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Cyberwar

Anders als Atomwaffen sind Cyberwaffen verhältnismässig billig. Und die Händler von Zero-days gehören nicht immer zu den Menschen, die Ethik über Gewinn stellen. bild: Nahel abdul hadi/unsplash

Analyse

USA vs. China – statt Atomkrieg kommt's (vielleicht) zum Cyberwar

Das Verhältnis der beiden Supermächte wird immer ruppiger. Sollte es gar zu einem Krieg kommen, wird er wahrscheinlich im Cyberspace ausgetragen werden.



Kevin Rudd ist ein ehemaliger Premierminister von Australien und er gilt als profunder Kenner der Geopolitik Asiens. Kürzlich warnte er im Magazin «Foreign Affairs»:

«Wir haben ein Jahrzehnt vor uns, in dem wir gefährlich leben werden. Unabhängig davon, welche Strategien die beiden Seiten verfolgen, werden die Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China zunehmen, und die Rivalität zwischen den beiden wird sich verstärken; das ist unausweichlich.»

Das Treffen der beiden Aussenminister in Alaska von letzter Woche bestätigt Rudds Aussage. Es war geprägt von einer erstaunlichen Gehässigkeit. Verschiedene Kommentatoren haben es gar mit dem Auftritt von Nikita Chruschtschow zu Beginn der 60er-Jahre verglichen. Der ehemalige Machthaber der Sowjetunion drohte damals dem jungen US-Präsidenten John F. Kennedy mit Vergeltung. Zuvor schon hatte er seine Drohungen damit untermauert, dass er mit einem Schuh auf das Rednerpult im Plenarsaal der Uno eingedroschen hatte.

Chruschtschow fühlte sich sicher, weil die UdSSR zu diesem Zeitpunkt ebenfalls eine Atommacht geworden war. Ein allfälliger Krieg mit Nuklearwaffen war denn auch der Albtraum des Kalten Krieges. Das forsche Auftreten des chinesischen Aussenministers in Anchorage hingegen hat einen anderen Hintergrund. China ist zwar mittlerweile ebenfalls eine Atommacht, doch weit wichtiger ist die Tatsache, dass es eine führende Cybermacht geworden ist.

Die Amerikaner versuchten denn auch, die Chinesen davon zu überzeugen, dass die Regierung Biden alles unternehmen werde, um auf dem Gebiet von Computer-Technologie und künstlicher Intelligenz führend zu bleiben. Die Chinesen ihrerseits setzen alles daran, zur Cyber-Supermacht zu werden. Sie haben dabei einen Verbündeten: Russland.

FILE - This June 6, 2013 file photo shows the National Security Administration (NSA) campus in Fort Meade, Md., where the US Cyber Command is located.  U.S. officials tell The Associated Press that the military has launched a newly aggressive campaign of cyberattacks against Islamic State militants. It’s a targeted effort to erode the group’s abilities to use social media and the Internet to recruit fighters and inspire followers. Defense Secretary Ash Carter met with commanders at Fort Meade, Maryland, last month, prodding them to ramp up the anti-Islamic State fight on the cyber front.  (AP Photo/Patrick Semansky, File (AP Photo/Patrick Semansky, File)

Das Hauptquartier des US-Geheimdienstes NSA in Fort Meade. Bild: AP/AP

Chinesen und Russen gelingt es immer wieder, in die Weichteile der amerikanischen IT-Infrastruktur einzudringen. So haben es die Russen kürzlich geschafft, über die Software eines Unternehmens namens SolarWinds in rund 18’000 private und staatliche Netzwerke einzudringen. Die Chinesen ihrerseits haben soeben Exchange Server von Microsoft geknackt.

David Sanger, Tech-Spezialist bei der «New York Times», schreibt deshalb besorgt:

«Es stellt sich die Frage, ob die beiden Länder einfach Geheimnisse stehlen wollten, oder ob sie eine andere Agenda verfolgen: die amerikanische Regierung daran zu erinnern, dass sie jederzeit in der Lage sind, diese Systeme zum Absturz zu bringen und damit das gesamte Land lahmzulegen.»

Sangers Kollegin bei der «New York Times», Nicole Perlroth, hat derweil kürzlich ein Buch über einen drohenden Cyberwar veröffentlicht. Es trägt den Titel «This Is How They Tell Me the World Ends», ist äusserst informativ und liest sich wie ein Thriller von John Le Carré.

Wer den Cyberwar begreifen will, muss den Begriff «Zero-day» kennen. Darunter versteht man einen kleinen Fehler in der Software, der es Hackern erlaubt, in das System einzudringen, es entweder zu zerstören oder es für andere Zwecke zu missbrauchen.

