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Haft oder Asphaltabenteuer – «Drachenlord» steht vor Gericht

Haft oder Asphaltabenteuer – «Drachenlord» steht vor Gericht

Er lebt vom Hass seiner Gegner, und die haben vielleicht zu früh geglaubt, sie hätten ihn besiegt. Youtuber «Drachenlord», Zielscheibe zahlloser Attacken, steht wieder vor Gericht – und es könnte eine Wende geben.
23.03.2022, 08:5823.03.2022, 13:08
Lars Wienand / t-online

Die Stimme des Kommunalpolitikers aus der fränkischen Provinz zitterte: «Wenn der noch einmal Bewährung bekommt, dann zerreissen uns die Leute hier. Das geht nicht.» Der Politiker kämpfte am 8. Februar mit den Tränen – weil er Angst hatte, dass der bekannteste Einwohner des 40-Einwohner-Örtchens vielleicht doch nicht hinter Gitter muss.

Das entscheidet sich voraussichtlich am Mittwoch. «Drachenlord» Rainer Winkler ist im Oktober zu zwei Jahren Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Nun steht das Urteil auf dem Prüfstand. Auf ihn könnte eine Zelle in der JVA warten oder das Leben eines Vagabunden.

21.10.2021, Bayern, N
Drachenlord: Rainer Winkler.Bild: keystone

«Drachenlord» in Nürnberg: Hass ist Geschäftsmodell

Der aufgelöste Kommunalpolitiker hatte sich in den Sprachchat einer Gruppe gewagt, die viele Menschen noch ratloser macht als der «Drachenlord» selbst: Er war auf Telegram unter «Haidern». So nennen sich die überwiegend männlichen Angehörigen einer Szene, die die grosse Abneigung gegen Rainer Winkler verbindet. Ihre Sorge ist, dass sich Rainer Winkler nach dem Urteil als «unbesiegt» inszenieren könnte. Manche Haider sagen, Gefängnis wäre für ihn das beste, um sein Leben in den Griff zu bekommen.

«Haider» hat Winkler seine «Hater» selbst mit seinem fränkischen Dialekt genannt. Vor acht Jahren hatte der «Drachenlord» grossspurig erklärt, Kritiker könnten ja zu ihm kommen: Altschauerberg 8. Da war er noch ein kleiner Youtuber und es war noch nicht sein Markenzeichen, dass er das Mobbingopfer und sehr von sich überzeugt ist. Winkler ist – auch finanziell – erfolgreich auf YouTube, weil er gehasst wird, weil er das ausbreitet und auch zu befeuern scheint, wenn es ruhiger wird. Der Hass gegen ihn ist sein Geschäftsmodell, und er steht das seit Jahren durch.

139 Ermittlungsverfahren gegen Winkler

Als Winkler vor acht Jahren gehöhnt hatte, «Haider» sollten doch zu ihm kommen, waren sie gekommen – und provozierten ihn. Altschauerberg wurde mit den Jahren Schauplatz eines absurden und ungleichen Machtkampfs, mit viel Geschrei, Straftaten auf beiden Seiten und entnervten Nachbarn.

139 Ermittlungsverfahren gab es in den vergangenen Jahren gegen Winkler, erklärt ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Nürnberg auf Anfrage. 152 Ermittlungsverfahren verteilen sich auf viele Anti-Fans.

Die meisten Anzeigen gegen Winkler stellten sich schnell als heisse Luft heraus. Mancher Vorfall wurde allerdings auch gar nicht angezeigt, weil die vermeintlichen Opfer vorher selbst Täter und auf sein Grundstück gelaufen waren, ihn bis auf das Blut gereizt hatten.

Doch ein Schlag von Winkler mit einer Stabtaschenlampe auf die Stirn eines Mannes und ein anderer Mann in seinem Schwitzkasten sowie diverse Beleidigungen von Polizisten kamen zur Anklage und brachten Winkler im Oktober 2021 die Strafe ohne Bewährung ein. Am Tag danach machte er sich im Stream über die «Witzfiguren» lustig. Vorher hatte er einmal eine Bewährungsstrafe für den Einsatz von Pfefferspray erhalten.

