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BAFTA-Awards: Skandal während Blood & Sinners Stars auf der Bühne stehen

«Er meinte es so»: BAFTA-Skandal löst emotionale Diskussion aus

An den BAFTA-Awards fiel das N-Wort. Afroamerikanische Schauspieler reagieren entsetzt, Tourette-Betroffene halten dagegen – und nur in einem Punkt sind sich viele einig.
24.02.2026, 09:5024.02.2026, 09:50
Nadja Zeindler

Der Vorfall sorgte für absolute Fassungslosigkeit an der Verleihung der britischen Filmpreise, den BAFTAs. Als die afroamerikanischen «Blood & Sinners»-Co-Stars Michael B. Jordan und Delroy Lindo auf der Bühne standen, hörte man aus dem Publikum plötzlich das N-Wort.

Gesagt hatte es John Davidson, ein Tourette-Aktivist, dessen Geschichte im Film «I Swear» («Ich fluche») thematisiert wird. Schauspieler Robert Aramayo, der Davidson im Film spielt, wurde noch am selben Abend als bester Darsteller ausgezeichnet.

Im Film wird gezeigt, dass Davidson an einer schweren Form von Tourette leidet, Koprolalie genannt. Dabei schreit er unwillkürlich – und vor allem unfreiwillig – Wörter. Meistens solche, die obszön oder beleidigend sind. Wie im Film zu sehen ist, hatte er wegen seiner Tics schon oft Probleme mit anderen Menschen oder sogar dem Gesetz. Doch nun passierte es ausgerechnet an den BAFTAs.

Michael B. Jordan äusserte sich bisher nicht zum Vorfall.
Michael B. Jordan äusserte sich bisher nicht zum Vorfall.bild: Tolga Akmen

Moderator Alan Cumming versuchte das Publikum mehrfach aufzuklären, nachdem Davidson Zwischrufe wie «Langweilig!» oder «Halt die Klappe!» geschrien hatte: «Vielleicht haben Sie verstörende Sprache im Hintergrund bemerkt. Das kann Teil davon sein, wie sich das Tourette-Syndrom bei manchen Menschen äussert.» Doch das N-Wort sprengte alles.

«Unakzeptabel»

Während sich Michael B. Jordan noch nicht öffentlich geäussert hat, sagte Delroy Lindo an einer Aftershow-Party gegenüber Vanity Fair, sie hätten «ihre Pflicht getan». Er hätte sich aber gewünscht, dass «jemand von der BAFTA anschliessend mit uns gesprochen hätte».

Laut Delroy Lindo hat weder die BBC, noch die BAFTA-Organisation mit ihm und Michael B. Jordan gesprochen.
Laut Delroy Lindo hat weder die BBC, noch die BAFTA-Organisation mit ihm und Michael B. Jordan gesprochen.bild: Andy Rain

Andere reagieren deutlich schärfer. «Nein, er meinte den Scheiss. Unakzeptabel», twittert Jamie Foxx. Schauspieler Wendell Pierce schreibt ebenfalls auf X, es sei empörend, dass die erste Reaktion keine uneingeschränkte und vorbehaltlose Entschuldigung war: «Die Beleidigung der beiden hat Priorität. Die Gründe für die rassistische Beleidigung sind irrelevant.»

Auch die Produktionsdesignerin von «Blood & Sinners», Hannah Beachler, erzählt in den sozialen Medien, dass sie beim Verlassen der Veranstaltung selbst Ziel eines rassistischen Ausrufes von Davidson geworden sei: «Ich versuche immer wieder, über das Geschehene zu schreiben, aber ich finde einfach nicht die richtigen Worte. Die Situation ist fast unglaublich, aber es passierte dreimal an diesem Abend, und eines der drei Male richtete sich gegen mich selbst.»

Jamie Foxx reagiert online heftig.
Jamie Foxx reagiert online heftig.bild: Allison Dinner

Online wird ebenfalls heftig diskutiert. Manche fragen gar, ob Davidson an der Verleihung überhaupt hätte teilnehmen sollen: «Dass es sich um eine Behinderung handelt, ändert nichts an der Scham und Demütigung der Betroffenen. Und ehrlich gesagt ignoriert diese Haltung, dass er ‹es ja nicht böse gemeint hat›, die Tatsache, dass die Menschen trotzdem betroffen waren.»

Zwei Dinge können gleichzeitig wahr sein

Währenddessen melden sich auch Tourette-Betroffene zu Wort. «Ich teile dies als schwarze Frau, deren Sohn das Tourette-Syndrom hat. Ich möchte, dass sich viele den Film ‹I Swear› ansehen, um John Davidsons Erkrankung besser zu verstehen», schreibt jemand auf Reddit. Man solle den Schmerz, der durch Beleidigungen entsteht, nicht verharmlosen, aber «es ist wichtig zu wissen, dass manche Menschen mit Tourette unwillkürlich Tabuwörter oder beleidigende Ausdrücke verwenden.»

