» nachweisen, wie er auf seinem Blog schreibt.

Bei Joschka Fischer «bedient»

Die Grünen reagierten heftig. Sie warfen Weber «Rufmord» vor und drohten mit einer Klage. Allerdings kann man dem Österreicher kaum politische Motive nachsagen. Sein letztes «Opfer» war eine Politikerin der konservativen ÖVP. Ausserdem hatte er im Streit um das Pestizid Glyphosat ein Gutachten erstellt, das teilweise von den Grünen bezahlt wurde.

Das Buch des Anstosses. Im Hintergrund das Bundeskanzleramt in Berlin.
Das Buch des Anstosses. Im Hintergrund das Bundeskanzleramt in Berlin.
Bild: DPA

Längst sind auch weitere «Plagiatsjäger» aktiv geworden. So wies die «Bild»-Zeitung nach, dass sich Baerbock aus einem NZZ-Interview mit Grünen-Urgestein Joschka Fischer «bedient» hatte. Selbst der ZDF-Journalist und Rechtsexperte Felix W. Zimmermann, der Baerbock anfangs vehement verteidigt hatte, geht nun von Urheberrechtsverletzungen aus.

Was steht in der Masterarbeit?

Die Kanzlerkandidatin selbst musste einräumen, dass sie ihr Buch – ein 240 Seiten langes Wahlprogramm – nicht allein verfasst, sondern einen Mitautor hatte. Es sei «keine Doktorarbeit», erklärte Baerbock in einem am Samstag veröffentlichten Interview. Sie forderte «mehr Fairness» im Wahlkampf, ohne den Plagiatsvorwurf zu widerlegen.

Ausgestanden ist die Affäre jedenfalls nicht. Stefan Weber hat gemäss der NZZ bei der London School of Economics um Einsicht in Baerbocks Masterarbeit gebeten, unter Berufung auf das britische Öffentlichkeitsgesetz. Bislang ohne Erfolg, aber der Gegenwind für die Kandidatin und ihre Partei könnte in den nächsten Wochen noch stärker werden.

«Zu unerfahren und politisch zu unreif»

Die Grünen hätten sich «offensichtlich nicht ausreichend auf einen harten Wahlkampf vorbereitet», meint unser Schwesterportal watson.de. Noch schärfer urteilt die taz-Autorin: «Für Baerbock ist diese Kandidatur zu früh gekommen, sie ist zu jung, zu unerfahren und politisch zu unreif.» Tatsächlich besitzt sie keinerlei Regierungserfahrung.

Bei Baerbocks Nominierung musste Robert Habeck zurückstehen. Kommt er jetzt zum Zug?
Bei Baerbocks Nominierung musste Robert Habeck zurückstehen. Kommt er jetzt zum Zug?
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Dies im Gegensatz zu Co-Präsident Robert Habeck. Der 51-Jährige war Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident in Schleswig-Holstein. Er hat 16 Bücher geschrieben, wohl alle selbst, und beherrscht den öffentlichen Auftritt. Habeck gilt als origineller Kopf und mit seinem Realo-Image bis weit ins bürgerliche Lager als wählbar.

Habeck soll übernehmen

Bei der Kandidatenkür im April musste er wegen des feministischen Anspruchs der Grünen zurückstehen. Habeck war sichtlich enttäuscht, doch er gab sich loyal und verteidigte Baerbock nach den ersten peinlichen Enthüllungen. Zu den Plagiatsvorwürfen aber blieb er auffällig ruhig. Nun fordert selbst die taz, dass Habeck die glücklose Baerbock ablöst.

Ein solcher «Pferdewechsel» zweieinhalb Monate vor der Wahl wäre für die Grünen riskant und eine Niederlage. Das Scheitern Baerbocks sei aus feministischer Sicht «bedauerlich», räumt die taz-Autorin ein. Wenn ihr aber etwas am Klima und der Zukunft der kommenden Generationen liege, sollte sie «ihre Kandidatur so schnell wie möglich an Habeck abgeben».

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Die Überlegung dahinter ist einfach: Einen wirksamen Klimaschutz gibt es nur, wenn die Grünen mindestens als starker Juniorpartner in die nächste Bundesregierung eintreten können. Nun aber drohten sie wieder dort zu landen, wo sie schon 2017 waren, fürchtet das «Hausblatt» vieler Linker und Grüner in Deutschland: bei knapp neun Prozent.

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