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Härter als gedacht: Merkel und Schulz kreuzten in der TV-Debatte die Klingen. 
Härter als gedacht: Merkel und Schulz kreuzten in der TV-Debatte die Klingen. 
Bild: DPA

Da verdreht «Mutti» die Augen! Wie Schulz gegen Merkel stichelt – das TV-Duell in 5 Akten

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihr Herausforderer Martin Schulz (SPD) schenken sich im einzigen TV-Duell fast nichts. Er versetzt ihr so manchen Hieb, sie führt am Ende Regie.
04.09.2017, 02:5304.09.2017, 15:42

Achtung, fertig, los! Viel zu verlieren hat SPD-Kandidat Martin Schulz nicht mehr, seine Umfragewerte liegen im Keller. Dementsprechend hat er im  TV-Duell mächtig Gas gegeben. Und doch immer wieder Beisshemmung gezeigt. 

Tief Luft holen! 

Angespannt wirken zuerst beide. Jedenfalls am Anfang. Angela Merkel atmet tief durch, sie bemüht sich zu lächeln, presst aber die Lippen aufeinander. Martin Schulz nimmt schon einmal sein Schlusswort vorweg. Dann aber erlebt ein Millionenpublikum am Sonntagabend, wie der SPD-Herausforderer sich in diesem einzigen TV-Duell vor der Bundestagswahl immer mehr in Fahrt redet und der Kanzlerin hier und da einen Stich versetzt.

Merkel bleibt Merkel. Sie argumentiert detailgenau und wehrt sich gegen zugespitzte Positionen, «nur weil wir im Wahlkampf meinen, uns übertreffen zu müssen».

Schläfert sie die Nation ein, ist sie die «All-inclusive-Kanzlerin» der Beliebigkeit, halten ihr die Moderatoren vor? Jeder Mensch verändere sich mit Herausforderungen, kontert die CDU-Chefin. 

Der Überraschungsmoment

Schulz fordert kämpferisch «klare Kante» und bezieht sie auch. Nach gut 30 Minuten gibt es den ersten grossen Überraschungsmoment des Abends:

«Wenn ich Kanzler bin, werde ich die Beitrittsverhandlungen mit der EU abbrechen»
Martin Schulz

Schulz will den sofortigen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen, weil das die einzige Sprache sei, die der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verstehe. Merkel, die noch nie für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union war, mahnt zur Besonnenheit. Das könne nicht Deutschland allein, sondern müsse die gesamte EU entscheiden. 

Zwischendurch verspottet Schulz Merkels Zusicherung, es werde keine Rente mit 70 geben. «Frau Merkel à la bonheur! Ganz toll!», ruft er und hält der CDU-Chefin indirekt vor, zu lügen. Sie habe vor vier Jahren ja auch die Maut verneint und dann sei diese doch beschlossen worden.

Da verdreht Merkel fast die Augen, denn sie habe damals nur gesagt, dass es keine Pkw-Maut geben werde, die die deutschen Autofahrer belastet.

Schulz auf Abwegen

Einmal verliert Schulz ziemlich den Faden. Gehört der Islam zu Deutschland? Er sucht nach Worten. Um sich zu retten, sagt er ein Zitat auf, das er sich eigentlich für seine Schlussansprache aufheben wollte, wie er hervorpresst. «Jenseits von richtig oder falsch, gibt es einen Ort, an dem treffen wir uns», zitiert Schulz einen schiitischen Philosophen. Man dürfe nicht eine ganze Religion verhaften für die terroristischen Taten einer kleinen Minderheit.

«Jenseits von richtig oder falsch, gibt es einen Ort, an dem treffen wir uns.»
Martin Schulz

Dann sagt Schulz, dass er sich diesen Satz eigentlich für den Schluss aufgespart hat. Verwirrung pur. 

Blitzumfragen sehen Merkel knapp vorne
Drei Wochen vor der Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel  Umfragen zufolge das TV-Duell gegen ihren Herausforderer Martin Schulz gewonnen. Blitzumfragen von ARD und ZDF sahen die CDU-Chefin am Sonntagabend vorne.

Allerdings waren die Zahlen der Umfrageinstitute sehr unterschiedlich. Nach ARD-Angaben lag Merkel mit 55 zu 35 Prozent klar vorne. Im ZDF war es viel knapper: Hier kam die Kanzlerin auf 32 Prozent Zustimmung, Schulz auf 29 Prozent. 39 Prozent der Befragten waren unentschieden. Laut ARD war Merkel in ihren drei TV-Duellen als Kanzlerin noch nie so klar vorn. (sda)

Merkel übernimmt Regie

Für die berühmten letzten Worte an die Zuschauer hat er eine Minute. In 60 Sekunden verdiene eine Krankenschwester weniger als 40 Cent, ein Manager aber 30 Euro. Schulz versucht bei seinem Kernthema der sozialen Gerechtigkeit zu punkten. Viel sei in Bewegung. Deutschland brauche den Mut zum Aufbruch. Man müsse Zukunft gestalten und nicht Vergangenheit verwalten, ein Hieb gegen die Dauerkanzlerin. «Ich bitte Sie um Vertrauen», sagt Schulz, da sind 60 Sekunden schon rum.

Merkel sprach vor vier Jahren mit treuem Augenaufschlag ihren inzwischen legendären Satz «Sie kennen mich» in die Kamera. Diesmal sagt sie, dass sie für und mit den Bürgern gemeinsam arbeiten will.

Dann kommt ihr seit der Flüchtlingskrise berühmt-berüchtigter «Wir-schaffen-das-Satz»: «Ich glaube, dass wir das gemeinsam schaffen können.» Und dann: «Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.» Damit übernimmt sie ganz zum Schluss die Regie und beendet noch vor den Moderatoren das Duell.

Und da war noch das ...

Die bizarre Kirchen-Frage

Waren sie heute in der Kirche? So ziemlich unerwartet stellt die Moderatorin diese unerwartete belanglose Frage. Mit einem gekünstelten Lächeln auf den Lippen sagt die protestantische Pfarrerstochter und CDU-Vorsitzende Merkel: «Ich war heute nicht in der Kirche.»

«Ich war heute nicht in der Kirche.»
Angela Merkel

Er habe heute einen Friedhof und eine kleine Kapelle besucht, wo ein Freund begraben sei, erklärte der katholische SPD-Kanzlerkandidat. Merkel fügte rasch rasch hinzu, am Samstag, am Todestag des Vaters, habe sie eine von ihm geliebte kleine Kirche besucht und an ihn gedacht. 

(amü/sda/dpa)

Das erste Treffen von Merkel und Macron

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