International
EU

Ungarn: Lage spitzt sich nach Sprengstoff-Fund an Pipeline vor Wahl zu

Prime minister of Hungary, Viktor Orbán speaks during a countryside campaign tour in Kaposvár, Hungary, Monday, March 16, 2026 ahead of April 12 parliamentary election. (AP Photo/Denes Erdos)
Hungary  ...
Für Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán sieht es laut aktuellen Umfragen nicht gut aus.Bild: keystone

Ukraine-Sabotage oder False-Flag-Aktion? Nerven in Ungarn liegen nach Pipeline-Fund blank

Serbien meldet den Fund von Sprengstoff an einer Pipeline. Viktor Orbán sieht einen Sabotage-Plan. Sein Herausforderer Péter Magyar wittert ein False-Flag-Manöver vor der Wahl am nächsten Wochenende.
06.04.2026, 08:0406.04.2026, 08:17
Mark Stoffers / t-online
Ein Artikel von
t-online

Nachdem Serbien den Fund von Sprengstoff an einer Gas-Pipeline nach Ungarn gemeldet hat, stellt sich kurz vor der Parlamentswahl in Ungarn eine Frage: War es ein geplanter Sabotageakt oder doch ein ausgeklügeltes Propaganda-Manöver? Die Meinungen des amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seines ärgsten Konkurrenten Péter Magyar könnten kurz vor der Ungarn-Wahl kaum weiter auseinandergehen.

Während Orbán und Mitglieder seiner rechtsnationalen Partei Fidesz den Verdacht auf altbekannte Feindbilder lenken, sehen Magyar und seine Tisza-Partei vielmehr einen Trick, um die Wahl am 12. April zu beeinflussen.

Mutmasslicher Sabotageakt kurz vor der Ungarn-Wahl vereitelt?

Am Ostersonntag hatte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić auf Instagram verkündet, dass er Orbán in einem Telefonat davon unterrichtet habe, dass serbische Sicherheitskräfte an einer Pumpstation der Pipeline Turkish Stream Sprengstoff entdeckt hätten. Der serbische Regierungschef erklärte weiter, dass es sich nahe der Ortschaft Velebit an der ungarischen Grenze um «Sprengstoff in verheerender Kraft» und die dazugehörigen Zündschnüre gehandelt hätte.

Orbán bestätigte das Telefonat über die Pipeline, die russisches Erdgas von der Türkei über Bulgarien und Serbien nach Ungarn bringt. Nach Angaben des Ministerpräsidenten sei diese für Ungarn «lebenswichtig», da sie 60 Prozent des benötigten Erdgasbedarfs liefere. Nach einer Sondersitzung des ungarischen Verteidigungsrats kündigte er zudem an, dass «wir eine verstärkte militärische Kontrolle und den Schutz des ungarischen Abschnitts der Pipeline angeordnet haben.»

Orbán lenkt den Verdacht auf die Ukraine

Gleichzeitig richtete Orbán den Verdacht auf die Ukraine. «Die Ukraine arbeitet seit Jahren daran, Europa von der Gasversorgung (aus Russland) abzuschneiden», liess er in der Folge in einer Videoansprache auf Facebook durchblicken. Auch sein äusserst russlandfreundlicher Aussenminister Péter Szijjártó macht keinen Hehl daraus, wenn er für den mutmasslich geplanten Sabotageakt auf die Pipeline in der Verantwortung sieht.

«Die Serben haben ihn vereitelt, doch dieser versuchte Anschlag passt gut zu den Machenschaften der Ukrainer, die ständig versuchen, die russischen Gas- und Öllieferungen nach Europa zu blockieren. Dies war ein sehr plumper Versuch, in unsere Souveränität einzugreifen», so der Politiker.