Anwesen ist abgerissen

Die Polizei hatte in der zurückliegenden Zeit gut 15 Mal täglich anrücken müssen wegen Besuchern, die manchmal auch nur die «Drachenschanze» sehen wollten und beim Eintreffen längst weg waren. Es ist kein Wunder, dass der Kommunalpolitiker, selbst kein Ratsmitglied, schockiert war von der Aussicht, es könnte so weitergehen, wenn in der Berufung doch Bewährung ausgesprochen wird.

Doch genau das kann passieren und die Aktiven in den Niederungen fränkischer Kommunalverwaltung müssen wohl trotzdem nicht mehr insgeheim finstere Gedanken hegen wie der junge Parteifunktionär im Sprachchat. «Ich habe insgeheim schon überlegt, das Haus einfach abzufackeln», sagte er in dem Chat. Danach wollte er nicht mehr darüber reden. Das Anwesen ist aber jetzt abgerissen.

Am letzten Abend vor seinem Auszug ist Winkler noch einmal filmend durchgegangen. Die Aufnahme hatte er sogar erst später veröffentlicht, er war da schon weg. Jetzt steht die fragwürdige Attraktion mit Flecken von Farbpatronen und mit kaputten Fenstern nicht mehr, nachdem die Gemeinde das Anwesen von Winkler gekauft hat und er ausgezogen ist.

«Drachenlord» sei unverbesserlich

Das könnte Winkler dabei helfen, jetzt doch nicht ins Gefängnis zu müssen. Er hatte den Verkauf in der vorigen Gerichtsverhandlung angekündigt, gesagt, er werde den Ort verlassen. Aber es war für das Gericht nicht überprüfbar, nichts, was das Gericht zu seinen Gunsten würdigen konnte.

Vom Erlös des Hausverkaufs hat er sich einen mächtigen SUV gekauft: Sein Ford ist seither in vielen Teilen Deutschlands gesichtet worden – und vor seinem Auszug noch auf einer durchweichten Wiese bei Altschauerberg gefahren.

«Haider» hatten dort einen Verteilerkasten zerstört und damit wegen Winkler das Internet gekappt, aber nicht nur ihm. Am zerstörten Kasten traf der «Drache» junge Leute an, liess sich durch einen Eierwurf auf sein Auto weiter provozieren und fuhr ihnen auf die Wiese nach. Erst fuhr er sich fest, dann auf einige seiner Peiniger zu, die zur Seite liefen.

Sie sprachen von «Mordversuch» und sahen darin einen weiteren vermeintlichen Beleg, dass Winkler unverbesserlich ist. In einer anderen Szene verfehlte er mit einem Wurf mit einem Konservenglas einen von seinem Haus weggehenden Haider.

Wie sehen seine Perspektiven in der Zukunft aus?

Es gibt seit der Verurteilung am Amtsgericht im Oktober mindestens ein Verfahren, das vorläufig eingestellt worden ist, weil die mögliche Strafe nicht ins Gewicht falle angesichts der zu erwartenden Strafe im laufenden Prozess. Solche Verfahren können wieder aufgenommen werden, wenn im Urteil doch eine mildere Strafe herauskommt.

Mit dem Kauf des geräumigen Wagens hatte Winkler eine weitere Ankündigung wahr machen wollen: Nach dem Verkauf des Hauses reisen zu wollen, keinen festen Wohnsitz zu haben, um weniger Angriffsfläche zu bieten. Das Gericht hat nur seine alte Adresse, eine der ersten Fragen im Prozess gilt seiner ladungsfähigen Anschrift. In den vergangenen Tagen stand sein Wagen gegenüber der Polizeistation in Neustadt an der Aisch, sein Aufenthaltsort war unklar.

Aber welche Zukunftsperspektive hat es, mit dem auffälligen Auto auf der ständigen Flucht vor den Anti-Fans zu sein und in Videos weiter selbst Hinweise zu liefern, wo er unterwegs ist? Winkler will sich treu bleiben, weiter der Youtube-Star sein, der es auch ohne Hauptschulabschluss zu etwas gebracht hat, «mehr als ihr je erreichen werdet», sagt er manchmal an die Adresse der Haider.

