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Theresa May ist mit dem Vorschlag, Nordirland dem EU-Binnenmarkt einzuverleiben, überhaupt nicht einverstanden. Bild: EPA/EPA

Streit um Nordirland: Theresa May macht Gegenvorschlag zu EU-Entwurf

28.02.18, 17:40 28.02.18, 22:54


Die britische Premierministerin Theresa May reagiert mit scharfer Kritik auf den von der EU vorgelegten Entwurf für den Brexit-Vertrag. Die Regierung in London präsentierte nun am Mittwoch neue Vorschläge.

Laut dem britischen Papier sollen EU-Bürger nach dem für März 2019 geplanten Brexit bis zum Ende einer Übergangszeit wie zuvor das Recht haben, in Grossbritannien zu leben, zu studieren und zu arbeiten. Brüssel geht von einer Transition von 21 Monaten aus, also bis Ende 2020.

EU-Bürger und ihre Angehörigen, die vor dem Ende der Übergangsphase nach Grossbritannien einwandern, sollen nach fünf Jahren Aufenthalt das Recht haben, dauerhaft zu bleiben - dies verlangt auch der am Mittwoch vom EU-Verhandlungsführer Michel Barnier vorgelegte Entwurf des Austrittsvertrages.

Im Gegensatz zu den vor dem Brexit eingewanderten EU-Bürger müssen sich die Neuankömmlinge nach den Vorschlägen Londons allerdings bei den britischen Behörden melden, wenn ihr Aufenthalt länger als drei Monate dauert.

Der Familiennachzug wird nach der Übergangszeit schwierig: Verwandte von EU-Bürgern sollen nach der Transition keinen Sonderstatus mehr haben und müssen sich den gewöhnlichen Einwanderungsgesetzen unterwerfen.

«Kein britischer Premierminister könnte dem jemals zustimmen»

Brüssel hatte einen «gemeinsamen regulatorischen Raum» zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland vorgeschlagen. Damit soll nach Meinung der EU eine «harte Grenze» zwischen den beiden Teilen der Insel verhindert werden. Auch London hatte sich gegen eine «harte Grenze» ausgesprochen.

Denn seit dem Karfreitagsabkommen 1998, mit dem der blutige Konflikt auf der Insel beendet werden konnte, sind die Grenzen zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem britischen Nordirland faktisch unsichtbar. Die Insel funktioniert als gemeinsamer Wirtschaftsraum. Entstünde hier wieder eine Grenze, sind neue blutige Auseinandersetzungen nicht ausgeschlossen.

Trotz allem geht der Vorschlag der EU, wonach Nordirland de facto im EU-Binnenmarkt und der Zollunion verbleiben könnte, Premierministerin May zu weit. Sie sagte am Mittwoch im Parlament in London, ihre Regierung könne den Vertrag in seiner jetzigen Fassung «niemals» akzeptieren.

Blutige Auseinandersetzungen sollen mit dem EU-Abkommen verhindert werden.  Bild: AP/AP

Dieser «untergräbt den gemeinsamen britischen Markt und bedroht die verfassungsmässige Integrität des Vereinigten Königreichs», sagte sie weiter. «Kein britischer Premierminister könnte dem jemals zustimmen.» Sie werde das EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und anderen «kristallklar machen», warnte May weiter.

Barniers Notlösung

EU-Chefunterhändler Michel Barnier hatte kurz zuvor in Brüssel einen ersten Entwurf für den Austrittsvertrag vorgelegt. In der schwierigen Frage der Grenze zu Nordirland gebe es drei Optionen, sagte Barnier.

Michel Barnier legt einen ersten Entwurf des Austrittsvertrages vor. Bild: EPA/EPA

Erstens könne die Nordirland-Frage in einer Vereinbarung über die künftigen Beziehungen geklärt werden. Dies werde aber bedeuten, dass es zum EU-Austritt Grossbritanniens im März 2019 noch keine Lösung geben werde.

London könne zweitens wie angekündigt «spezifische Lösungen» für die Grenze zwischen Irland und Nordirland präsentieren. Man warte gespannt auf den Vorschlag Londons, sagte Barnier.

Ein «gemeinsamer regulatorischer Raum»

Oder aber, falls keine andere Lösung gefunden werde, könne drittens ein «gemeinsamer regulatorischer Raum» ohne interne Grenzen geschaffen werden.

In diesem Raum wird «der freie Warenverkehr sichergestellt» und die «Zusammenarbeit zwischen dem Norden und dem Süden geschützt», heisst es in dem Entwurf der Austrittsvertrags. Nordirland hätte dann aber de facto eine Grenze mit dem Rest des Vereinigten Königreichs.

Die EU sei in der Pflicht, eine kreative Lösung vorzuschlagen, machte Barnier deutlich. Sollte es eine andere Lösung geben, werde diese Notfalloption einfach gestrichen. Alle Positionen im Entwurf seien in London längst bekannt. «Es gibt keine Überraschung für unsere britischen Partner», sagte Barnier.

Die Zeit drängt

Erneut mahnte Barnier am Mittwoch zur Eile. «Wenn wir diese Verhandlungen zum Erfolg führen wollen, müssen wir sie beschleunigen.» Denn der Austrittsvertrag, einschliesslich einer Lösung für Irland, müsse bis zum Herbst stehen, damit das Vertragswerk bis zum Brexit Ende März 2019 ratifiziert werden kann, sagte der Franzose.