Russland und Ukraine geben sich gegenseitig die Schuld

Auch aus Russland kamen ähnliche Töne. Die Sprecherin des Aussenministeriums, Maria Sacharowa, sagte der russischen Nachrichtenagentur Tass:

«Sie wollen Ungarn seiner Souveränität berauben. Dies tun sie auf verschiedene Weise: politisch, indem sie sich in seine inneren Angelegenheiten und Wahlen einmischen; wirtschaftlich, indem sie ihm Vorschriften machen und es zu Entscheidungen zwingen, die der Wirtschaft und dem Wohlergehen der Ungarn schaden; und im Energiebereich, indem sie versuchen, Ungarn den Zugang zu hochwertigen und preisgünstigen Ressourcen zu verwehren.»

Die Ukraine dementierte ihrerseits umgehend. Ein Sprecher des ukrainischen Aussenministeriums schrieb in einem Post auf dem Kurznachrichtendienst: X:

«Wir weisen kategorisch alle Versuche zurück, die Ukraine fälschlicherweise mit dem Vorfall um die in der Nähe der Turk-Stream-Pipeline in Serbien gefundenen Sprengstoffe in Verbindung zu bringen. Die Ukraine hat damit nichts zu tun. Höchstwahrscheinlich handelt es sich um eine russische Operation unter falscher Flagge im Rahmen der massiven Einmischung Moskaus in die ungarischen Wahlen.»

Gaspipeline-Vorfall in Serbien: Operation unter falscher Flagge?

Das liberale ungarische Medium «HVG» beruft sich derweil auf Quellen aus Belgrad, die ebenfalls davon ausgehen, dass es sich um eine Operation unter falscher Flagge handelt. Dabei überrasche es nicht, dass auch Serbien an dieser Operation beteiligt war.

Der serbische Präsident Aleksandar Vučić sei ein enger Verbündeter von Orbán, und es sei zudem klar, dass die russischen Geheimdienste, das Balkanland als ihr «Revier» betrachten.

epa12552529 A handout photo made available by the Serbian Presidency shows Serbian President Aleksandar Vucic (R) and Hungarian Prime Minister Viktor Orban (L) having burek (leafy cheese or meat pie)  ...
Versucht er seinem politischen Freund Schützenhilfe zu leisten? Serbiens Präsident Aleksandar Vučić beim Restaurantbesuch mit Orbán.Bild: keystone

Magyar macht Orbán kurz vor der Ungarn-Wahl schwere Vorwürfe

Herausforderer Magyar warf Orbán vor, den angeblich geplanten Anschlag auf die Pipeline kurz vor der Ungarn-Wahl zu instrumentalisieren und aus wahlkampftaktischen Gründen Panik schüren zu wollen. Bereits seit Wochen habe er Signale bekommen, dass Aktionen «unter falscher Flagge» in diese Richtung geplant seien, schrieb er bei Facebook. Mehrfach habe man gehört, dass «zufällig» eine Woche vor der Wahl, etwa an Ostern, an dieser Pipeline etwas passieren werde.

epa12822354 President of the opposition Tisza Party, Peter Magyar addresses his supporters during the National March in Budapest, Hungary, 15 March 2026, on the occasion of the national holiday to mar ...
Péter Magyar glaubt an eine False-Flag-Aktion.Bild: keystone

«Ausserdem rufe ich Viktor Orbán dazu auf, (wenigstens während der Feiertage) mit der Panikmache und mit dem Stiften von Verwirrung aufzuhören, die russische Berater geplant haben», schrieb Magyar weiter. Sollte Orbán den Vorfall für Wahlkampfpropaganda nutzen, käme dies einem Eingeständnis dafür gleich, dass dies eine Aktion «unter falscher Flagge» sei. In der Folge kündigte er an, dass er im Falle eines Erfolgs bei der Wahl eine umfassende, öffentliche Untersuchung einleiten werde.

Serbiens Militärgeheimdienst äussert sich zu Ermittlungen

Der Direktor des serbischen Militärgeheimdienstes trat derweil Vorwürfen entgegen, die serbische Armee könnte an einer Aktion unter falscher Flagge beteiligt sein, um die Ukraine der Sabotage zu beschuldigen.