Hausverkauf und Vagabundenleben

Friedrich Weitner, Pressesprecher des Oberlandesgerichts Nürnberg, hält es für «völlig offen, ob es bei einer erneuten Verurteilung zu einer Haftstrafe ohne Bewährung kommt». Entscheidende Frage könnte sein, «wie massgeblich sich Dinge im Gegensatz zur ersten Verhandlung verändert haben», sagte er zu t-online.

Hausverkauf und Vagabundenleben könnten Grund sein, eine andere Prognose für seine Zukunft und künftige Straffälligkeit zu stellen. Wenn nicht mehr Menschen aus der halben Republik anreisen können zum Tor mit Nato-Draht, an dem täglich gebrüllt wurde, läuft Winkler weniger Gefahr, irgendwann entnervt handgreiflich zu werden gegen aus der anonymen bedrohlichen Masse im Netz auftauchende Gesichter.

Strafe mit Bewährung möglich

Es könnte aber auch andere Gründe geben, die Winkler weiter Freiheit sichern. Das Gericht bestätigt, was Winkler erzählt hat: Auf Anregung seines Verteidigers ist der 32-Jährige psychiatrisch begutachtet worden. «Wenn das Gutachten zum Schluss kommt, dass eine verminderte Schuldfähigkeit vorliegt, könnte das zu niedrigeren Einzelstrafen und damit zu einer niedrigen Gesamtstrafe führen, die zur Bewährung ausgesetzt werden könnte, aber nicht muss», erklärt Weitner.

Die Laienschöffen bei der Verhandlung könnten auch mit einem anderen Gerechtigkeitsempfinden einen härteren Kurs des Vorsitzenden Richter überstimmen, wenn sie in Winkler mehr das Opfer als den Täter sehen. Der Würzburger Anwalt Chan-Jo Jun sieht einen weiteren Aspekt, der für die Frage der Bewährung eine wichtige Rolle spielen könnte.

Man könne zum Schluss kommen, Winkler habe die Körperverletzungen in Notwehr begangen, weil er kein anderes geeignetes Mittel gehabt habe. Diese Bewertung könnte auch zu einer deutlich milderen Strafe führen – mit Bewährung.

Auch ein Freispruch ist möglich

Als er das in einem Video vortrug, bekam er sofort die Macht der «Haider» zu spüren: Manche gehen blindlings und gnadenlos gegen jeden vor, der auch nur den Eindruck erweckt, öffentlich Partei zu ergreifen. Das ärgert auch in der völlig heterogenen Szene viele und macht dort einigen Angst: Einige «Haider» sind ständig kampfbereit und auf der Suche nach Zielen für ihre Lektionen.

Journalisten und Anwälte haben Shitstorms abbekommen, massenhaft schlechte Bewertungen, unverlangte Lieferungen, Besuch an der Haustür. Jun zog zunächst sein Video zurück und wagte sich auch in den Chat. Da waren dann «Haider», die an sachlichen Darstellungen und anderer Sicht interessiert waren. Und der Kommunalpolitiker, der es mit der Angst bekam, weil ein Freispruch möglich ist.

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131 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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RichiZueri
23.03.2022 09:29registriert September 2019
Komischer Kautz. Aber noch komischer finde ich diese "Haider". Wegen irgend eines Typen durch ein halbes Land zu fahren, ist doch auch bereits weit über die Grenze hinausgeschossen.
Am besten würde man ihn von heute auf Morgen komplett ignorieren. Die Hexenjagt, welche scheinbar für beide Seiten unterhaltsam scheint, führt doch bloss irgendwann zur Eskalation.
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Scrat
23.03.2022 09:45registriert Januar 2016
Wenn Winkler tatsächlich in den Knast muss, dann müssten auch sämtliche Haider mit verurteilt werden - denn sie sind die treibenden Kräfte und Anstachler, die mit sehr viel Energie und Boshaftigkeit Mobbing erster Güte betreiben. Mag sein, dass dieser Winkler ziemlich verpeilt ist - er braucht aber keinen Knast, sondern in erster Linie Hilfe und Schutz vor diesem Mob.
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Hippopotamus
23.03.2022 09:22registriert Februar 2022
Ich versteh nur Bahnhof. Wie genau nahm die Geschichte ihren Lauf und wieso ist der Typ so verhasst?
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