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Anfällig für Fehler: Software. bild: Markus Spirke/upsplash

Zero-days zu finden war lange ein relativ harmloser Sport für Hobby-Hacker, welche die IT-Giganten auf Mängel hinwiesen. So lange ist es nicht her, da erhielten die Hacker etwa von Google als Gegenleistung ein T-Shirt geschenkt. Inzwischen werden für ausgesuchte Zero-days, etwa für solche, mit denen man das iPhone knacken kann, siebenstellige Summen hingeblättert. Der Markt für Zero-days bewegt sich im zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich.

An diesem äusserst verschwiegenen Markt nehmen Profi-Hacker rund um den Globus teil. Kunden sind vorab Geheimdienste, der grösste dürfte dabei der für das Abhören zuständige amerikanische Geheimdienst NSA sein. Doch mittlerweile mischen alle mit. «Es dürfte äusserst schwierig sein, ein Land zu finden – mit Ausnahme von Antarktika –, das nicht im Zero-day-Handel mitmacht», stellt Perlroth fest.

Der Zero-day-Boom begann so richtig mit Stuxnet, einer Malware, einer zerstörerischen Software. Damit legten die Amerikaner und die Israeli im Jahr 2010 die Produktion von angereichertem Uran im Iran lahm. Und das geschah wie folgt:

Angesichts des immer wahrscheinlicher werdenden Umstands, dass Iran bald eine Atommacht wird, wurden die Israeli nervös. So nervös, dass sie den USA klarmachten, dass sie die iranischen Atomfabriken mittels Luftangriffen zerstören würden. Davon wollte Präsident Barack Obama nichts wissen. Er hatte null Lust, in einen heissen Krieg im Persischen Golf gezogen zu werden.

Schliesslich willigte Obama jedoch ein, die Zentrifugen zur Anreicherung des Urans mittels einer Malware anzugreifen. In der Folge wurde Stuxnet entwickelt, eine Cyberwaffe, mit der es tatsächlich gelang, die iranischen Zentrifugen auszuschalten, obwohl diese nicht mit dem Internet verbunden und bestens abgeschirmt waren.

Stuxnet war eine technologische Meisterleistung – und ein klassisches Eigengoal. Es zeigte auch den bösen Buben auf, was mit Malware alles möglich ist. «Stuxnet war zwar speziell auf Natanz [die iranische Atomfabrik, Anm. d. Verf.] ausgerichtet», schreibt Perlroth, «aber es war auch generisch im Sinne von: Es gibt nichts, was andere davon abhält, die gleichen Waffen gegen andere Computer […] einzusetzen. Computer, welche die Wasserpumpen der Welt kontrollieren, aber auch Airconditioning-Systeme, chemische Fabriken, Stromnetze und Fabrikhallen.»

Nach Stuxnet war der Geist aus der Flasche. Die USA verloren die Kontrolle über die Zero-days. Anders als Atomwaffen sind Cyberwaffen verhältnismässig billig. Und die Händler von Zero-days gehören nicht immer zu den Menschen, die Ethik über Gewinn stellen. Deshalb stellt Perlroth fest:

«Jedes Land kann mit einer Million Dollar in diesen Markt einsteigen. Viele davon haben wenig Verständnis für Rechtsstaat, freie Presse und Menschenrechte.»

Cyberwar ist inzwischen nicht mehr Science Fiction, sondern Realität. So legten im Dezember 2015 die Russen die Stromversorgung der Ukraine lahm. «Die Attacke hatte zum Ziel, den Menschen in der Ukraine klarzumachen, dass ihre Regierung schwach ist, dass Russland stark ist und dass Putins Cybertruppen in der Lage sind, jederzeit in der Ukraine die Lichter auszulöschen», schreibt Perlroth.

Ironischerweise sind es die am meisten entwickelten Staaten, die am meisten von Cyberattacken bedroht sind. Unsere Möglichkeit alles und jederzeit mit immer raffinierterer Software zu steuern – das sich abzeichnende Internet der Dinge – macht uns zunehmend verwundbar. In Nordkorea hingegen dürfte sich das Schadenspotenzial in Grenzen halten.

Ein Atomkrieg könnte die Menschheit vernichten. So gesehen erscheint ein Cyberwar als das kleinere Übel. Aber Vorsicht. «Der Cyberwar mag zunächst ein geistiges Schachspiel sein, wie es das Verschieben von Langstreckenraketen im Kalten Krieg war», warnt David Sanger. «Aber er kann genauso ausser Kontrolle geraten.»

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