Djuro Jovanić sprach von Desinformation, wie serbische Medien berichteten. Es gebe Hinweise darauf, dass der Sprengstoff in den USA hergestellt worden sei. Ein militärisch ausgebildetes «Mitglied einer Migrantengruppe» habe einen Anschlag auf die Pipeline geplant, man fahnde nach der Person.

Orbán sieht «dunkle Wolken» aufziehen

Vor dem Hintergrund des mutmasslich geplanten Anschlags und den anstehenden Wahlen in Ungarn wurde Orbán nicht müde zu erwähnen, mit welchen Gefahren sich das Balkanland konfrontiert sehe. «Solche dunklen Wolken ziehen schon seit langem über Ungarn auf», sagte er bei seiner Rede auf einer Veranstaltung auf dem Géllertberg in Budapest und betonte, dass «die Gefahr aus drei Richtungen gleichzeitig kommt. Aus dem Osten der Krieg in der Ukraine, aus dem Süden die ‚Unruhen im Nahen Osten‘ und aus dem Westen der Bankrott Brüssels.»

Laut Orbán, der in aktuellen Wahlumfragen deutlich zurückliegt, droht der Welt eine verheerende Energieknappheit, und «wenn die Wirtschaft zum Stillstand kommt, ist alles in Gefahr, einschliesslich unserer Errungenschaften und unserer gut durchdachten Pläne».

Es lässt sich nur darüber spekulieren, ob diese «durchdachten Pläne» auch den mutmasslichen geplanten Sabotageakt in Serbien beinhalteten. Sicher ist nur, dass das Thema den Endspurt der Ungarn-Wahl noch weiter aufheizt.

Verwendete Quellen:

DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet, um die Zahlung abzuschliessen.)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.
Das könnte dich auch noch interessieren:
Du hast uns was zu sagen?
Hast du einen relevanten Input oder hast du einen Fehler entdeckt? Du kannst uns dein Anliegen gerne via Formular übermitteln.
82 Kommentare
Dein Kommentar
YouTube Link
0 / 600
Hier gehts zu den Kommentarregeln.
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Janster
06.04.2026 08:31registriert März 2021
Wenn die Ukraine das geplant hätte, wäre das Teil gesprengt worden. Vermutlich haben sich das irgendwelche Putin Strategen ausgedacht .
20712
Melden
Zum Kommentar
avatar
Conny 56
06.04.2026 08:28registriert April 2024
Dieser Depp, versucht alles, damit er im Amt bleiben kann. Srlbst sollten seine Lügen aufgedeckt werden, belügt und betrügt Orban weiter und schiebt wie Trump, die Schuld allen anderen in die Schuhe. Hoffentlich 🙏🙏, verliert er die Wahl!
16413
Melden
Zum Kommentar
avatar
rodolofo
06.04.2026 08:39registriert Februar 2016
Das stinkt so weit gegen den Wind, dass dieser letzte Versuch einer False Flag-Operation schon fast als Akt äusserster Verzweiflung zu bemitleiden sein könnte.
Und dieses Mitleid würde sowohl für das Orban-Régime, als für das Vucic-Régime und natürlich ganz besonders für das Putin-Régime gelten.
Wer so viel lügen und betrügen muss, um sich weiterhin an seine Macht zu klammern, hat im Grunde bereits verloren, merkt es aber wohl wirklich erst ganz zuletzt, beim bitteren Ende...
13911
Melden
Zum Kommentar
82
«Taco-Trump» verschiebt Iran-Frist zum dritten Mal
US-Präsident Donald Trump hat der iranischen Führung mit heftigen Angriffen gedroht, sollte sie bis Dienstagabend nicht einlenken. Damit scheint die US-Regierung ihr Ultimatum an Teheran zur Öffnung der Strasse von Hormus bereits zum dritten Mal zu verschieben. «Wenn sie bis Dienstagabend nichts unternehmen, bleibt kein Kraftwerk und keine Brücke stehen», sagte Trump dem «Wall Street Journal».
Zur Story