Ukraine-Sabotage oder False-Flag-Aktion? Nerven in Ungarn liegen nach Pipeline-Fund blank
Nachdem Serbien den Fund von Sprengstoff an einer Gas-Pipeline nach Ungarn gemeldet hat, stellt sich kurz vor der Parlamentswahl in Ungarn eine Frage: War es ein geplanter Sabotageakt oder doch ein ausgeklügeltes Propaganda-Manöver? Die Meinungen des amtierenden Ministerpräsidenten Viktor Orbán und seines ärgsten Konkurrenten Péter Magyar könnten kurz vor der Ungarn-Wahl kaum weiter auseinandergehen.
Während Orbán und Mitglieder seiner rechtsnationalen Partei Fidesz den Verdacht auf altbekannte Feindbilder lenken, sehen Magyar und seine Tisza-Partei vielmehr einen Trick, um die Wahl am 12. April zu beeinflussen.
Mutmasslicher Sabotageakt kurz vor der Ungarn-Wahl vereitelt?
Am Ostersonntag hatte Serbiens Präsident Aleksandar Vučić auf Instagram verkündet, dass er Orbán in einem Telefonat davon unterrichtet habe, dass serbische Sicherheitskräfte an einer Pumpstation der Pipeline Turkish Stream Sprengstoff entdeckt hätten. Der serbische Regierungschef erklärte weiter, dass es sich nahe der Ortschaft Velebit an der ungarischen Grenze um «Sprengstoff in verheerender Kraft» und die dazugehörigen Zündschnüre gehandelt hätte.
Orbán bestätigte das Telefonat über die Pipeline, die russisches Erdgas von der Türkei über Bulgarien und Serbien nach Ungarn bringt. Nach Angaben des Ministerpräsidenten sei diese für Ungarn «lebenswichtig», da sie 60 Prozent des benötigten Erdgasbedarfs liefere. Nach einer Sondersitzung des ungarischen Verteidigungsrats kündigte er zudem an, dass «wir eine verstärkte militärische Kontrolle und den Schutz des ungarischen Abschnitts der Pipeline angeordnet haben.»
Orbán lenkt den Verdacht auf die Ukraine
Gleichzeitig richtete Orbán den Verdacht auf die Ukraine. «Die Ukraine arbeitet seit Jahren daran, Europa von der Gasversorgung (aus Russland) abzuschneiden», liess er in der Folge in einer Videoansprache auf Facebook durchblicken. Auch sein äusserst russlandfreundlicher Aussenminister Péter Szijjártó macht keinen Hehl daraus, wenn er für den mutmasslich geplanten Sabotageakt auf die Pipeline in der Verantwortung sieht.
«Die Serben haben ihn vereitelt, doch dieser versuchte Anschlag passt gut zu den Machenschaften der Ukrainer, die ständig versuchen, die russischen Gas- und Öllieferungen nach Europa zu blockieren. Dies war ein sehr plumper Versuch, in unsere Souveränität einzugreifen», so der Politiker.
Russland und Ukraine geben sich gegenseitig die Schuld
Auch aus Russland kamen ähnliche Töne. Die Sprecherin des Aussenministeriums, Maria Sacharowa, sagte der russischen Nachrichtenagentur Tass:
Die Ukraine dementierte ihrerseits umgehend. Ein Sprecher des ukrainischen Aussenministeriums schrieb in einem Post auf dem Kurznachrichtendienst: X:
Gaspipeline-Vorfall in Serbien: Operation unter falscher Flagge?
Das liberale ungarische Medium «HVG» beruft sich derweil auf Quellen aus Belgrad, die ebenfalls davon ausgehen, dass es sich um eine Operation unter falscher Flagge handelt. Dabei überrasche es nicht, dass auch Serbien an dieser Operation beteiligt war.
Der serbische Präsident Aleksandar Vučić sei ein enger Verbündeter von Orbán, und es sei zudem klar, dass die russischen Geheimdienste, das Balkanland als ihr «Revier» betrachten.