Ähnlich schreibt auch «Glamour»-Journalistin Blessing Odukoya: «Als schwarze Person mit Behinderung, die zwar nicht am Tourette-Syndrom leidet, kann ich die Gefühle beider Seiten nachempfinden.» Doch zu verlangen, Davidson hätte nicht an der Preisverleihung teilnehmen dürfen, «vermittelt die Botschaft, dass Menschen mit unkontrollierbaren Erkrankungen einfach aus dem öffentlichen Raum verbannt werden sollten.» Behinderungen wirken oft «unbequem» auf andere.

«Ich teile die Empörung über rassistische Beleidigungen, auf die wir oft mit Würde reagieren sollen», schreibt sie weiter. Man müsse aber zwei Wahrheiten erkennen: «Seine unbeabsichtigten Worte waren rassistisch, was ihn aber nicht rassistisch macht; und es ist entwürdigend, vor aller Welt rassistischen Äusserungen ausgesetzt zu sein.»

Trotz verzögerter Ausstrahlung nicht herausgeschnitten

John Davidson betonte selbst in einer Mitteilung sein Bedauern. Er sei «zutiefst beschämt, falls irgendjemand meine unwillkürlichen Tics für absichtlich hält oder ihnen irgendeine Bedeutung beimisst.» Was er gesagt habe, entspreche nicht seinen persönlichen Überzeugungen. «Ich beschloss, den Saal während der Zeremonie frühzeitig zu verlassen, da ich mir bewusst war, wie sehr meine Ticks die Betroffenen belasteten.»

Einig sind sich die meisten in einem Punkt: Die BBC hätte vor und nach der Verleihung besser und schneller reagieren müssen. Die Warnung, dass es während der Zeremonie zu «unwillkürlichen Bewegungen oder Geräuschen» kommen könnte, war offensichtlich nicht bei allen angekommen.

Moderator Alan Cumming versuchte bei der Verleihung aufzuklären – doch das wäre Aufgabe der Organisatoren gewesen.
Moderator Alan Cumming versuchte bei der Verleihung aufzuklären – doch das wäre Aufgabe der Organisatoren gewesen.bild: Tolga Akmen

Vor allem aber wurde die Szene nicht herausgeschnitten, obwohl die Sendung mit zweistündiger Verzögerung ausgestrahlt wurde. Laut der BBC hätten die Produzenten die Beleidigung nicht gehört. Die britische Politikerin Kemi Badenoch bezeichnet das als «schrecklichen Fehler».

Von den BAFTA-Organisatoren hiess es in einem Statement: «Wir übernehmen die volle Verantwortung dafür, unsere Gäste in eine sehr schwierige Situation gebracht zu haben, und entschuldigen uns bei allen.» Man werde daraus lernen und «Inklusion weiterhin in den Mittelpunkt all unseres Handelns stellen, in der Überzeugung, dass Film und Geschichten wichtige Mittel sind, um Mitgefühl und Empathie zu vermitteln.» Auch die BBC hat sich mittlerweile ein zweites Mal entschuldigt. Die Frage bleibt, ob das reicht.

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Die beliebtesten Kommentare
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Randy Orton
24.02.2026 10:33registriert April 2016
Da dreht er einen ganzen Film, wo es darum geht, wie viel Leid er durch seine ungewollten Ticks ertragen musste und dann passiert natürlich das Unvermeidliche an der Preisverleihung. Ich glaube die Organisatoren hätten hier besser im Vorfeld aufklären müssen, wenn alle im Saal den Trailer gesehen hätten und gewusst hätten, dass Davidson eine Behinderung hat, wäre es wohl weniger beleidigend aufgefasst worden.
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ELMatador
24.02.2026 10:36registriert Februar 2020
Ja, man hätte besser aufklären können. Ja, man sollte Menschen mit ihren Behinderungen akzeptieren. Ja, man darf sich aufregen.

Was mich hier persönlich am meisten stört, ist, dass ein höchstwahrscheinlich ungewollter Vorfall so hochstilisiert und in den Medien breit diskutiert wird, während MAGA-Anhänger dieses Wort als Fluchwort zusammen mit anderen antisemitischen, chauvinistischen, homo- und transphoben sowie ableistischen Vulgaritäten verwenden.

Sogar der Präsident selbst beteiligt sich an diesem Wettfluchen und an dieser Form der Diskriminierung. Dort wird es scheinbar leider Geduldet.
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Sweeney Todd
24.02.2026 10:22registriert September 2018
Man kann aus allem ein Drama machen, aber es zeigt auch ganz gut auf, dass Behinderungen in der amerikanische Gesellschaft noch nicht akzeptiert sind. Vorbildlich ist, dass er an der Vernastaltung teilnehmen durfte, schliesslich ging der Film über ihn. Aber dann den Personen Willkür unterstellen ist das allerletzte. Das wäre etwa dasselbe wie wenn man einer Person im Rollstuhl den Vorwurf macht, dass er nicht die Treppe nimmt.
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