Doch nicht nur Nordirland bereitet bei den Verhandlungen zwischen London und Brüssel Probleme. Auch bei Bestimmungen für die Übergangsperiode, die ebenfalls im Austrittsabkommen enthalten sind, gibt es Differenzen.

Diese Übergangsperiode soll die Zeit zwischen dem Brexit Ende März 2019 bis zu einem neuen Handelsabkommen regeln. Nach Meinung der EU soll diese aber spätestens am 31. Dezember 2020 enden. Dann nämlich endet auch der siebenjährige Finanzrahmen und mit ihm eingegangenen finanziellen Verpflichtungen Grossbritanniens.

Streit auch bei Übergangsphase

Nach Worten von Barnier gibt es aber auch bei der Übergangsphase noch Meinungsverschiedenheiten zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich: So will London etwa EU-Bürger nur bis zum Brexit mit Inländern gleichstellen, die EU fordert eine Gleichstellung bis zum Ende des Übergangs.

Zudem wollen die Briten nicht weiter alle Änderungen im EU-Recht während des Übergangszeitraums umsetzen. Die EU lehnt dies ab. Die Streitpunkte müssen laut Barnier noch ausgeräumt werden. «Im Moment ist die Übergangsphase noch keine beschlossene Sache.»

Die EU will Austritts- und Übergangsfragen möglichst bis Ende März klären und laut Barnier ab April über die künftigen Beziehungen verhandeln. Die britische Position will May in einer Rede am Freitag erläutern. (leo/sda/afp/apa/dpa)

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Brikne, 20.7.2017
Neutrale Infos, Gepfefferte Meinungen. Diese Mischung gefällt mir.

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11Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • c_meier 01.03.2018 00:21
    Highlight Lichtenstein wäre doch ein mögliches Vorbild für eine Lösung:
    - einerseits eine Zollunion mit der Schweiz (keine Zollkontrollen zur Schweiz
    - anderseits Mitglied im EWR und daher Warenverkehr in europäische Länder
    Fragt mich nicht wie, aber die Firmen in Lichtenstein müssen irgendwie nachweisen, dass sie keine Regeln in beiden Handelsräumen brechen
    5 1 Melden
  • Oberon 28.02.2018 23:21
    Highlight UK rauscht mit Anlauf in einen harten Brexit wenn die so weiter machen.
    10 2 Melden
  • Beat Galli 28.02.2018 20:40
    Highlight Spassig. Hier muss ich sagen, dass die EU einen sehr vernünftigen konkreten Vorschlag gemacht hat. Dieser ist auch noch spürbar menschlich.
    Im Gegensatz zu den bislang Nichtvorschlägen seitens GB.
    58 14 Melden
  • Cityslicker 28.02.2018 20:02
    Highlight Empörung kann die britische Regierung gut - aber seit über einem Jahr keinen substantiellen Vorschlag liefern, wie das selbstgeschaffene heisse Eisen Nordirland denn nun gelöst werden könnte.
    53 9 Melden
  • elias776 28.02.2018 19:49
    Highlight Die Vorteile will man behalten und mit den Problemen nichts zu tun haben wollen... so einfach wie sich das die Briten vorgestellt haben, geht das einfach nicht!
    62 19 Melden
  • Aaaaaarrghh 28.02.2018 19:11
    Highlight #UnitedIreland
    38 6 Melden
  • Majoras Maske 28.02.2018 18:38
    Highlight Marktzugang zur EU, der nordirische Friede, die Möglichkeit mit Drittstaaten Handelsverträge abzuschliessen und die Möglichkeit eigene Regulierungen zu erlassen oder die Einheit des UK. Diese Dinge widersprechen sich und die britische Regierung wird irgendwann etwas opfern müssen. Komplizierter wirds noch weil May sich so ohne Mehrheit von nordirischen Fundis mit ihrem Partikularinteressen stützen lassen muss...
    32 4 Melden
  • Der Rückbauer 28.02.2018 18:38
    Highlight Himmel, weshalb schliessen sich Nordirland und Irland nicht zusammen in einer Föderation?
    20 5 Melden
    • me myself 28.02.2018 23:14
      Highlight Grossbritannien will nicht loslassen, und Irland
      erhebt keinen Anspruch mehr. Macht für mich auch keinen Sinn, den viele Leute aus dem
      Norden pendeln nach Dublin oder sonst wo in die Republik zum arbeiten; und wäre da nicht eine andere Währung, würde man nicht mal merken das es ein "anderes" Land ist.
      Ausserdem kann jeder im Norden mittlerweile entscheiden ober den Britischen oder Irischen Pass will. Ich checks au nöd...
      6 0 Melden
    • Beat Galli 01.03.2018 00:06
      Highlight Die beiden Basel auch gleich, warum nicht ein Vereinigtes Appenzell, oder Unterwalden forever.
      Die Irländer und die eingewanderten Engländer, welche die Irländer verhungern liessen, haben sich nun mal nicht gern.
      Braucht Zeit halt.
      3 0 Melden
  • Hosch 28.02.2018 18:38
    Highlight Nun hier steht May zur Zeit wohl am ehesten unter Druck. Denn Option 4 ist die Wiedervereinigung von der Republik und dem Norden. Dies wird auf der Insel auch schon diskutiert und als Alternative gehandhabt sollte England keine zufriendstellende Lösung bieten.
    29 4 Melden

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