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Wie Frankreich Kinder vor Social Media schützen will

FILE - The TikTok logo is displayed on a mobile phone in front of a computer screen, Oct. 14, 2022, in Boston. A measure set to force TikTok's parent company to sell the video-sharing platform or ...
Kinder als Ware? Diesen Vorwurf machen die französischen Forscher an die Adresse von TikTok.Bild: keystone

Internet erst ab 13, TikTok ab 18? Wie Frankreich Kinder vor Social Media schützen will

Frankreich sagt Social Media den Kampf an. Emmanuel Macron hat im Januar eine Untersuchung zu den Gefahren der Online-Welt für Kinder veranlasst. Nun liegen die Ergebnisse der Forschenden vor – sie gehen mit TikTok und Co. hart ins Gericht.
02.05.2024, 08:0302.05.2024, 15:22
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Es war im Januar, als der französische Präsident Emmanuel Macron öffentlich über die Gefahren von Social Media für Kinder sprach – und diesen den Kampf ansagte. «Es könnte Verbote geben oder zumindest Einschränkungen», so der französische Präsident damals.

Als erste Massnahme leitete die französische Regierung eine dreimonatige Untersuchung ein, um herauszufinden, wie negativ der Einfluss von TikTok, Instagram und Snapchat für die Generation Alpha und Teile der Generation Z tatsächlich ist. Zudem sollten die Forschenden Richtlinien für die Bildschirmnutzung von Kindern vorschlagen.

Jetzt liegen die Ergebnisse des Expertenberichts vor. Und sie sind ziemlich eindeutig: Laut den Studienautoren wäre es das Beste, wenn Kinder bis zum Alter von 13 Jahren gar keinen Zugang zu Smartphones mit Internetverbindung hätten. Und das Urteil zu den sozialen Medien ist noch schärfer: Der Zugriff auf TikTok, Insta etc. soll optimalerweise erst ab 18 Jahren möglich sein.

Die dreimonatige Studie wurde von Wissenschaftlern und Forschern des Pariser Paul-Brousse-Spitals durchgeführt, beteiligt waren insbesondere auch Neurologinnen und Psychiater, wie der Guardian schreibt. Servane Mouton, die leitende Neurologin, hält fest:

«Vor dem sechsten Lebensjahr braucht kein Kind einen Bildschirm, um sich zu entwickeln.»

Im Gegenteil, Bildschirme könnten in diesem Alter gar dazu führen, dass sich Kinder nicht richtig entwickeln.

Die Forschenden geben weiter einige Empfehlungen ab, ab wann der jeweilige Konsum von verschiedenen Medien und Technologien im Optimalfall beginnt.

  • Bis zum 11. Lebensjahr sollten Kinder kein Telefon besitzen.
  • Zwischen dem 11. und 13. Lebensjahr dürften Kinder ein Smartphone haben, jedoch am besten ohne Internetzugang.
  • Diesen gibt es dann ab 13 Jahren.
  • Zugang zu «ethischen» sozialen Medien wie Mastodon ist laut der Empfehlung ab 15 Jahren zulässig.
  • Der Zugang zu «massenvermarkteten, gewinnorientierten» sozialen Medien wie TikTok, Instagram oder Snapchat hingegen soll erst ab 18 Jahren möglich sein.

Es ist denn auch genau diese Massenvermarktung, die den den Forschenden der grösste Dorn im Auge ist. Teile der Technologiebranche hätten aufgrund ihrer Gewinnorientierung ihre Methoden perfektioniert, Menschen – und Kinder sind besonders gefährdet – so lange wie möglich an den Bildschirm zu fesseln.

Kinder würden in diesem neuen Technologiemarkt «zur Ware werden».

Die Verfassenden werden deutlich:

«Wir möchten, dass die Branche weiss, dass wir gesehen haben, was sie tun, und wir werden sie nicht damit durchkommen lassen.»

Sie halten dabei fest, dass die Verantwortung nicht alleine den Eltern zugewiesen werden könne – denn diese seien oft selbst «Opfer der mächtigen Technologieindustrie». Stattdessen solle der Staat den Fokus darauf legen, dass Eltern selbst sensibilisierter werden im Umgang mit Smartphone und Co. und diesen auf gesunde Art und Weise ihren Kindern weitergeben können.

Die konkreten Gefahren für Kinder, vor denen die Autoren warnen, sind negative Einflüsse auf das Sehvermögen, den Stoffwechsel, Konzentration, kognitive Prozesse und damit im Endeffekt auf die Intelligenz. Auch könne zu viel Bildschirmzeit die emotionale Entwicklung beeinträchtigen – wenn Kinder beispielsweise ein gestörtes Kommunikationsverhalten entwickeln, weil sie Gespräche vermeiden und die Zeit stattdessen vor dem Bildschirm verbringen.

Die Studienverfassenden sprechen sich deshalb dafür aus, bewusst bildschirmfreie Zonen im öffentlichen Raum zu schaffen.

Amine Benyamina, Co-Leiterin der Studie, sagt gegenüber dem Guardian:

«Technologie ist und bleibt ein fantastisches Werkzeug, aber sie muss den Menschen dienen und darf nicht darauf reduziert werden, ein Produkt zu bedienen.»

Was die Regierung von Emmanuel Macron nun mit diesen Ergebnissen anfängt, ist noch nicht klar. Sie sind aber wohl noch eindeutiger, als sich das der französische Präsident vorgestellt hatte, als er die Untersuchung im Januar in Auftrag gab.

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26 Kommentare
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Die beliebtesten Kommentare
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Theresia Dibiase-Engelsgold
02.05.2024 08:31registriert April 2024
Finde es gut und richtig, Kinder möglichst spät ein Mobiltelefon in die Hand zu geben. Heute haben 4, 5 Klässler bereits Mobiltelefone. Das geht einfach nicht. Medienkompetenz setzt voraus, dass man sich mit Inhalten auskennt, also Bildung. Bei uns wird jedoch Medienkompetenz damit verwechselt, ein Gerät bedienen zu können.
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benn
02.05.2024 08:47registriert September 2019
jetzt werden die grossen lobbymaschinen angeworfen, mal schauen was dann wirklich passiert. es ist zu hoffen, dass die eu eine scharfe regelung bringen wird, und wir sie in der schweiz übernehmen, denn von unseren lobbyierten schnarchnasen in bern ist nichts zu erwarten!
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Acai
02.05.2024 08:38registriert März 2017
Es wird wohl schwierig, das tatsächlich umzusetzen. Aber es ist wichtig, es trotzdem zu tun. Vor allem bei Kindern.
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