US-Angriff auf Venezuela – Trumps Vorgehen setzt Putin unter Druck
Der US-Militäreinsatz in Venezuela hat auch im Kreml Aufsehen ausgelöst. Am Samstag hatten US-Truppen den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro entführt. Ihm wird von der US-Regierung unter anderem Drogenhandel vorgeworfen. Während in Washington vom Kampf gegen das Kartellwesen die Rede ist, sieht Russland darin auch einen Angriff auf seine geopolitischen Interessen.
Moskau reagierte scharf und forderte die USA auf, Maduro und dessen Frau freizulassen. «Wir fordern die amerikanische Führung nachdrücklich auf, ihre Position zu überdenken und den rechtmässig gewählten Präsidenten des souveränen Landes und seine Frau freizulassen», erklärte das russische Aussenministerium am Samstag. Das US-Vorgehen sei «zutiefst beunruhigend und verwerflich».
Mit dem Fall des venezolanischen Diktators gerät auch ein milliardenschweres Geflecht von Energieabkommen ins Wanken, über das sich Russland in Lateinamerika seit Jahren seinen politischen Einfluss gesichert hatte. Erst im November 2025 hatte Venezuelas Staatskonzern Petróleos de Venezuela (PDVSA) einen 15-Jahres-Vertrag mit einer Tochter des russischen Unternehmens Roszarubezhneft verlängert. Die Vereinbarung sollte russischen Firmen nicht nur Zugang zur Förderung, sondern auch zu Infrastrukturprojekten im krisengeplagten Ölstaat sichern. Venezuela verfügt über die grössten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt.
Trump drängt US-Ölkonzerne zu Investitionen in Venezuela
Laut einer Analyse der französischen Zeitung «Le Monde» könnte dieser Deal nun faktisch ausgehebelt worden sein. Nach dem Willen von US-Präsident Donald Trump sollen US-Konzerne nämlich jetzt in Venezuela im grossen Stil ins Ölgeschäft einsteigen und die maroden Ölanlagen des Landes wiederbeleben.
Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete unter Berufung auf Insider, die US-Regierung dränge die amerikanischen Ölkonzerne zu umfangreichen Investitionen im Land. Dies sei die Bedingung, um eine Entschädigung für vor zwei Jahrzehnten enteignete Vermögenswerte zu erhalten. Damals hatten Konzerne wie ExxonMobil und ConocoPhillips Venezuela verlassen.
Das Joint-Venture-Abkommen zwischen PDVSA und der russischen Roszarubezhneft-Tochter scheint damit wohl vom Tisch zu sein. Der russische Ölkonzern Rosneft hatte sich seit Jahren in Venezuela engagiert. Konzernchef Igor Setschin – ein enger Vertrauter von Machthaber Putin – betonte auf dem Sankt Petersburger Wirtschaftsforum im Juni 2025, dass Russland, Venezuela und Iran gemeinsam über ein Drittel der weltweiten Ölreserven verfügten. Diese Energiepartnerschaft ist nun brüchig geworden.
Der Zugriff der USA auf Venezuelas Ölfelder könnte zudem sich direkt auf den Weltmarkt auswirken. Sollte es Washington gelingen, die Produktion wieder hochzufahren, droht ein Preisverfall, der insbesondere Rohstoffexporteure wie Russland hart treffen würde – ein Land, das durch Kriegskosten und Sanktionen wirtschaftlich bereits angeschlagen ist. Auf einem russischen Finanzportal hatte Igor Juschkow, Experte der Moskauer Stiftung für nationale Energiesicherheit, vor dem US-Angriff erklärt: «Für uns ist es wirtschaftlich und politisch wichtig, dass Maduro standhaft bleibt.» Ein schneller Sturz des Diktators sei der «schlechteste Fall», so Juschkow.
Politikberater Peter Rough von der konservativen US-Denkfabrik Hudson Institute sieht die Operation als gezielten Schlag gegen eine russische Einflusszone. Maduro sei ein Schlüsselpartner Putins in der Region gewesen, sagte der Analyst der Zeitung «Le Monde». Noch im Mai 2025 hatte Maduro an den Feierlichkeiten zum 80. Jahrestag des sowjetischen Sieges im Zweiten Weltkrieg in Moskau teilgenommen – ein Auftritt, der damals als demonstratives Signal an den Westen galt. Maduros Entführung sende ein klares Signal, so Rough: Venezuelas Luftverteidigung – die im Wesentlichen aus russischen Waffensystemen bestand – und politische Abkommen seien angesichts amerikanischer Macht wirkungslos gewesen.
«Politische Ohrfeige für Putin».
Für 2026 hatte das russische Finanzministerium mit einem Preis von 59 Dollar pro Barrel Urals-Öl gerechnet. Sinkt der Preis weiter, geraten Beamtengehälter, Kriegsfinanzierung und andere Staatsmittel unter Druck. Schon kurz nach dem US-Militäreinsatz sanken die Ölpreise. Ein Barrel (159 Liter) der Ölsorte Brent kostete am Montag bei Handelsbeginn in Asien rund 51.6 Euro – und sank damit um rund 0,6 Prozent. Der Preis für ein Barrel der US-Sorte West Texas Intermediate ging um 0,7 Prozent auf knapp 51.2 Euro zurück.
