DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Annalena Baerbock entzündet in Butscha eine Kerze für die Opfer russischer Kriegsverbrechen.
Annalena Baerbock entzündet in Butscha eine Kerze für die Opfer russischer Kriegsverbrechen.Bild: keystone

Annalena Superstar auf Repara-Tour für das deutsche Image

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Ukraine war nach Kriegsausbruch auf dem Tiefpunkt. Jetzt hat Aussenministerin Annalena Baerbock mit ihrem Besuch ein wichtiges Zeichen gesetzt.
11.05.2022, 17:1912.05.2022, 15:39

Gesten haben in der Politik oft eine grosse symbolische Wirkung. Beim Besuch der deutschen Aussenministerin Annalena Baerbock in der Ukraine am Dienstag gab es davon reichlich. In der Kirche des Heiligen Andreas in Butscha zündete sie eine Kerze an. Dort waren Opfer russischer Gräueltaten in einem Massengrab verscharrt worden.

Danach fuhr Baerbock in den weitgehend zerstörten Kiewer Vorort Irpin, wo sie trotz Sicherheitsbedenken ein zerbombtes Haus betrat. «Sie sind eine sehr tapfere Politikerin», sagte Bürgermeister Olexander Markuschyn. «Und sie sind ein sehr tapferes Land», erwiderte Baerbock, die von Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa begleitet wurde.

Baerbock und Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa (l.) in Butscha.
Baerbock und Generalstaatsanwältin Iryna Wenediktowa (l.) in Butscha.Bild: keystone

Das damit verbundene Signal war eindeutig: Die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine sollen nicht ungesühnt bleiben. «Das sind wir den Opfern schuldig», sagte die Aussenministerin. Später in Kiew hisste sie eigenhändig die schwarz-rot-goldene Flagge vor der deutschen Botschaft, die mit einer Minimalbesetzung wieder eröffnet wurde.

Zerrüttetes Verhältnis

Weiter traf sie sich mit Amtskollege Dmytro Kuleba und Präsident Wolodymyr Selenskyj. Sie kündigte an, dass man in wenigen Tagen mit der Ausbildung ukrainischer Soldaten an der modernen Panzerhaubitze 2000 beginnen werde. Und schliesslich besuchte Baerbock die Gedenkstätte in Babyn Jar, wo die Nazis 1941 mehr als 30’000 Juden ermordet hatten.

Es war eine Reise voller Symbolik, die von den Ukrainern wohlwollend zur Kenntnis genommen wurde. «Streit zwischen Kiew und Berlin – war da was?», fragte der «Spiegel».

Das Verhältnis zwischen den beiden Ländern war nach dem russischen Überfall ziemlich zerrüttet. Bei den Sanktionen gegen Moskau trat die deutsche Regierung auf die Bremse. Zu stark hatte sich Europas führende Wirtschaftsmacht von russischer Kohle, Öl und Gas abhängig gemacht. Auch von der Lieferung schwerer Waffen wollte Deutschland nichts wissen.

«Beleidigte Leberwurst»

Der Tiefpunkt wurde Mitte April erreicht, als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier von einem geplanten Besuch in Kiew ausgeladen wurde. Er hatte sich in der Vergangenheit als Russland-Freund profiliert. Als Bundeskanzler Olaf Scholz deshalb nicht nach Kiew reisen wollte, bezeichnete ihn der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk als «beleidigte Leberwurst».

Botschafter Andrij Melnyk spricht gerne Klartext.
Botschafter Andrij Melnyk spricht gerne Klartext.Bild: keystone

Melnyk ist ein höchst undiplomatischer Diplomat, was der Beziehung nicht genützt hat. Seither aber kam es zu einer spürbaren Entspannung. Die Ampel-Regierung liefert nun doch schwere Waffen, und sie arbeitet mit Hochdruck daran, sich von der russischen Energie abzuwenden, «und zwar für immer», wie Annalena Baerbock am Dienstag betonte.

Die Wogen glätten sich

Auch auf der persönlichen Ebene haben sich die Wogen geglättet. Es kam zu einer telefonischen Aussprache zwischen Selenskyj und Steinmeier. Einem Besuch des Bundespräsidenten dürfte nichts mehr im Wege stehen. Nach Kiew gereist sind letzte Woche bereits CDU-Chef Friedrich Merz sowie Bundestagspräsidentin Bärbel Bas (SPD).

Nun folgte mit Aussenministerin Annalena Baerbock erstmals ein Regierungsmitglied. Ihre starken Gesten und mutigen Auftritte waren auch Ausdruck einer bemerkenswerten Entwicklung. Noch im letztjährigen Bundestagswahlkampf hatte sie als Kanzlerkandidatin der Grünen überfordert gewirkt und Zweifel an ihrer Eignung für höhere Aufgaben geweckt.

Die grüne Lernkurve

Als Aussenministerin in der Ampel-Regierung mit SPD und FDP aber hat die 41-Jährige rasch Tritt gefasst. Eine Duftmarke setzte sie beim Treffen mit dem russischen Amtskollegen Sergej Lawrow in Moskau. Baerbock gelang es, dem unzimperlichen und hartgesottenen Politprofi Paroli zu bieten. Den Krieg verhindern aber konnte sie nicht.