Magyar macht Orbán kurz vor der Ungarn-Wahl schwere Vorwürfe
Herausforderer Magyar warf Orbán vor, den angeblich geplanten Anschlag auf die Pipeline kurz vor der Ungarn-Wahl zu instrumentalisieren und aus wahlkampftaktischen Gründen Panik schüren zu wollen. Bereits seit Wochen habe er Signale bekommen, dass Aktionen «unter falscher Flagge» in diese Richtung geplant seien, schrieb er bei Facebook. Mehrfach habe man gehört, dass «zufällig» eine Woche vor der Wahl, etwa an Ostern, an dieser Pipeline etwas passieren werde.
«Ausserdem rufe ich Viktor Orbán dazu auf, (wenigstens während der Feiertage) mit der Panikmache und mit dem Stiften von Verwirrung aufzuhören, die russische Berater geplant haben», schrieb Magyar weiter. Sollte Orbán den Vorfall für Wahlkampfpropaganda nutzen, käme dies einem Eingeständnis dafür gleich, dass dies eine Aktion «unter falscher Flagge» sei. In der Folge kündigte er an, dass er im Falle eines Erfolgs bei der Wahl eine umfassende, öffentliche Untersuchung einleiten werde.
Serbiens Militärgeheimdienst äussert sich zu Ermittlungen
Der Direktor des serbischen Militärgeheimdienstes trat derweil Vorwürfen entgegen, die serbische Armee könnte an einer Aktion unter falscher Flagge beteiligt sein, um die Ukraine der Sabotage zu beschuldigen.
Djuro Jovanić sprach von Desinformation, wie serbische Medien berichteten. Es gebe Hinweise darauf, dass der Sprengstoff in den USA hergestellt worden sei. Ein militärisch ausgebildetes «Mitglied einer Migrantengruppe» habe einen Anschlag auf die Pipeline geplant, man fahnde nach der Person.
Orbán sieht «dunkle Wolken» aufziehen
Vor dem Hintergrund des mutmasslich geplanten Anschlags und den anstehenden Wahlen in Ungarn wurde Orbán nicht müde zu erwähnen, mit welchen Gefahren sich das Balkanland konfrontiert sehe. «Solche dunklen Wolken ziehen schon seit langem über Ungarn auf», sagte er bei seiner Rede auf einer Veranstaltung auf dem Géllertberg in Budapest und betonte, dass «die Gefahr aus drei Richtungen gleichzeitig kommt. Aus dem Osten der Krieg in der Ukraine, aus dem Süden die ‚Unruhen im Nahen Osten‘ und aus dem Westen der Bankrott Brüssels.»
Laut Orbán, der in aktuellen Wahlumfragen deutlich zurückliegt, droht der Welt eine verheerende Energieknappheit, und «wenn die Wirtschaft zum Stillstand kommt, ist alles in Gefahr, einschliesslich unserer Errungenschaften und unserer gut durchdachten Pläne».
Es lässt sich nur darüber spekulieren, ob diese «durchdachten Pläne» auch den mutmasslichen geplanten Sabotageakt in Serbien beinhalteten. Sicher ist nur, dass das Thema den Endspurt der Ungarn-Wahl noch weiter aufheizt.
Verwendete Quellen:
- Facebook.com: Seite von Aussenminsiter Péter Szijjártó
- atv.hu: Magyar Péter: Ha valós veszély van, akkor lássuk a valós információkat
- Tass.com: Attempted terrorist attack in Serbia fits well with Ukraine’s previous actions
- hvg.hu: Orbán Viktor a Citadellán: Magyarországnak ki kell maradnia a holdkóros brüsszeli politikából
- hvg.hu: A kormány Ukrajnát gyanúsítja, Kijev Moszkvát, a szerbek amerikai robbanóanyagról beszélnek – percről percre az állítólagos szabotázskísérletről
- Instagram: Seite von Aleksandar Vučić
- 24.hu: András Rácz on the Vojvodina explosives to 24.hu: This is only good for Viktor Orbán and the Fidesz campaign
- Nachrichtenagentur dpa und afp