Moskau nutzt seine Öleinnahmen nach wie vor als wichtige Finanzierungsquelle für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Der ukrainische Militärexperte Andrii Ryzhenko bezeichnete das Vorgehen der USA in ukrainischen Medien als eine «politische Ohrfeige für Putin». Jahrelang habe Russland Ressourcen, politisches Kapital und diplomatische Unterstützung in Venezuela investiert. Das sei mit dem Militärschlag verpufft.
«Le Monde» zitierte den russischen Politologen Kirill Rogow nun mit der Einschätzung, dass der US-Einsatz tief im Kreml nachhallen werde: «Trump hat Entschlossenheit und Eskalationsbereitschaft gezeigt – das wird das russische Establishment aufschrecken.»
Dass Trump nicht nur Maduro festnehmen liess, sondern auch eine Intervention im Iran oder in Kolumbien in Aussicht stellte, löst zudem weitere Unruhe aus. Auf seiner Plattform Truth Social schrieb der US-Präsident, man werde auch in Teheran eingreifen, sollte die Gewalt gegen Protestierende weiter eskalieren. Iran – wie Venezuela ein enger Partner Moskaus – steht damit erneut im Fokus geopolitischer Spannungen.
Selenskyj hofft
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj kommentierte die Entführung Maduros mit Hoffnung: «Wenn man so etwas mit Diktatoren machen kann, dann weiss Amerika ja, was als Nächstes zu tun ist», sagte er mit Blick auf Wladimir Putin. Die Anspielung auf ein mögliches US-Vorgehen gegen Moskau war kaum zu überhören.
Doch so weit dürfte es nicht kommen. Zwar zeigte sich auch US-Präsident Donald Trump zunehmend gereizt über Putins jüngste Taktiken. So soll der russische Präsident ihm telefonisch einen angeblichen ukrainischen Drohnenangriff auf seine Residenz in Nowgorod vorgespielt haben – laut US-Geheimdiensten jedoch ohne Beweise. Trump erklärte daraufhin: «Ich bin nicht begeistert von Putin. Er bringt zu viele Menschen um.» Gleichzeitig betonte er, den Einsatz in Venezuela während des Gesprächs gar nicht angesprochen zu haben.
Eine direkte Konfrontation zwischen den USA und Russland bleibt unwahrscheinlich. «Die USA werden keine Atommacht angreifen», sagte Russland-Expertin Tatiana Kastouéva-Jean vom französischen Institut IFRI gegenüber «Le Monde». Auch François Heisbourg vom IISS London ist überzeugt: «Putin hat von Trump nichts zu befürchten.»
Neue Eskalation – gleiche Grenzüberschreitung?
Der US-Angriff könnte Wladimir Putin sogar in die Hände spielen. Der Fall Maduro wirft ein Schlaglicht auf eine mögliche Doppelmoral des Westens. Europäische Diplomaten sorgen sich, ob der Anspruch glaubwürdig bleibt, völkerrechtswidrige Invasionen wie die Russlands zu verurteilen – wenn die USA sich zugleich das Recht herausnehmen, einen ausländischen Präsidenten festzunehmen und ausser Landes zu bringen.
Die Aktion in Venezuela könnte als Rechtfertigung für russisches Vorgehen in der Ukraine gelesen werden. Für den Kreml ist das ein willkommenes Narrativ. Russlands Präsident Wladimir Putin dürfte sich «ermutigt sehen, seinen aggressiven Kurs in der Ukraine fortzusetzen», sagte etwa der Princeton-Historiker Herold James dem «Handelsblatt».
Haben die USA mit gegen das Völkerrecht verstossen?
Die Frage, ob die USA gegen das Völkerrecht verstossen haben, beantwortet die Fachwelt mit einem einhelligen Ja. Der Angriff auf Venezuela stelle eine klare Verletzung des Völkerrechts dar, sagte auch Holger Hestermeyer, der an der Diplomatischen Akademie Wien Internationales Recht und EU-Recht lehrt, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Es verletzt zunächst und vor allem ein Grundprinzip der UN-Charta, das Gewaltverbot», erklärte der Wissenschaftler.
Die Charta erlaube bewusst nur sehr beschränkt Ausnahmen, insbesondere zur Selbstverteidigung. Auf diese werde sich die US-Regierung mit dem Argument des Drogenschmuggels berufen, allerdings beschränke sich das Recht der Selbstverteidigung auf einen bewaffneten Angriff, und ein solcher liege nicht vor. Die Ankündigung Trumps, Venezuela nun von aussen steuern zu wollen, verstosse zudem gegen das Interventionsverbot, das sowohl im Gewohnheitsrecht als auch in der Charta der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) verankert ist.
Offiziell verurteilte Moskaus Aussenministerium die US-Aktion als «Aggression» ohne rechtliche Grundlage. Sollte die Trump-Regierung neben Venezuela erneut geopolitische Ansprüche wie etwa eine mögliche US-Besetzung Grönlands aufgreifen, könnte das aus Sicht des Kremls ideale Bedingungen schaffen: da es die Spaltung zwischen den USA und Europa vertiefen und die Polarisierung innerhalb der USA selbst verstärken würde.