Bundestagspräsidentin Bärbel Bas war am letzten Sonntag unter anderem in Irpin.
Bundestagspräsidentin Bärbel Bas war am letzten Sonntag unter anderem in Irpin.Bild: keystone

Seit in der Ukraine gebombt und geschossen wird, haben Baerbock und ihre Partei eine steile Lernkurve absolviert. Die Grünen haben ihre Wurzeln unter anderem in der Friedensbewegung der 1980er Jahren. Diesen Hardcore-Pazifismus bekam etwa der frühere Aussenminister Joschka Fischer noch auf recht handgreifliche Weise zu spüren.

Aufstieg im Politbarometer

Ähnliches muss Annalena Baerbock nicht befürchten, im Gegenteil. Keine deutsche Partei positioniert sich so deutlich gegen den russischen Aggressor wie die Grünen. Der frühere Fraktionschef Anton Hofreiter profiliert sich in Sachen Waffenlieferungen als veritabler Superfalke. Dabei wird der Biologe aus München zum linken Parteiflügel gezählt.

Für Annalena Baerbock zahlt sich das persönlich aus. In der jüngsten Ausgabe des ZDF-Politbarometers hat die Aussenministerin den als zögerlich und führungsschwach empfundenen SPD-Kanzler Olaf Scholz auf der Beliebtheitsliste überholt. Sie liegt nun auf Platz 2. Die klare Nummer 1 ist Parteikollege und Wirtschaftsminister Robert Habeck.

Er bemüht sich, die deutsche Wirtschaft im Rekordtempo von der Abhängigkeit von russischem Öl und Gas zu lösen und gleichzeitig eine Rezession zu verhindern. Was vom Wahlvolk offensichtlich honoriert wird. Das könnte für die Kanzlerfrage bei den Grünen eine Rolle spielen, auch wenn die nächste Bundestagswahl noch mehr als drei Jahre entfernt ist.

Vorerst kann «Annalena Superstar» ihre Rolle als «Eisbrecherin» im Verhältnis zur Ukraine auskosten. Für deutsche Medien ist klar: Mit ihrer Reise spielte sie auch die Vorhut für Bundeskanzler Scholz. Seine Ankunft in Kiew ist nur noch eine Frage der Zeit.

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Russische Operationen in Deutschland

1 / 5
Russische Operationen in Deutschland
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Subtile Spitzen von Scholz gegen Putin

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

97 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Menel
11.05.2022 17:43registriert Februar 2015
"Noch im letztjährigen Bundestagswahlkampf hatte sie als Kanzlerkandidatin der Grünen überfordert gewirkt und Zweifel an ihrer Eignung für höhere Aufgaben geweckt."

War das wirklich so oder wurde es so oft wiederholt, bis es die meisten glaubten?
18453
Melden
Zum Kommentar
avatar
Einer mit interkantonalem Migrationshintergrund
11.05.2022 20:32registriert April 2021
Baerbock wurde von der CDU/CSU vor allem massiv durch ihre mächtige, propagandistische Schmutzmühle hindurchgezerrt und nutzten ihre enorm starken Einfluss bei den Medien voll aus. Selbst heute kommentieren vornehmlich CDU/CSU-Leute in diversen deutschen Nachrichtenportalen die diversen politischen Themen.

Als dann beim CDU-Kandidaten Laschet auch Plagiate auftauchten, war da aber ganz viel Stille darum. Keine Skandalrufe und dergleichen wie bei Baerbock, nichts.
6721
Melden
Zum Kommentar
avatar
Päule Freundt
11.05.2022 20:24registriert März 2022
Frau Baerbock macht einen guten Job als Außenministerin, denn die Stimmung zwischen der deutschen Regierung und der ukrainischen Regierung war wirklich zu einem äusserst ungünstigen Zeitpunkt verstimmt. Und nun scheinen die Wogen geglättet.

Frau Baerbock überrascht und zeigt, dass man in einem Amt wachsen kann. Genau diese Fähigkeit würde ich mir von der einen oder anderen Person in unserem Bundesrat erhoffen.
4817
Melden
Zum Kommentar
97
Rund 50 Tote bei Angriff im Osten von Burkina Faso

Im westafrikanischen Sahelstaat Burkina Faso sind am Donnerstag bei einem Angriff im Osten des Landes rund 50 Zivilisten getötet worden. Laut einem Armeesprecher stammten die Opfer aus der Madjoari-Region. Sie seien auf dem Weg zu dem Ort Nadiagou gewesen, als die Bewaffneten an einer Brücke das Feuer auf sie eröffnet hätten. Die Armee sei dabei, die Gegend zu sichern. Die Armee machte zunächst keine näheren Angaben zu den Tätern. Erst vor wenigen Tagen waren bei einem ähnlichen Angriff im Osten von Burkina Faso elf Soldaten getötet worden.

Zur Story